Theo-Web. Zeitschrift für Religionspaedagogik 16 (2017), H.2, 223-259

Trauerausdruck und Trauerbewältigung von Jugendlichen: Analyse eines Gedenkbuchs für einen tödlich verunglückten Mitschüler

Sind Jugendliche eigentlich in der Lage ordentlich und richtig Beileid zu bekunden? Woran kann man eine angemessene Beileidsbekundung eigentlich festmachen? Welche Strategien verwenden Jugendliche um ihre Trauer zu bewältigen? Diesen Fragen soll auf den Grund gegangen werden. Als Forschungs¬grundlage dazu dient ein Gedenkbuch, welches öffentlich in einer Schule auslag und im Anschluss den Eltern übergeben wurde, nachdem ein Schüler der Schule mit 15 Jahren tödlich verunglückt ist. Die Ergebnisse der Gedenkbuchanalyse werden abschließend religionsdidaktisch reflektiert. Dabei geht es um die Frage, wo der Religionsunterricht Kompetenzen bilden und fördern kann, dass junge Menschen mit den Themen Tod, Sterben und dem Leben nach dem Tod kompetent umgehen können.

Trauerbewältigung, Beileid bekunden, Todesvorstellungen Jugendlicher, Tod und Sterben

Einleitung

In dieser Arbeit geht es, ganz allgemein formuliert, um die Frage, wie Jugendliche mit dem plötzlichen Tod eines Mitschülers umgehen. Dieses Mit-dem-Tod-Umgehen hat verschiedene Facetten. Zunächst: Wie drücken die Jugendlichen ihre eigene Trauer aus? Kommen dabei auch die Hinter­bliebenen in den Blick oder bleiben sie bei sich selbst? Inwiefern ist der Tote selbst Adressat von Äußerungen? Sind Jugendliche eigentlich in der Lage ange­messen Beileid zu bekunden? Woran kann man eine ange­messene Beileids­bekundung überhaupt festmachen? Diesen Fragen soll auf den Grund gegangen werden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich im Gedenk­buch Ansätze zu einer Trauerbewältigung finden lassen: Wie gehen Jugendl­iche damit um, dass der Tod auch in ihr Leben ein­brechen kann, und was sind ihre Bewältigungs­strategien?

Als Forschungsgrundlage dient die Kopie eines Gedenkbuchs, welches nach dem tragischen Unfalltod eines 15-jährigen Schülers in einem eigens geschaffenen „Raum der Stille“ in der Schule ausgelegt worden war. Die Schul­gemeinschaft konnte etwas in dieses Buch hineinschreiben. Auf einem beigelegten Blatt stand, das Buch werde anschließend den Angehörigen des verstorbenen Schülers übergeben.[1]

Zu Beginn wird in zwei Theorieabschnitten betrachtet, was Beileids­be­kun­dungen und Trauerbewältigung auszeichnet bzw. was darunter verstanden wird, um in der Analyse zu sehen, an welchen Deutungsmustern sich die Schülerinnen und Schüler orientieren. In der Inhaltsanalyse des Gedenk­buches wird als erstes betrachtet, wie die jungen Menschen Beileid bekunden und an wen sie ihr „Kondolenzschreiben“ adressieren. Welcher Formen des Trostes bedienen sich die Schülerinnen und Schüler und kann die Beileids­bekundung im Endeffekt wirklich tröstlich für die Hinter­bliebenen sein? Im zweiten Schritt wird dann analysiert, mit welchen Strategien die Schüle­rinnen und Schüler versuchen, ihre Trauer zu bewältigen. Liegen hier religiöse Bewältigungs­strategien vor, oder bedienen sich die jungen Menschen aus dem breiten Spektrum an nicht-religiösen Angeboten?

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Analyse des Gedenkbuchs dienen schließlich als Grundlage für die Entwicklung von Perspektiven in Bezug auf den religions­pädagogischen Umgang mit Tod, Trauer und Ewigkeit. Diese christlichen Perspektiven, welche sich mit dem Himmel, der Aufer­stehung und dem Leben als Fragment beschäftigen, werden im Abschnitt 4 mit den Ergebnissen der Analyse verknüpft. Welche Deutungs­muster kann der Religionsunterricht den Schülerinnen und Schülern an­bieten, um ihre Kompetenzen im Umgang mit Tod und Trauer zu stärken?

1 Beileidsbekundung als Kompetenz

Es fällt vielen Menschen schwer über den Tod zu sprechen. Ein Todesfall im Ver­wandten-, Freundes- und Kollegenkreis oder in der Nachbarschaft stellt Menschen vor große Herausforderungen (EKHN, 2016). Sie wissen nicht, was sie den trauernden Hinterbliebenen sagen sollen und wie sie ihnen am besten Trost spenden können. Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur kaum Antwort auf die Frage, wie man einen trauernden Menschen gut unterstützt.

Im Internet dagegen finden sich vielfältige Ratgeber für Beileids­be­kundungen in Form von Kondolenzschreiben. Bei genauerer Recherche bekommt man auch Hin­weise, wie man mit den hinterbliebenen Menschen um­gehen und sie unterstützen kann. Auch Berufs­gruppen wie Pfarre­rinnen/Pfarrer und Bestatterinnen/Bestatter, welche häufig mit trauernden Menschen konfrontiert sind, geben auf Homepages konkrete Ratschläge zur Beileids­bekundung.

Viele der Internet-Seiten erläutern, dass ein Kondolenzschreiben dem Empfänger das Gefühl vermitteln soll, mit dem Verlust nicht alleine zu sein und damit Trost zu spenden (Bestattungsinstitut Korom, 2016). Es wichtig, den/die Empfänger/in wissen zu lassen, was der verstorbene Mensch einem bedeutet hat und dass man diesen auch vermisst. Dabei sollte man sich überlegt haben, was man den trauernden Menschen für die Zukunft wünscht. Dies kann Kraft, Zuversicht oder das Wieder­finden der verlorenen Freude sein. Das Wichtigste dabei ist, dass die kondo­lierende Person ehrlich ist und in einfachen Worten schreibt, was sie wirklich fühlt. Es kann bei Beileidsbekundungen auch hilfreich sein, über die eigenen Gefühle zu sprechen, um den Angehörigen zu zeigen, welche Beziehung man zu der verstor­benen Person hatte (Bestattungsinstitut Müller, 2016).

Bei der Verwendung von Zitaten sollte darauf geachtet werden, dass diese zu dem Verstorbenen passen und es nicht irgendwelche unpersönlichen „Floskeln“ (Be­stattungs­institut Korom, 2016) sind. Gleiches gilt für Bibelzitate, denn diese sind nur hilfreich und tröstend für die Hinterbliebenen, wenn sie gläubig sind – oder der verstorbene Mensch gläubig war.

Was ebenfalls fast alle Bestattungsunternehmen betonen, ist, dass es einen Unterschied macht, in welchem Verhältnis man zu der verstorbenen Person und ihren Hinterbliebenen steht. Es gibt sehr viele Beispieltexte und Vor­schläge dafür, wie man Kondolenztexte angemessen formuliert. Auf­fallend dabei ist, dass es eine Art Baukastensystem für Kondolenz­schreiben gibt und diese in zwei Kategorien unterteilt sind. So kann man aus­wählen, ob man den Hinterbliebenen einer eher nahe stehenden Person schreibt oder den Hinterbliebenen eines/r Kollegen/in.

Am Beispiel der Homepage des Bestattungsinstituts Korom (2016), wird gezeigt, wie so ein Baukastensystem aufgebaut ist. Grundsätzlich folgen die meisten vor­formulierten Beileidsschreiben einem spezifischen Aufbau:

Tabelle 1: Vorschlag zum formalen Aufbau von Beileidsbekundungen (Bestattungsinstitut Korom, 2016)

Die Anrede:

 

Freunde und Bekannte:

Vorgesetzte und Mitarbeiter:

Lieber Lars, liebe Lene,

Sehr geehrte Frau Doktor Müller,

Sehr geehrter Herr Meyer,

Ein guter Beginn:

 

Freunde und Bekannte:          

 

Vorgesetzte und Mitarbeiter:

Ich kann noch nicht fassen / wir können noch nicht fassen, dass Dein Bruder einen tödlichen Unfall hatte / uns für immer verlassen hat.

Wir sind sehr traurig, dass Inge nicht mehr unter uns ist.

Mit Bestürzung habe ich vom tragischen Tod Deiner Tochter erfahren.

Zum Tode Ihres Mannes sprechen wir Ihnen unser tiefes Mitgefühl aus.

Mit großem Bedauern haben wir heute vom Tode Ihrer Frau Mutter erfahren,...

Zu dem schweren Verlust durch den Tod Ihrer Frau spreche ich Ihnen mein herzliches Beileid aus.

Wir teilen mit Ihnen den schmerzlichen Verlust, den Sie durch den Tod von ... erleiden müssen.

Wertschätzung der/des Verstorbenen

 

Wenn Sie die verstorbene Person gut oder sehr gut gekannt haben, fallen Ihnen sicher spontan Eigenschaften oder Erlebnisse ein, die sie besonders geschätzt haben und die Ihnen unvergesslich bleiben werden.

Wenn Sie ein Kondolenzschreiben für einen Mitarbeiter oder Vorgesetzten formulieren könnten Sie das etwa so tun:

Sie war meine beste Freundin, ich werde sie nicht vergessen...

Wir hatten ihn sehr gerne, die Lücke, die er hinterlässt wird schwerlich zu schließen sein...

 

In all den Jahren unserer Zusammenarbeit haben wir seine faire, herzliche Art und vor allem seine fachliche Kompetenz geschätzt.

Wir können wohl kaum ermessen, welchen Verlust sein Tod für Ihr Unternehmen darstellt.

Viele Menschen werden sich dankbar und liebevoll an sie erinnern.

Alle, die sie kennen durften, haben ihre ganz besondere Ausstrahlung und Hilfsbereitschaft geschätzt.

Der gute Schluss

Was wünschen Sie Ihren Freunden jetzt? Einhalt, Ruhe, Zeit zur Verarbeitung der Trauer? Möchten Sie ein Hilfsangebot formulieren? Auch dies passt sehr gut an den Schluss.

Stehen Sie in einer geschäftlichen Beziehung zum Trauerhaus, formulieren sie den Schluss etwas distanzierter:

Sei umarmt ...

Mit stillem Gruß ...

In tiefer Trauer und innigem Mitgefühl ...

Ich bin sehr traurig und in Gedanken bei Euch...

Wir fühlen und trauern mit Ihnen...

Ich wünsche Ihnen all die Kraft, die Sie jetzt brauchen, um das Leben allein zu meistern ...

Ich kann nur ahnen, wie groß Ihr Schmerz und wie tief Ihre Trauer ist ...

 

Die Angebote der Bestattungsinstitute stützen die Eingangsthese, dass ein Todesfall eine besondere Herausforderung für Menschen ist. Sie brauchen Unterstützung, wenn sie trauernde Menschen ansprechen oder ihnen schreiben. Selbst bei Per­sonen, welche ihnen nahe stehen, wissen sie in dieser besonderen Situation nicht, wie sie sich adäquat verhalten sollen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau veröffentlicht auf ihrer Homepage unter dem Titel „Angemessen mit Trauernden umgehen“ ebenfalls eine Hilfestellung für den Umgang mit trauernden Menschen (EKHN, 2016). Hierbei handelt es sich um eine Zusammenfassung aus den Erfahrungen eines Pfarrers, eines Hospiz­seel­sorgers und von Mitgliedern des Vereins der Bestatter. Sie erörtern neben den schrift­lichen Beileidsbekundungen auch die zwischenmenschliche Dimension zwischen der trauernden Person und dem/der Beileidspendenden.

Dort wird benannt, dass das Angebot zum Gespräch für viele trauernde Menschen sehr hilfreich ist. Sie verarbeiten ihre Gefühle, wenn sie erzählen können, wie alles geschah und wie es ihnen jetzt geht. Während des Gespräches sollte man vor allem zuhören. Erinnerungen und Befürchtungen des trauernden Menschen sollte man versuchen zu verstehen und Ratschläge vermeiden, auch wenn diese gut gemeint sind. Neben den Gesprächen wird geraten, sich aktiv um das Wohlbefinden des trauernden Menschen zu kümmern. Viele Trauernde vergessen zu essen oder haben keine Kraft zum Kochen. Dies kann ein Anlass sein, dem Trauernden anzubieten, für ihn zu kochen.

Wer auf einen trauernden Menschen zugeht und diesem sagt, dass man weiß, wie er/sie sich fühlt, hilft der trauernden Person damit nicht, sondern nimmt ihr das Gefühl, eine ganz individuelle, einmalige und persönliche Trauer zu erleben, wie sie in dieser Kombination noch niemand vorher erlebt hat (Wilkening, 1997, S. 105). Der Respekt vor dieser Einmaligkeit verbietet es auch, andere Vergleiche anzu­stellen, wie etwa:

„Die Zeit heilt alle Wunden. Es muss weitergehen. Du musst jetzt stark sein. Er/Sie hätte nicht gewollt, dass Du so traurig bist. Wenigstens hat er/sie nicht gelitten. Es war Gottes Wille.“ (EKHN, 2016)

Den größten Fehler, den man allerdings machen kann, ist die trauernde Person erst gar nicht auf den Todesfall anzusprechen (EKHN, 2016). Viele Trauernde werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht anrufen und um Hilfe nachfragen, da sie keine Belastung sein wollen. Man sollte ihnen eher direkt praktische Hilfe anbieten, als ein Angebot für irgendwann zu formulieren.

Festzuhalten ist, dass es keine richtige Form der Beileidsbekundung gibt. Auch das Fehlen von Literatur und Forschung zeigt, dass es keine wirkliche „Verordnung“ zum Kondolieren geben kann. Jeder Mensch trauert anders und hat ein Recht auf seine individuelle Trauer. Orientieren kann man sich jedoch an den dargestellten Hinweisen und Tipps aus der Praxis. Diese Menschen haben Erfahrung mit trauernden Personen und bieten im Internet ihre Hilfestellung zum Umgang mit Trauernden an. Offen bleibt jedoch die Frage, ob Menschen in den Situationen von Über­forderung und Trauer Ratschläge im Internet suchen. Hier könnte es sich als sinnvoll erweisen, das Bekunden von Beileid als Kompetenz zu erlernen. Der Gedanke, ob es sinnvoll ist, diese Kompetenzen schon in der Schule zu erwerben, wird im Diskussionsteil dieser Arbeit – nach der Auswertung des Gedenkbuches – erneut aufgenommen.

2 Trauerbewältigung als Kompetenz

In diesem Abschnitt soll es um die Formen von Trauerbewältigung gehen. Es gibt eine kaum noch überschaubare Vielzahl an Büchern zum Thema Trauer, Trost, Trauer­begleitung; dies betrifft zum einen Seelsorge-Fachbücher (exemplarisch Ziemer, 2000, Kap. 9.3 „Seelsorge im Trauerfall“), zum anderen die Literatur, die im Rahmen der Ausbildungen zum Trauer­begleiter/zur Trauerbegleiterin entstanden ist (exemplarisch Müller, Brathuhn & Schnegg, 2014). Seit 2012 gibt es sogar eine eigene Zeit­schrift: „Leidfaden. Fach­magazin für Krisen, Leid, Trauer“. Hinzu kommen all die Veröffentlichungen in Aufsatz­form, die es in Seelsorge-Zeit­schriften wie „Wege zum Menschen“ gibt. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, all dies systematisch zu sichten und im Hinblick auf „Trauer­bewältigung als Kompetenz“ zu befragen. Es ist ohnehin fraglich, ob die Trauer nicht als ein natürlicher Prozess gesehen werden muss, der durchlebt, aber nicht „bewältigt“ wird. Hier sind mit „Trauer­bewältigung“ eher die Strategien gemeint, deren sich die Jugendlichen bedienen, um mit dem erlebten Verlust umzu­gehen. Die oftmals beschriebenen Trauer­phasen nach Verena Kast (2001), die in der Literatur als eines der wichtigsten Grund­lagenmodelle für das Verständnis von Trauerprozessen gelten (Dossow, 2007, S. 56), sind jedoch für diese Arbeit nicht bedeutsam, da die Beiträge des Gedenk­buches allesamt in einer sehr frühen Phase nach dem Tod des Mitschülers entstanden sind, also zur Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens gehören.

Auch werden nicht alle Schülerinnen und Schüler die Trauerphasen über­haupt durch­lebt haben, da viele von ihnen – wie aus den Beiträgen hervor­geht – den Verstorbenen nicht persönlich gekannt haben. Bei der Betrach­tung des Gedenk­buches wird jedoch klar, dass fast alle Mitschül­erinnen und Mitschüler, die in das Gedenkbuch hinein­geschrieben haben, auch mitgetrauert haben.

Das Mittrauern der Schülerinnen und Schüler ist zunächst einmal nichts Ver­wunder­liches, denn Trauer ist zu Beginn eine natürliche Reaktion auf ein Verlust­erlebnis (Wilkening, 1997, S. 83). Nach Wilkening (1997) ist etwas verloren gegangen – in unserem Fall auf dramatische und plötzliche Weise ein Mitschüler – und es folgt der schmerz­liche Umgewöhnungs­prozess; vereinfacht gesagt: der zurück­ge­bliebene Teil fühlt sich beraubt und möchte den verlorenen Teil wieder­haben. Es wird dabei nur schwer akzeptiert, dass dies nicht mehr möglich sein wird (ebd., S. 84). Immer wieder laufen Gewohn­heiten ins Leere. „Diese vielen kleinen schmerz­vollen Abschiede vom bisher Vertrauten werden ‚Trauer­arbeit‘ genannt.“ (ebd.)

Die individuelle Trauerarbeit ist allerdings auch an die gesellschaftlichen Bedin­gungen angepasst. Die Bedingungen von Sterben, Tod und Trauer haben sich, wie Lammer (2010, S. 39) dokumentiert, in unserer modernen Gesellschaft stark verändert. Da wären an äußerlichen Bedingungen zum Beispiel die demographische Ver­änderung, medizinische Fortschritte oder die Verlagerung des Sterbeortes in das Kranken­haus. So gehört Sterben und Tod nicht mehr wie früher zum Alltag, sondern lediglich alle 15 bis 20 Jahre tritt ein Todesfall im engeren familiären Umfeld auf (ebd., S. 40). Dadurch treten Tod, Sterben und Trauer im allgemeinen Erleben und Bewusst­sein immer mehr in den Hintergrund und die Bewältigung wird immer weniger eingeübt (ebd.).

Hinzu kommt nach Lammer noch der Rückgang sozialer Riten und Trauer­gebräuche, darunter speziell der Rückgang der kirchlichen Bestattungen (ebd.). Durch das Schwinden des öffentlich sichtbaren Umgangs mit Trauer, Tod und Sterben wird die soziale Gemeinschaft im Umgang damit zunehmend ungeübt und verunsichert. Was die Soziologie auch für viele andere Lebensbereiche feststellt, trifft insbesondere auf den Bereich Sterben, Tod und Trauer zu: „Privatisierung und Individualisierung von Lebenslagen“ (ebd., S. 44).

In den verschiedenen Stadien der Trauerarbeit und bei Menschen mit unter­schiedlichen Biographien können nach Wilkening (1997, S. 106) oft unterschiedliche Dinge ein Trost oder eine Hilfe sein. So können einige Menschen Trost schöpfen, indem sie an ein Wiedersehen im Jenseits glauben, während andere den über­raschenden Unfalltod als Strafe sehen könnten und dadurch verbittern (ebd, S. 83).

Nach Ulrich Pfeifer-Schaupp (2008, S. 43) sind Trauer und Leiden, Krankheit und Schmerzen Probleme, die bewältigt werden müssen. Trauer muss durch Trauerarbeit über­wunden werden. Diese Perspektive hat wertvolle Erkenntnisse über Coping-Strategien, Bewältigungsmechanismen hilfreicher und nicht hilfreicher Art beschert.

Im Allgemeinen kann man Stress als eine Alarmreaktion des Körpers verstehen. Gefahr oder Bedrohung löst zahlreiche körperliche Reaktionen aus, darunter die Aus­schüttung der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und Cortisol (Satow, 2012, S. 5). Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Stress mehr ist als eine einfache Reaktion auf eine Bedrohung. Was den einen Menschen in Stress versetzt, lässt einen anderen völlig kalt (ebd.). Offenbar entscheiden sowohl die Einschätzung von Situationen als auch der Umgang mit Stress darüber, wie Stress erlebt wird und wie er sich auswirkt.

„Bereits im Alltag kann man beobachten, dass Menschen unterschiedlich mit Stress umgehen. Während einige Menschen in Panik und Aktionismus ver­fallen, greifen andere zu Alkohol- und Zigaretten. Wieder andere stecken den Kopf in den Sand. Einige Menschen analysieren aber auch in aller Ruhe das Problem und versuchen, die Stressquellen systematisch zu beseitigen. Die unter­schiedlichen Verhaltensweisen im Umgang mit Stress werden auch als Coping bezeichnet.“ (ebd.)

Coping steht für Stressbewältigungs-Strategien. Das Stress- und Coping-Inventar (SCI) wurde mit dem Ziel entwickelt, die aktuelle Belastung durch Stress, die psychischen und körperlichen Folgeerscheinungen (Stress­symptome) sowie den Umgang mit Stress (Coping) zuverlässig zu messen. Dazu umfasst das SCI folgende psycho­metrische Skalen: (1) Stress durch Unsicherheit; (2) Stress durch Über­forderung; (3) Stress durch Verlust und tatsächlich eingetretene negative Ereignisse; (4) körperliche und psychische Stresssymptome (Satow, 2012, S. 3).

Ein weiterer bekannter Fragebogen zur Messung der Stressbewältigung (Coping) ist der „Brief COPE“ von Carver (1997). In diesem Fragenbogen unterscheidet man ins­gesamt 14 unterschiedliche Arten mit Stress umzu­gehen. Faktorenanalysen konnten diese Struktur jedoch nie bestätigen (Satow, 2012, S. 5). Tat­sächlich können Menschen in der Regel nur wenige grundlegende Coping-Strategien unterscheiden. Die meisten Faktoren­analysen lassen auf drei bis fünf solcher Strategien schließen: (1) positives Denken; (2) aktive Stress­bewältigung; (3) soziale Unterstützung; (4) Halt im Glauben; (5) Al­ko­hol- und Zigarettenkonsum (ebd.).

Für diese Arbeit sind die Durchführung und die Methode dieser Messungen nicht weiter relevant, sondern wir bedienen uns lediglich der inhaltlichen Systematik der Skalen. Die Trauer der Mitschülerinnen und Mitschüler kann nämlich mit „Stress“ insofern gleich gesetzt werden, als die Punkte „Stress durch Unsicherheit“, „Stress durch Überforderung“ und „Stress durch Verlust“ sowie tatsächlich eingetretene negative Ereignisse die tatsächliche Situation der Schülerinnen und Schüler zum Zeitpunkt des Schreibens abbilden. Dabei dienen die vier Punkte, welche zum Umgang mit dem Stress gehören, als kategorische Einordnung. Der Punkt Alkohol- und Zigarettenkonsum wird dabei ignoriert, da er im analysierten Gedenkbuch keine Anhaltspunkte hat.

3 Analyse des Gedenkbuchs

In diesem Abschnitt geht es um die Analyse des Gedenkbuches. Als erstes wird die Methode beschrieben, mit welcher die Beiträge in dem Gedenkbuch ausgewertet wurden. Im Jahr 2009 war ein 15-jähriger Schüler auf dem Weg zur Schule tödlich verunglückt. Da sich der Unfall nur wenige Meter von der Schule entfernt ereignete und etliche Schülerinnen und Schüler diesen auch sahen, können sie sowohl von dem Verlust wie von dem Unfallereignis selbst betroffen sein.

Das Gedenkbuch, das zwei Wochen auslag, bot den Jugendlichen in dieser Situation die Möglichkeit, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Wer das beigelegte Blatt wahrgenommen hat, konnte wissen, dass das Gedenkbuch später der Familie des Verstorbenen übergeben würde. Von der folgenden Analyse der Einträge erhoffen wir uns weiterführende Erkenntnisse für die Gestaltung von Lern- und Lehrprozessen bezogen auf das Thema Tod und Trauer.

3.1 Methode

Das Gedenkbuch wird mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Dabei besteht das Grundkonzept der qualitativen Inhalts­analyse nach Ramsenthaler (2013, S. 23) darin, Texte systematisch zu analysieren, indem das Material schritt­weise mit theoriegeleitet am Material entwickelten Kategoriensystemen bearbeitet wird. Dabei geht es um eine Zusammenfassung des Textes und den darin ent­haltenen Sinn in Kategorien darzustellen. „Das Kategorien­system mit Kategorien, Unter­kategorien, Kategoriendefinitionen und Anker­beispielen stellt den in den aus­ge­werteten Texten enthaltenen latenten Sinn dar.“ (ebd.)

So wird es auch bei dem Gedenkbuch gemacht. Zunächst wird der Inhalt des Buches gesichtet und alle Beiträge des Buches nummeriert, sowie Seitenzahlen vergeben. Dies dient später zu einer sicheren Zuordnung der Beiträge. Dann werden in einem ersten Durchgang mit dem Theoriebezug die Einträge durchgesehen. Dabei wurden die Beiträge in verschiedene Adressaten-Gruppen sortiert. Der Befund ist in Tabelle 2 dargestellt. Im Anschluss daran werden einige Beiträge beispielhaft für die jeweilige Kategorie ausgewählt und interpretiert. Neben den ein­deutigen Adressaten-Gruppen, gibt es auch Überschneidungen und Misch­gruppen, was ebenfalls in Tabelle 2 zu sehen ist.

Es haben sich auch zwei Kategorien gebildet, welche nicht analysiert wurden. Zum einen sind das Beiträge, welche aufgrund der schlechten Kopie oder der Schrift nicht lesbar waren. Zwei Beiträge gab es auch in einer fremden Sprache, welche eben­falls nicht mit analysiert wurden, da sie nicht verstanden wurden. Zum anderen gab es drei Einträge von Erwachsenen (Sekretärinnen und Lehrkräfte). Diese werden ebenfalls außer Acht gelassen.

In einem zweiten Schritt wird das Gedenkbuch erneut durchgesehen und in jedem der Beiträge beobachtet, welche Strategie der Trauerbewältigung die Schülerinnen und Schüler für sich in Anspruch nehmen. Die Beiträge werden dort ebenfalls verschiedenen Kategorien zugeordnet (Tabelle 3). Im Anschluss daran werden einige Beiträge beispielhaft für die jeweilige Kategorie ausgewählt und interpretiert.

Für diese Arbeit wird der Vorname des verstorbenen Schülers in Markus und der Nachname in Muster geändert. Ebenso wird das Datum des Unfalltodes – wenn es in den Beiträgen erwähnt wurde – durch „XX.XX.XX“ unkenntlich gemacht. Aufgrund der zahlreichen Rechtschreibfehler in den Beiträgen wurden die Fehler in den Zitaten nicht markiert, da für diese Arbeit nur der Inhalt von Bedeutung ist.[2] Des Weiteren fällt hier auf, dass der Verstorbene als bestimmt fröhlich und nett dargestellt wird, obwohl die Schülerinnen und Schüler ihn gar nicht gekannt haben. In dem dritten Zitat (Beitrag 62) findet sich neben dem fehlenden Trost eine eher provokative Aussage. „Vielleicht war es aber auch besser, dass du nun gestorben bist, denn wenn du noch am Leben würdest wäre dein Leben bestimmt eine Qual!“ Hier lässt sich vermuten, dass der Mitschüler/die Mitschülerin auf den Unfall des Verstorben anspielt und offenbar davon ausgeht, dass Markus nach dem Unfall ein Pflege­fall geworden wäre. Über das Motiv der Aussage kann nur spekuliert und dem/der Schüler/in positiv unterstellt werden, dass er/sie den Tod als eine Erlösung sieht, welche besser ist als ein Leben mit Behinderungen oder/und Qualen. Für Eltern und Angehörige wird dies vermutlich wenig tröstlich sein. Hier lässt sich sehr deutlich ablesen, dass die Jugendlichen vor allem sich selbst und ihre Ängste im Blick haben und nicht Markus’ Angehörige.

 

Texte an den Verstorbenen und die Angehörigen

Zwei der Einträge, welche an Markus adressiert sind, richten sich auch explizit an die Angehörigen:

„Lieber Markus, keiner weiß warum du von uns gehen musstest. Du hattest noch dein ganzes Leben vor dir. Auch wenn wir dich nicht kannten trauern wir mit deinen Freunden und deiner Familie. Du warst sicher ein guter Mensch und wir hoffen es geht dir dort oben gut. Pass auf Lara, deine Freunde und vor allem auf deine Familie auf. Wir wünschen allen Trauernden Kraft und Stärke. Zusammen sind wir stark und schaffen das. Ein Mensch ist nur dann tot, wenn man ihn vergisst und das werden wir nie. In unserem Herzen lebst du weiter. Ruhe in Frieden“ (Gedenkbuch, Beitrag 83, S. 38)

Hier werden die Einträge zunächst an den Verstorbenen adressiert, auch wenn dieser nicht persönlich bekannt war. Trotz der Fremdheit des Verstorbenen trauern sie um ihn. Sie richten ihr Beileid und ihr Mitgefühl an die Angehörigen von Markus, mit den Worten: „Zusammen sind wir stark und schaffen das“. Dann verläuft sich die Bekundung allerdings in Floskeln, denn es heißt weiter: „Ein Mensch ist nur dann tot, wenn man ihn vergisst und das werden wir nie. In unserem Herzen lebst du weiter.“ Hier kommt Zweifel auf, wie man einen Menschen für immer im Herzen tragen will/kann, wenn man ihn überhaupt nicht gekannt hat. Durchaus ist eine gute Absicht zu erkennen, allerdings ist diese – wenn man sie mit den Hinweisen der Bestattungs­institute und der Kirche vergleicht – nicht besonders kompetent und tröstend.

Texte an den Verstorbenen und die eigene Person

Wie in der Tabelle sichtbar, gibt es sieben Einträge in dem Gedenkbuch, welche die Schülerinnen und Schüler an den Verstorbenen richten, allerdings dann ihre eigene Person und ihre Fragen in den Mittelpunkt des Schreibens stellen:

„Lieber Markus, als ich erfahren habe, dass du von uns gegangen bist, war ich schockiert. Ich wusste nicht wie ich damit umgehen sollte. Ich habe mir immer die Frage gestellt Wieso? Wieso du? Wieso musstest du so früh von uns gehen? Ich verstehe das einfach nicht. Du warst immer ein froher Mensch. Du warst zufrieden mit deinem Leben! Jeden Tag bin ich am Unfallort und trauer. Ich versuche mich abzulenken, doch ich schaffe es nicht. Ich fange jeden Mal an zu weinen. Ich hoffe, da oben geht es dir gut. Du wirst immer in meinem Herzen bleiben! Wir vermissen dich“ (Gedenkbuch, Beitrag 81, S. 37)

„Lieber Markus, seit du tot bist ist alles anders. Ich bin oft traurig, dass du nicht mehr da bist, aber ich kann trotzdem lachen. Das ist auch gut so, denn es geht ja weiter. Ich hoffe dir geht es auch gut und wir werden uns irgendwann wieder sehen.“ (Gedenkbuch, Beitrag 98, S. 48)

In dieser Kategorie finden sich auch nur wenig tröstende Worte für die Angehörigen. Die Schülerinnen und Schüler fragen nach dem Warum und beschreiben in einem Selbstgespräch ihren Ausdruck von Trauer. Ange­hörige stellen sich in der Regel dieselben Fragen und finden auch durch das Wiederholen der Schülerinnen und Schüler keine Antworten darauf.

Der zweite Beitrag Nr. 98 wirkt wie eine Rechtfertigung, welcher sich hinter einer Floskel „…denn es geht ja weiter“ versteckt. Sicher stehen die meisten der Mitschüler/innen dem Verstorbenen nicht so nah wie Eltern und andere Angehörige und es ist deshalb legitim, dass ihr Leben nicht so lange von dem Todesfall überschattet wird und sie schneller in die Alltäglichkeit zurückfinden. Dies ist jedoch kein Trost für Menschen, welche in ihrem Trauerprozess noch nicht so weit sind.

In dieser Kategorie scheint es so, als ob die Schülerinnen und Schüler Antworten oder eine Bestätigung für ihre Fragen und ihr Handeln bräuchten. Im Vergleich zu den anderen Beiträgen, welche auch an Markus adressiert sind, wird hier weniger Rück­sicht auf die Angehörigen genommen und die eigene Trauerbewältigung in den Mittelpunkt gerückt. Die Briefe an Markus sind so formuliert, dass sie Antworten von dem Verstorbenen erwarteten. Als würde Markus sagen, dass es okay ist, wieder zu lachen und sie nicht wegen ihm traurig sein sollen. Als Trost für die Hinterbliebenen ist diese Form allerdings äußerst ungeeignet.

Texte an den Verstorbenen – Resümee

Einträge in Form eines persönlichen Briefes an den Verstor­benen sind kritisch zu betrachteten. Zum einen gibt es zwar einige wenige tröstende Elemente für die Angehörigen, durch welche sie intime Einblicke in das Leben ihres verstorbenen Kindes bekommen. So können sie sehen, welche schönen Erlebnisse mit ihm geteilt wurden. Sie bekommen Gewissheit darüber, dass ihr Sohn viele Freunde hatte und bei vielen Menschen für seine freundliche und herzliche Art geschätzt wurde. Dies können durchaus sehr tröstende Elemente für Eltern sein.

Zum anderen dienen allerdings die meisten Beiträge wohl eher zur eigenen Trauerbewältigung der Schülerinnen und Schüler. Diese erinnern sich zwar an das Leben mit Markus zurück, nutzen den Raum für ihre eigenen Fragen und recht­fertigen ihr eigenes Denken und Handeln in Bezug auf den Tod ihres Mitschülers.[3] Es mag sein, dass die Person, welche diesen Beitrag geschrieben hat, auch schon einen nahestehenden Menschen verloren hat, allerdings kann sie nicht wissen, wie schwer es ist, den eigenen Sohn zu verlieren. Diese Floskel kann unter Umständen auch Wut bei den trauernden Menschen auslösen, da sie es als Provokation verstehen können, dass jemand behauptet, ihren Schmerz nachempfinden zu können.

Viele der Beileidsschreiben an die Eltern beschreiben den besonderen Charakter des Verstorbenen und die Verfasserinnen und Verfasser bedanken sich für die Zeit, welche sie mit ihm verbringen durften.

„Ich wünsche ihnen, dass sie ihren Sohn als den großartigen und wunder­vollen Menschen im Gedächtnis behalten der er war. Sehen sie in sich nicht traurig zurück, sondern erinnern sie sich an die wundervollsten Momente mit ihm. Lassen sie ihn in ihren Herzen weiterleben. Er war der fröhlichste und offenste Mensch den ich je kennengelernt habe. Ich bin dankbar, dass ich ihn kennen­lernen durfte.“ (Gedenkbuch, Beitrag 21, S. 12)

Hier wird den Angehörigen dafür gedankt, dass es Markus gab und was er für ein wundervoller Mensch gewesen ist. Es wird ermutigt, sich nicht mit dem Blick der Trauer an Markus zu erinnern, sondern dankbar zurück zu schauen und sich über die gemeinsamen und wertvollen Momente, welche man mit ihm erleben durfte, zu freuen. Diese Form der Beileidsbekundung kann für die Angehörigen durchaus tröstliche Elemente besitzen, da man dazu aufgefordert wird, sich an die schönen Momente zu erinnern und auch hier Gewissheit bekommt, dass der verstorbene Sohn eine geschätzte und beliebte Persönlichkeit war.

In einigen Beileidsschreiben wird versucht, den Verstorbenen unsterblich zu machen und eine Sinnstiftung zu konstruieren.

„Ruhe in Frieden. Markus ist von uns gegangen. Er ist jetzt in einer anderen unbekannten Welt. Ihr habt einen neuen Beschützer. Einen Engel der auf euch aufpasst und euch beschützt. Markus wird immer in unseren Herzen bleiben. Seid stark und haltet zusammen.“ (Gedenkbuch, Beitrag 22, S. 13)

Dadurch, dass Markus in Beitrag 22 als Engel bezeichnet wird, welcher immer auf die Ange­hörigen aufpasst, diese beschützt und immer in den Herzen bleibt, wird er gewisser­maßen unsterblich gemacht. Er ist zwar nicht mehr real spürbar und sein Körper anwesend, aber als Engel immer noch ganz nah bei den Menschen auf der Welt. Dies soll den Eltern vermitteln, dass der Sohn nicht wirklich gegangen ist. Allerdings kann der Spruch „Seid stark und haltet zusammen“ wieder als eine unangemessene Auf­forderung aufgefasst werden. Was bedeutet eigentlich „Stark-Sein“ in einem Trauer­prozess? Darf man nicht trauern wie man möchte? Mit welchem Recht darf man trauernden Personen überhaupt Ratschläge (Rat-Schläge!) geben?

Neben dem Zeigen von Stärke wird auch dazu aufgefordert, zusammen zu halten. Hier stellen sich dieselben Fragen und es kann ebenfalls als Provokation aufgefasst werden, Ratschläge zu erhalten. Durch die ungeschickte Formulierung kann hier ein sicher liebevoll und herzlich gemeinter Satz seine tröstende Mission verfehlen.

 

Texte an die Angehörigen und die eigene Person

Ähnlich wie bei dem vorangegangen Abschnitt, gibt es auch bei dieser Form Schüle­rinnen und Schüler, die ihre Texte zwar an die Angehörigen adressieren, allerdings dann die eigenen Fragen und Bedürfnisse ins Zentrum rücken.

„Ich wollte etwas Einfallsreiches schreiben, aber mir ist klar geworden das nicht darauf ankommt. Ich möchte etwas Ermutigendes schreiben, aber ich kannte Markus nicht und sie kenne ich auch nicht und deswegen fällt es mir schwer.

Ich kann sagen, dass die ganze Schule trauert, Alle versuchen sich in ihre Lage zu versetzten, aber dies kann man nur, wenn man jemanden so wertvolles verloren hat. Ich weiß das kein Wort von mir ihren Sohn zurück holen wird – traurig aber leider war!

Ich weiß nicht, was ich glauben soll, zum einen all die Gerüchte und zum anderen die Glaubensfragen. Ich glaube oder glaubte, dass es einen Gott gibt, aber in solchen Momenten frage ich mich, warum er solche guten Menschen von uns nimmt!

Ich gebe die Hoffnung an eine gute Welt nicht auf und dies sollten sie auch! Ich hoffe sie können irgendwann ein annähernd normales Leben leben! Markus, nie werde ich dich vergessen! R.I.P“ (Gedenkbuch, Beitrag 12, S. 6)

Diese Bekundung fängt erstaunlich ehrlich an und klärt die Angehörigen über das Verhältnis zu dem Verstorbenen auf. Es wird ehrlich gesagt, dass man nicht weiß, wie man etwas Ermutigendes in so einer Situation schreiben soll. Die besondere Lage der Eltern wird hervorgehoben und bestärkt, dass ihre Trauer aktuell niemand nachvollziehen kann. Etwas Tröstendes wird hinzugefügt, nämlich das die komplette Schule gemeinsam um den verstorbenen Sohn trauert.

Anschließend kippt die Beileidsbekundung und die persönlichen Probleme und Glaubensfragen rücken in den Fokus. Wo am Anfang noch klar gesagt wird, dass man sich gegenseitig nicht kennt, müssen die Angehörigen jetzt die Glaubens­vor­stellungen, das Zweifeln an Gott und die kurz verlorene Hoffnung an eine gute Welt lesen. Dies ist wenig bis gar nicht tröstend für die Angehörigen und zeigt lediglich die Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer.

Floskelhaft wirken auch hier die Aussagen, dass ein solch guter Mensch von uns gegangen ist und das er/sie Markus nie vergessen wird – floskelhaft deshalb, da er/sie einige Zeilen vorher beschreibt, den Verstorbenen nicht gekannt zu haben. Dieses Phänomen, dass der verstorbene Schüler auch von fremden Mitschülerinnen und Mitschülern als ganz besonders gut benannt wird und trotz der Fremde immer unvergessen bleiben wird, zieht sich nahezu durch das komplette Gedenkbuch. Darauf wird später in dieser Arbeit noch genauer eingegangen.

„Liebe Angehörigen,

Ich kannte Markus nicht sehr gut. Ich kannte ihn vom sehen und von Lara. Doch trotzdem bin ich sehr betroffen über das, was geschehen ist, denn er ist einer von uns.

Ich bin mir sicher, dass er all das, was wir nun für ihn machen sieht und hört. Und ich glaube daran, dass es ihn freut, wie sehr wir doch alle an ihn denken, jeder von uns.

Niemand hätte gedacht, dass so etwas auch einmal uns betreffen könnte. Und nun weiß ich auch, mit welcher Angst mein Vater mich auf dem Roller losfahren lässt, mit den Worten ‚Fahr Vorsichtig!‘ Markus soll in Frieden unter den Engeln ruhen…

Mein Beileid an Familie und Angehörige, Freunde“ (Gedenkbuch, Beitrag 16, S. 8)

Auch in Beitrag 16 wird ein guter Einstieg gewählt und den Ange­hörigen erklärt, in welchem Verhältnis man zu dem Verstorbenen steht. Es wird das Verbindende herausgestellt und erklärt, warum man trotzdem trauert, auch wenn man Markus nicht kannte. Die Tatsache, dass beide auf derselben Schule waren verbindet sie. „Er war einer von uns“ schreibt er/sie in dem Kondolenzschreiben. Dann wird über das eigene Leben erzählt, darüber das man durch den Tod von Markus die eigenen Eltern und ihre Sorgen besser verstehen kann. Dies zeigt auch wieder eine Form der eigenen Trauerbewältigung, allerdings bietet es den Angehörigen von Markus keinen Trost. Lediglich der Zusammenhalt in der Schule und die Identifizierung mit Markus können tröstlich sein.

Texte an die Angehörigen – Resümee

Auch bei der direkten Beileidsbekundung an die Angehörigen fehlt es den Schüle­rinnen und Schüler an Kompetenz. Zwar beherrschen einige von ihnen die gesell­schaftliche Form der klassischen Beileidsbekundung ohne besonderen Trost und ohne etwas Unangemessenes zu schreiben. Allerdings verlieren einige das Nähe-Distanz-Verhältnis zu den Angehörigen aus den Augen. Sie machen ihnen Vorschläge, wie sie mit ihrer Trauer umgehen sollen, obwohl sie die trauernden Personen überhaupt nicht kennen. Man identifiziert sich und unterstellt, dass man genau wisse, wie sich die Angehörigen jetzt fühlen. Daneben rückt auch die eigene Trauerbewältigung in den Fokus und lässt damit das Tröstliche weichen.

Einige Schülerinnen und Schüler beherrschen jedoch auch die Kompetenz, den Angehörigen ihr Mitgefühl auszusprechen, zu beschreiben, was für ein besonderer Mensch der Verstorbene war und die Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit zu betonen. Diese werden allerdings oft mit Floskeln untermalt.[4]

Diese Beiträge sind weder adressiert noch beschreiben sie das Verhältnis, in welchem die Schreibenden zu dem Verstorbenen gestanden haben. In den ersten beiden Beiträgen befindet sich allerdings eine Form der Anteilnahme und es wird bedauert, was passiert ist. In den anderen beiden Beiträgen wird der Verstorbene wieder als nett, freundlich und hilfsbereit dargestellt. Auch wenn das dritte Beispiel keinen Trost und keine Beileidswünsche enthält, vermittelt es dennoch ein positives Bild des Verstorbenen. "Das Leben ist eine Brücke, gehe hinüber aber baue kein Haus darauf, denn was vom Leben bleibt, ist im Tode wertlos. (Graffiti an einer indischen Stadtmauer)" (Gedenkbuch, Beitrag 43, S. 25) Dieses und einige ähnliche Zitate befinden sich in dem Gedenkbuch. Hier stellt sich allerdings die Frage, welchen tröstenden Gedanken die Ange­hörigen dadurch ver­mittelt bekommen sollen? Das Zitat gibt ja eher eine Anweisung für das Leben, denn es sagt, dass man sich nicht zu sehr an irdischen Dingen festhalten soll, da sie mit dem Tod wertlos werden. Da Markus schon gestorben ist, kann ihm diese Weisheit nichts mehr nützen. Gerade die Momente, Situationen und besonderen Erlebnisse mit Markus zu Lebzeiten auf dieser Erde, können hier häufig als Trost wahrgenommen werden und diese Momente und Erlebnisse bleiben über den Tod hinaus bestehen und sind wertvoll für alle, die den Verstorbenen kannten. Hier wird die Hilflosigkeit bzw. Inkompetenz zur Beileidsbekundung besonders deutlich. "Meine Eltern waren schockiert als ich ihnen erzählt habe, das ein Markus Muster vom Auto angefahren wurde und zwei Mal wiederbelebt werden musste. Mir ist bei dem Namen nichts aufgefallen, aber meinen Eltern sofort. Ich finde es doof, dass vor der Ampel immer noch 50km/h erlaubt sind." (Gedenk­buch, Beitrag 36, S. 22) Auch in Beitrag 36 wird die mangelnde Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, Empathie auszudrücken, deutlich. Allenfalls könnte man diesem Beitrag zugute halten, dass er besonders ehrlich ist und keine Gedanken und Beileidswünsche künstlich erzeugt wurden. Hier zeigt sich die Distanz, welche der/die Mitschüler/in zu Markus hatte. "Mir ist bei dem Namen nichts aufgefallen", kann zum einen so gelesen werden, dass er den Verstorbenen wirklich nicht gekannt hatte, seinen Namen noch nie gehört hat und deshalb keine Empfindungen zu dem Tod verspürt, oder es meint eine Gleichgültigkeit zu dem Tod des Mitschülers. Das Argument der Gleichgültigkeit kann allerdings durch den zweiten Satz wider­legt werden, wenn man davon ausgeht, dass die besagte Ampel jene ist, an der Markus seinen Unfall hatte. Dann könnte der Satz: "Ich finde es doof, dass vor der Ampel immer noch 50km/h erlaubt sind" als Ausdruck seiner/ihrer Gedanken zu dem Unfall und Form der individuellen Trauer­bewältigung gedeutet werden.[5]

Der Himmel ist allerdings nach Neyster und Schmitt (1993) in einer theologischen Perspektive kein Ort, sondern ein Zustand. Es ist die end­gültige Gemeinschaft mit Gott (S. 154). Sie führen die folgenden biblischen Belegstellen dafür auf: "Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist " (1 Kor 15,20) "Jetzt schauen wir in den Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht" (1 Kor 13,12) "Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er; Gott wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen; der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, kein Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu." (Off 21,3-5) Der Himmel ist verheißen für alle Menschen, auch wenn wir nicht wissen, wo er ist und wie es dort aussieht. Gott hat allen Menschen zugesichert, dass ihre Sehnsüchte nach dem wahren Frieden, nach endgültiger Gerechtigkeit und nach einem Leben in liebender Gemeinschaft in Erfüllung gehen werden (S. 154). Angewendet auf unsere Analysebefunde könnten die Schülerinnen und Schüler im Unterricht nun erfahren, was die christliche Botschaft des Himmels und des Reichs Gottes ist, nämlich ein Zustand, in dem die Menschen mit Gott leben und er allen zugesichert hat, dass ihre Sehnsüchte nach dem wahren Frieden, nach endgültiger Gerechtig­keit und nach einem Leben in liebender Gemeinschaft in Erfüllung gehen werden. Dieses Deutungsangebot könnten die Schülerinnen und Schüler für sich prüfen und ggf. ihre Zweifel und Fragen loslassen, ob es dem Verstorbenen im Himmel denn gut gehe. Darüber hinaus könnten sie das traditionell-christliche Deutungsangebot als Alternative prüfen. Denn Jugendliche deuten den Himmel überwiegend inner­weltlich-prä­sen­tisch (Gennerich, 2015, S. 126), was sich im Gedenkbuch darin spiegelt, dass sie Markus erinnernd im Herzen behalten wollen. Von dieser Vor­stellung könnten sie sich frei machen oder sie zumindest relativieren. So, dass sie Markus nicht in ihrem Herzen am Leben halten müssen, um nicht für seinen end­gültigen Tod verantwortlich zu sein. Denn es ist nur allzu wahrscheinlich, dass Markus irgendwann nicht mehr in ihren Herzen präsent ist. Hier kann die christliche Deutung die Schülerinnen und Schüler trösten, dass er bei Gott ist und es ihm gut geht und sie für sein Leben in Ewigkeit keine Sorge tragen müss

4.3 Was sind Engel?

Aufgrund der häufigen Betitelung von Markus als Engel oder Schutzengel, soll auch dieses Thema näher betrachtet werden. Was sind in der christ­lichen Theologie Engel und welchen Zweck erfüllen sie?

Wie Berger (2006) zusammenfasst, werden in der Bibel Engel als unsichtbare Mächte beschrieben, welche Gott, Jesus Christus, dem einzelnen Menschen oder sogar dem Teufel dienen. Die Engel, welche im Auftrag Gottes stehen, sind Ausdruck seiner Herrlich­keit und verkünden sein Wort auf Erden (ebd., S. 7). Sie beschützen und behüten die Menschen und preisen Gott. Er waltet durch sie in der Welt und sie sind eine Brücke von den Menschen zu Gott. Einen Engel wahrzunehmen, bedeutet eine Gotteserfahrung im Alltag zu machen (ebd., S. 47). Sie gehören zu Gott als sein Hofstaat, sie stehen nicht in Konkurrenz oder gar im Gegensatz zu ihm. Engel sind Ausdruck von Gottes Macht (ebd., S. 7).

Gottes Engel, die Jesus Christus begleiten, den einzelnen Menschen oder die des Satans, sind immer Helfer, Boten oder Abgesandte gegenüber Dritten. Engel sind daher Repräsentanten, Ausdruck von Macht – die Engel des Satans ebenso wie Gottes Engel– und zugleich Vermittler gegenüber anderen. Im Folgenden ist immer von Gottes Engeln die Rede. Für Luther waren die Engel Gottes sein verlängerter Arm in die Welt. Christen glauben an den dreieinigen Gott und sollten Engel deshalb nicht als etwas Separates sehen. Sie gehören zu Gott, sie sind Teil seiner Grund­ausstattung, weshalb auch im Schöpfungsbericht kein Tag genannt wird, an dem sie hätten erschaffen worden sein können (ebd., S. 8).

Sie können als Personen gedacht werden, denn sie erfüllen eine Rolle. Sie können hören, sprechen, haben Macht und Sprache. Dabei kann man Engel nicht anfassen, wie beispielsweise den Briefträger, wenn er die Post bringt, da sie nicht wie wir Menschen Wesen von dieser Welt sind (ebd., S. 12). Allerdings sind sie wirklich, da sie sich vernehmbar machen und können deshalb im Sinne des urchristlichen Personen­begriffs auch für Personen gehalten werden (ebd., S. 48).

Das Wort Engel kommt aus dem Griechischen und sowohl das griechische als auch das hebräische Wort bedeutet Bote oder Gesandter. Boten oder Gesandte werden von Dritten geschickt, deren Aufträge sie erfüllen sollen. Es wird von einem Boten nicht erwartet, dass er die Botschaften kommentiert oder bewertet, sondern nur der Person treu ist, welche ihn sendet (ebd., S. 9).

Für die Schutzengel-Vorstellung nimmt Klaus Berger Matthäus 18,10-11 und Psalm 91 in Anspruch:

„Hütet euch davor, gegen eines dieser Christenkinder überheblich zu sein. Ich erkläre euch: Sie haben eine sehr gute Beziehung zum Himmel, denn ihre Patrone sind Engel, die meinem himmlischen Vater allzeit direkt ins Gesicht sehen.“ (Mt 18,10–11, zit. n. Berger, 2006, S. 18)

„Seinen Engeln hat er ja zu deinem Schutz befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass du mit deinem Fuß nicht stößt an einem Stein“ (Ps 92, zit. n. Berger, 2006, S. 18)

Bei Matthäus liegt die Betonung darauf, dass der Engel des einzelnen Christen ein Angesichts­engel ist, welcher direkt vor Gott steht. Es soll bedacht werden, dass Christen einen sehr kurzen Draht zu Gott haben in einer direkten Verbindung zu ihm stehen. So schützen die Engel nicht direkt, sondern stellen sicher, dass Gott für den bedrohten Menschen Partei ergreifen wird. In Ps 91 wird von den Engeln im Plural geredet. So kann man sich für die Anschauung, dass jeder einzelne Mensch einen Engel hat, auf Mt 18,10 stützen und für den Schutz vor allem Bösen auf Ps 91.

Ulrich Luz (1997) schreibt zu Mt 18,10:

„Es ist klar, daß die Vorstellung individueller Schutzengel durch Mt 18,10 biblisch bezeugt ist. Ebenso klar ist für mich, daß sie in einem vergangenen Weltbild wurzelt. Ich denke, daß eine heutige Inter­pretation von Mt 18,10 nur versuchen kann, das in der damaligen Sprache ausge­drückte sachliche [Hervorhebung im Original] Anliegen ernst zu nehmen, nämlich die besondere Nähe Gottes zu den ‚Kleinen’, Niedrigen und Verachteten, aber auf die konkrete Schutz­engel­vorstellung verzichten muß, weil diese heute nicht mehr selbstverständlich ist.“ (ebd., S. 31–32)

Dieser Auffassung widerspricht Berger, da für ihn die Frage nach den Engeln nicht in Abhängigkeit von einem Weltbild beantwortet werden dürfe. Es sei vielmehr eine Frage des Gottesbildes, eine Frage nach dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch und eine Frage danach, ob und wie Gottes Wirken in der Welt Spuren hinterlasse (ebd., S. 19).

Mit Blick auf unsere Analysebefunde lässt sich dann Folgendes sagen: Es wäre wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler Wissen zum Thema Engel dergestalt erwerben, dass sie die biblischen Befunde ebenso kennen wie die kontroverse Interpretation dieser Befunde. Denn ihre Vorstellungen, dass Markus jetzt ein Engel ist, der auf sie aufpasst, stehen nicht nur in Spannung zu dem, was die biblische und theo­logische Bedeutung von Engeln ist: Engel unterstützen Gottes Handeln und realisieren es. Es ist darüber hinaus auch deshalb problematisch, den Verstorbenen als Engel zu bezeichnen, weil ihm dadurch seine bleibende Individualität „vorent­halten“ wird. Angesichts der starken Bild­haftigkeit einer Ver­wandlung der Toten in Schutz­engel käme es dann darauf an, mit den Schüle­rinnen und Schülern alternative Bilder zu entwickeln. Denn bloße Aufklärung würde der emotionalen Bedürfnislage der Schülerinnen und Schüler nicht gerecht.

5 Fazit

Was wären die Kompetenzen, die, wenn die Schüler sie erworben hätten, zu weniger Irritationen, zu „besseren“ Texten im Gedenkbuch geführt hätten?

Zunächst einmal: Tod und Sterben müssten nicht nur im Jahrgang 9/10 thematisiert werden, wie das in nahezu allen Bundesländern sowohl im Religions- als auch im Ethikunterricht der Fall ist, sondern der Umgang mit eigener Trauer, die Antizipation und Gegenwart des Todes, der Umgang mit Trauernden – all dies gehört in alle Jahrgangsstufen. Wie praktisch, wie theoretisch der Unterricht jeweils ausfällt, lässt sich dabei nicht vorhersagen. Möglicherweise vollzieht sich die Unterrichts­steuerung viel stärker durch Schulbücher als durch Kerncurricula. Der Umgang der Lehrkraft mit dem Thema spielt eine wesentliche Rolle. Todesfälle passieren immer – in jeder Klassenstufe. Elternteile sterben, Lehrerinnen und Lehrer sterben, Mitschüle­rinnen und Mitschüler sterben. Religionslehrerinnen und -lehrer sind oft nicht die ersten Ansprech­partner, sondern eher die Klassenlehrkräfte. Und hier spiegelt sich, was gesamtgesellschaftlich gilt: Nicht nur den Kindern und Jugendlichen fehlt es an Kompe­tenzen zum Verfassen ange­messener Kondolenzschreiben. Nicht nur sie greifen auf kindliche Vorstellungen oder Floskeln oder vorgefertigte Formulierungen zurück, um das Unbegreifliche hand­habbar zu machen. Auch die Homepages der Bestattungs­unter­nehmen zeigen auf, dass es generell eine große Unsicherheit beim Umgang mit einem Todesfall und beim Bekunden von Beileid gibt.

Dennoch: Auch, wenn jede Trauer anders ist, so lassen sich doch im Religions­unterricht, auch schon in Klasse 5, leicht „Zehn Regeln zum Schreiben von Beileids­briefen“ entwickeln. Schülerinnen und Schüler haben ein gutes Gespür dafür, was stimmig ist und was nicht, wenn es sie selbst betrifft. Man könnte Beispiele von Formulierungen vorgeben und diskutieren: Wie empfändest du das, wenn jemand dir dies schreiben würde? Was wäre besser? Warum? Was täte dir gut? Aus diesen Ergebnissen ließen sich dann in einem zweiten Schritt Regeln für das Schreiben von Kondolenz­briefen entwickeln.[6]

In den Beiträgen des Gedenkbuches ist auffällig, dass viele Schülerinnen und Schüler nur auf Floskeln zurückgreifen können und in ihrer Sprach- und Ausdrucks­fähigkeit sehr eingeschränkt sind. Hier wird deutlich, dass in solchen Situationen „irgend­was“ gesagt und gebraucht werden muss. Deutungsangebote aus der christlichen Tradition hätten sehr wohl eine Chance, verstanden und ange­nommen zu werden. Genau an diesen Punkt muss der Religionsunterricht ansetzten; nicht nur, was das „Verstehen“ angeht, sondern auch im Hinblick darauf, was es bedeutet, so zu leben als ob es Gott gäbe. Die Trostlosigkeit einer Bestattung mit Grabredner („Wir verabschieden jetzt M.B. in die Auflösung“ – hieß es vor einiger Zeit in einem solchen Zusammenhang) kann nicht mehr empfunden werden, wenn man den Trost des Geborgenseins bei Gott gar nicht mehr kennt und nicht mehr hört, weil Kinder und Jugendliche von Beerdigungen ferngehalten werden und man ihnen den Tod, der zum Leben gehört, nicht mehr zumuten mag. Muss nicht also auch der Ablauf einer christ­lichen Bestattung im Religionsunterricht thematisiert werden (Husmann & Klie, 2005, S. 187–197)?

Dabei sind dem Religionsunterricht natürlich auch Grenzen gesetzt. In dem Gedenk­buch haben Schülerinnen und Schüler von der fünften bis zur zwölften Klasse Beiträge verfasst und sicherlich sind die aufgezeigten Deutungs­angebote nicht in jeder Klassenstufe gleichermaßen nachvoll­ziehbar. Des Weiteren werden nicht alle Kinder und Jugendlichen diese Deutungs­muster annehmen, denn wenn sie Religionen oder dem Christen­tum kritisch gegenüberstehen, dann werden sie diese Perspektiven wohl eher ablehnen. Allerdings haben sie durch einen entsprechenden Unterricht die Chance, die von ihnen bevor­zugten Deutungsmöglichkeiten kritisch zu reflektieren und bewusster auszu­wählen, was sie sagen und schreiben.

Literaturverzeichnis

 

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Florian Burk, MA, Evangel. Dekanat Biedenkopf-Gladenbach.

Dr. Carsten Gennerich, Professor for Religious Education at the Protestant University of Applied Sciences in Darmstadt.

Dr. Bärbel Husmann, unterrichtet evangelische Religion und Chemie am Gymnasium Meckelfeld.



  1. [1] Das Gedenkbuch entstammt der schulischen Praxis von Bärbel Husmann und wurde von Florian Burk unter der Betreuung von Carsten Gennerich in einer Masterarbeit analysiert. Die vorliegende Arbeit stellt eine von Carsten Gennerich und Bärbel Husmann überarbeitete und erweitere Fassung dieser Masterarbeit dar.

  2. [2] Unter dem Markennamen Sheepworld werden unzählige Produkte mit dem Slogan: „Ohne dich ist alles doof“ produziert. Vergleiche dazu: sheepworld.de/produktwelt/ohne-dich-ist-alles-doof/

  3. [3] Da bei der ersten Durchsicht einzelne Beiträge übersehen wurden, da zwei Beiträge beispielsweise eine ähnliche Schrift haben oder Beiträge, welche über mehrere Seiten gehen bei dem Kopieren ver¬tauscht wurden, ist die Nummerierung der Beiträge nicht durchgängig chronologisch

  4. [4] Der Ottifant ist ein vom deutschen Komiker Otto Waalkes erdachter, im Comic-Stil gezeichneter Elefant. (URL: de.wikipedia.org/wiki/Ottifant [Zugriff: 03.07.2016])

  5. [5] „Redensarten: Im siebten Himmel sein, Den Himmel aus Erden versprechen, Das ist himmlisch, Jemanden in den Himmel loben, Den Himmel offen sehen, Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ (Neyster & Schmitt, 1993, S. 154).

  6. [6] Beispiel für zehn Regeln: 1. Falsche Versprechungen vermeiden („Es wird schon wieder gut“, Ankündigung von Besuchen, die man dann nicht macht usw.), 2. nicht von eigenen Situationen erzählen („Mein Opa ist auch...“), 3. keine Floskeln gebrauchen! („Kommt Zeit, kommt Rat.“), 4. keine schnellen Ratschläge verteilen! („Ich würde jetzt an deiner Stelle...“), 5. Einfühlung signalisieren! („Ich kann mir vorstellen, ...“), 6. die Trauer ernst nehmen und zum Ausdruck bringen, dass sie nicht schnell verschwinden wird, 7. eigene gute Erinnerungen an den Verstorbenen beschreiben, 8. Wünsche formulieren für etwas, was die Hinterbliebenen unterstützen könnte („Ich wünsche dir, dass du Menschen an deiner Seite hast, die...“), 9. auf das Gedicht oder den Psalm in der Todesanzeige Bezug nehmen, 10. ehrlich sein!