Theo-Web. Zeitschrift fuer Religionspaedagogik 17(2018), H.1, 120–128.

Das Thema Gesundheit in Lehrplänen und Schulbüchern für den evangelischen Religionsunterricht

Dieser Beitrag analysiert mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring ausgewählte Lehrpläne und Schulbücher für den evangelischen Religionsunterricht daraufhin, wie und in welchem Kontext der Begriff ‚Gesundheit‘ bzw. ‚gesund‘ vorkommt. Es wird deutlich, dass das untersuchte Material die Wahrnehmung des eigenen Körpers bei diesem Thema vernachlässigt. Daher plädiert dieser Aufsatz dafür, dass Lehrpläne und Schulbücher den Körper als Ort des Heils nach Elisabeth Moltmann-Wendel verstärkt in den Blick nehmen, um gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern.

qualitative Inhaltsanalyse, Lehrpläne und Schulbücher, Gesundheit, evangelischer Religionsunterricht

1 Hinführung

Das Thema Gesundheit ist vor allem im Leben von Kindern und Jugendlichen dann relevant, wenn das alltägliche Leben eingeschränkt ist, wenn also die zuvor als selbstverständlich wahrgenommene Gesundheit nicht mehr erfahrbar ist. Dann treten Fragen bezüglich des Umgangs mit Krankheit, Behinderung und Tod ins Bewusstsein und erfordern eine Auseinandersetzung mit diesem existentiellen Thema. Welche Möglichkeiten bietet dazu der evangelische Religionsunterricht? Um dieser Frage nachzugehen, liegt eine Analyse von Lehrplänen nahe, da diese den Unterricht normieren. Konkrete Umsetzungsvorschläge sind in den darauf abgestimmten Schulbüchern zu finden, sodass auch diese für die Untersuchung relevantes Material darstellen. Die Leitfrage der Analyse lautet also folgendermaßen: Wie häufig und in welchen Zusammenhängen kommt das Thema Gesundheit in ausgewählten Lehrplänen und Schulbüchern für den evangelischen Religionsunterricht vor? Als Materialgrundlage dienen der vorliegenden Untersuchung Lehrpläne für Primarstufe sowie Sekundarstufe I und II aus folgenden exemplarisch ausgewählten deutschen Bundesländern: Niedersachsen, Bayern, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfahlen. Als Ergänzung werden zudem die österreichischen Lehrpläne analysiert, da hier das Thema Gesundheit zu den Aufgabenbereichen der Schule insgesamt zählt und der evangelische Religionsunterricht dazu einen Beitrag leisten soll. Ergänzend dazu werden zwei prominente Schulbuchreihen untersucht, nämlich ‚Religion entdecken-verstehen-gestalten‘ und ‚Ortswechsel‘, sowie die österreichische Ausgabe des Lehrbuchs ‚RELi+wir‘. Das methodische Vorgehen stellt der nächste Abschnitt dar.

2 Methodisches Vorgehen

Für Lehrplan- und Schulbuchanalysen ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring gut geeignet (Mayring, 2015; Spichal, 2015). Aufgrund der oben genannten Fragestellung erfolgt die Analyse induktiv nach der bei Mayring als Zusammenfassung bezeichneten Form des Interpretierens (Mayring, 2015, S. 67). Ziel einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse ist es, das vorliegende Material durch Paraphrasierungen auf die wesentlichen Inhalte zu reduzieren und dabei das Abstraktionsniveau der Aussagen schrittweise zu erhöhen, sodass sie in Kategorien zusammengefasst werden können. Theoretische Vorannahmen unterstützen diesen Prozess des Abstrahierens (ebd., S. 71).

Eine zusammenfassende Inhaltsanalyse erfolgt nach diesen Schritten (ebd., S. 70): Nachdem die Leitfrage für die Analyse formuliert und das Material beschrieben wurde – dies erfolgte für die vorliegende Analyse bereits in der Hinführung – , sind die Analyseeinheiten zu definieren (ebd., S. 61). Für diese Untersuchung sei aufgrund der stichwortartigen Formulierungen in vielen Lehrplänen ein einziges Substantiv bzw. Adjektiv als kleinste mögliche Einheit, die unter eine Kategorie fallen kann, festgelegt. Die größtmögliche Einheit stellt ein zusammenhängender Themenabschnitt dar. Die Analyse der Textteile konzentriert sich als erstes auf die Begriffe ‚Gesundheit‘ / ‚gesund‘ als zentrale Kodiereinheit und nimmt von dort aus den unmittelbare Kontext sowie dann den übergeordneten Themenbereich in den Blick. In den nächsten Schritten werden die Kodiereinheiten paraphrasiert und dann allmählich abstrahiert, sodass sie in Kategorien zusammengefasst werden können.

3 Analyseergebnisse

3.1 Lehrpläne

Aus der oben aufgeführten Leitfrage ergibt sich, dass zunächst die ausgewählten Lehrpläne auf die Begriffe ‚Gesundheit‘ / ‚gesund‘ untersucht werden. Dieses Substantiv bzw. Adjektiv bildet folglich die Kodiereinheit für den ersten Analysedurchgang. Dabei lässt sich feststellen, dass diese Begriffe explizit lediglich in den Lehrplänen für Mittel-, Realschulen und Gymnasien in Bayern sowie für Volks­-, Haupt- und Allgemeinbildende Höhere Schulen (AHS) in Österreich zu finden sind.

Die Fragestellung der Analyse zielt jedoch nicht nur allein auf die Häufigkeit der Begriffe ‚Gesundheit‘ / ‚gesund‘, sondern fragt auch nach deren Kontext. Die Untersuchung hat ergeben, dass der Kontext in den Lehrplänen in vier verschiedene Kategorien eingeordnet werden kann:

  1. Wertschätzung des eigenen Körpers

  2. Wertschätzung des eigenen bzw. fremden Lebens

  3. Kritik an gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens

  4. Sinnsuche

Der folgende Abschnitt erläutert diese Kategorien anhand von Textstellen aus dem untersuchten Material. In den österreichischen Lehrplänen leistet der evangelische Religionsunterricht einen Beitrag zu den allgemeinen Bildungszielen der Schule, den sogenannten Unterrichtsprinzipien, zu denen auch Gesundheit und Bewegung zählen. In diesem Zusammenhang fördert der evangelische Religionsunterricht dem Lehrplan zufolge die Wertschätzung des eigenen Körpers und den verantwortlichen Umgang mit ihm (BMUKK, 2018a, S. 3). So sollen die Schüler*innen in der AHS-Oberstufe eine „positive Grundeinstellung zum eigenen Körper und dessen Gesunderhaltung finden“ (BMUKK, 2018b).

Lehrpläne in Bayern legen den Fokus hingegen auf die Wertschätzung des eigenen (ISB MS 9, S. 338–339) bzw. fremden Lebens (ISB RS9). Das Leben soll als eine Gabe Gottes gesehen werden, das endlich ist. Im Zusammenhang mit der Auferstehungshoffnung soll daraus ein positives Lebensgefühl sowie eine verantwortliche Lebensgestaltung resultieren, zu der auch der Gesundheitsaspekt gehört (ISB RS9). Darüber hinaus sind auch Organspende und Sterbehilfe Unterrichtsinhalte.

Die Kritik an gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens ist sowohl in Bayern als auch in Österreich im Kontext Gesundheit ein Thema des Unterrichts. Bayerische Lehrpläne führen diesen Inhalt jedoch lediglich in der gymnasialen Oberstufe im Lernbereich „Der im-perfekte Mensch“ (ISB G11) auf, während sich in Österreich auch Schüler*innen an Hauptschulen und in der AHS-Unterstufe damit beschäftigen sollen. So heißt es dort: „Die Vergötzung des Schönen, Jungen und der körperlichen Leistungsfähigkeit kritisch hinterfragen“ (BMUKK, 2018a, S. 3). In der AHS-Oberstufe ist dann auch der eigene Beitrag zum gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit und Leid Unterrichtsinhalt (BMUKK, 2018b). Der bayerische Lehrplan für Gymnasien thematisiert neben der Fragmentarität des Lebens in diesem Zusammenhang auch die Rechtfertigung als eine Möglichkeit sich von dem Perfektionsdruck zu befreien (ISB G11). Dieser Aspekt fehlt im österreichischen Lehrplan.

Eine weitere Kontextkategorie, in der Gesundheit als Unterrichtsinhalt eine Rolle spielt, ist die Sinnsuche. Hierbei geht es um unterschiedliche Sinnangebote wie Wellness oder Esoterik (ISB RS10). Die Schüler*innen sollen zwischen lebensfördernden und problematischen Sinnangeboten unterscheiden können und das christliche Heilsangebot kennenlernen (ISB RS10).

3.2 Schulbücher

Die Schulbuchreihe ‚Religion entdecken-verstehen-gestalten‘ konkretisiert die gymnasialen Kerncurricula in Niedersachsen und eignet sich daher gut als Ergänzung zur Lehrplananalyse. In den Schulbüchern kommen im Gegensatz zu den Kerncurricula die Begriffe ‚Gesundheit‘ / ‚gesund‘ an mehreren Stellen vor: Einmal im Band 5/6, zweimal im Band 7/8, dreimal in Band 9/10 und ebenfalls dreimal in Band 11/12. Bei der Analyse des Kontextes war es möglich, fast alle betreffenden Textstellen in die Kategorien einzuordnen, die aus der vorherigen Lehrplananalyse gewonnen wurden. Demnach vermitteln die niedersächsischen Schulbücher zum Thema Gesundheit sehr ähnliche Inhalte wie die Lehrpläne aus Bayern und Österreich, auch wenn die niedersächsischen Kerncurricula darauf in keiner Weise eingehen.

Am häufigsten ist in der oben genannten Schulbuchreihe die Sinnsuche als Kontextkategorie zu finden. In Band 5/6 beschreibt ein Text unter dem Kapitel „Was soll das sein: Gott?“ (Koretzki & Tammeus, 2009, S. 15) Gesundheit als ein Geschenk Gottes. Der Band 7/8 thematisiert im Kapitel „Suche nach Mehr: Bericht einer 20-jährigen Patientin“ (Koretzki & Tammeus, 2011, S. 29) die intensive Beschäftigung mit gesunder Ernährung als Beginn einer strengen Diät, die in einer Essstörung mündet. Ein solches Verständnis von Gesundheit gilt in dieser Darstellung folglich als ein problematischer Heilsweg, dem im Anschluss der christliche Glaube als eine lebensfördernde Alternative entgegengesetzt wird (ebd., S. 35). Das Kapitel „Gott wird Mensch“ (ebd., S. 52) in demselben Band führt das Heilungswunder aus Mk 3,1–6 auf, nach dem Jesus einen Mann wieder gesund macht, dessen Hand verdorrt war.

In dem Abschnitt „Die Vier Ausfahrten“ (Gerhold, Koretzki & Tammeus, 2011, S. 187) des Bandes 9/10 ist eine Buddha-Legende abgedruckt, die die Begegnung des jungen Gautama mit dem Leid der Welt schildert. Eine Form des Leidens ist die Krankheit, die der Text als Gegensatz zur Gesundheit beschreibt. Die nachfolgenden Kapitel erläutern dann den buddhistischen Weg, das Leid der Welt zu überwinden (ebd., S. 188–190). Der Band 11/12 legt drei Möglichkeiten dar, die Auferweckung der Tochter des Jairus zu interpretieren (Koretzki & Tammeus, 2008, S. 78–79). Eine zentrale Rolle spielt dabei der Aspekt des Gesundwerdens durch den Glauben. In demselben Band problematisiert ein Text von Ulrich Körtner unter dem Kapitel „Sehnsucht nach Heil“ (ebd., S. 222) Gesundheit als Ersatzreligion. Die theologische Lehre von der Rechtfertigung hingegen zeige die Liebe Gottes auch zu Sünder*innen auf, wodurch der Gegensatz von Krankheit und Gesundheit überwunden wird. Dieser Text beinhaltet in diesem Zusammenhang auch eine deutliche Kritik an gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens:

„Dabei ist zu fragen, ob unsere Ideale der Vollkommenheit und Ganzheit nicht in Wahrheit zerstörerisch statt heilend sind. Zerstören sie nicht das uns lebbare Leben? Unser Leben mit all seinen Brüchen, Fehlern, Unvollkommenheiten und Schwächen?“ (ebd.)

„Wird der Mensch Gott?“ (Gerhold, Koretzki & Tammeus, 2011, S. 88) fragt das Kapitel des Bandes 9/10, das sich mit den Möglichkeiten der Gentechnik auseinandersetzt. Diese könne in Zukunft ein perfektes langes Leben ohne Behinderung oder Krankheit ermöglichen, da nur noch gesunde Menschen geboren werden, so der Text. Es zeigt sich demnach auch an dieser Stelle eine deutliche Kritik an gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens.

Die Wertschätzung des eigenen und fremden Lebens thematisiert in Band 11/12 ein Text unter dem Kapitel „Hilfe zum Sterben oder zum Leben?“ (Koretzki & Tammeus, 2008, S. 177). Der Text problematisiert, dass in den Niederlanden oftmals der Sterbewillen eines Kranken aus der Sicht Gesunder eingeschätzt wird und dies zu Missbräuchen aktiver Sterbehilfe führen kann. Die Wertschätzung des eigenen Körpers ist jedoch in allen Bänden der Reihe kein Thema.

Der Band 9/10 der Schulbuchreihe ‚Religion entdecken-verstehen-gestalten‘ beinhaltet in einem Text mit dem Titel „Hiroshima, 6. August 1945, 8.25 Uhr“ (Gerhold, Koretzki & Tammeus, 2011, S. 104) den Begriff ‚gesund‘, jedoch kann der Kontext keiner der vier genannten Kategorien zugeordnet werden. Hier geht es nämlich um eine Kritik an den Möglichkeiten der Physik eine Atombombe herzustellen und diese auch einzusetzen. Der Text aus der Zeitung ‚Die Zeit‘ sieht darin eine Bedrohung der Menschheit, die nun nach dem Ende des Kalten Krieges überwunden werden könnte. Da in dem untersuchten Material kein ähnlicher Inhalt vorkommt, wird daraus keine weitere Kategorie gebildet.

Besonders häufig führt der Band 11 aus der bayerischen Schulbuchreihe ‚Ortswechsel‘ die Begriffe ‚Gesundheit‘ / ‚gesund‘ auf, da das Kapitel „Gesund! – Und Heil?“ (Gojny u.a., 2013, S. 102–103) ausschließlich dieses Thema behandelt. Zur Einführung in diese Thematik zeigt das Schulbuch auf einer Doppelseite die Fotografie von den sogenannten ‚Altären der Vollkommenheit‘ bei der Ausstellung ‚Der (im)perfekte Mensch. Vom Recht auf Unvollkommenheit‘. Gesundheit ist neben Leistung, Schönheit, Autonomie, Genuss und Rationalität einer dieser Altäre. Diese Darstellung kritisiert deutlich die gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens. Im Kapitel „Gesundheit(s)-Religion?“ (ebd., S. 110–111) beschreibt derselbe Band den Zwang zum gesunden Leben sowie die gesellschaftliche Fixierung auf Gesundheit, sodass Personen mit Behinderungen oder Krankheiten zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden. Daran schließt sich ein Kapitel über Behinderung als Differenz an, wodurch das Schulbuch erneut Kritik an gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens verdeutlicht.

Dieser Kritik setzt das Unterrichtswerk Sinnangebote der christlichen Heilsbotschaft entgegen. So ist unter dem Bild von der Ausstellung ‚Der (im)perfekte Mensch. Vom Recht auf Unvollkommenheit‘ ein Text von Henning Luther zum Leben als Fragment abgedruckt (ebd., S. 102–103), der darlegt, wie die Rechtfertigungslehre vom Perfektionismusdruck befreien kann. Unter Sünde versteht Luther demnach den Wunsch nach vollkommener Ich-Identität, die der Mensch allerdings nicht erreichen kann. Der Glaube an die Rechtfertigung ermöglicht es jedoch anzuerkennen, dass das Leben ein Fragment ist. Folglich ist die Sinnsuche ein wichtiger Kontext der Begriffe ‚Gesundheit / gesund‘ an dieser Stelle. Eine problematische Art der Sinnsuche benennt der der oben bereits erwähnte Text über den Zwang zum gesunden Leben, nämlich Gesundheit als Ersatzreligion zu missbrauchen und zu versuchen, das Heil durch Fitness oder Wellness zu erlangen (ebd., S. 110–111). Dem ist durch ein Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch und die Auslegung des Vaterunsers bei Luther die Ansicht entgegengestellt, dass Gesundheit ein Geschenk Gottes ist (ebd., S. 111). Das Kapitel ‚Behinderung als Differenz‘ kontrastiert die Definition von Behinderung als Beeinträchtigung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mit einem Bericht von einer jungen Frau, die lernt mit ihrer Behinderung zu leben. Sie entwickelt durch die Handlungsfähigkeit, die sie in ihrem Leben erfährt eine eigene Identität (ebd., S. 113). Daher lassen sich auch diese Textstellen der Kategorie Sinnsuche zuordnen. In die Kategorie der Sinnsuche fällt darüber hinaus ein Informationstext über die Interpretation der Wunderheilung heute, in dem die Wiederherstellung der Gesundheit als ein Aspekt des Verständnisses eines Heilungswunders nach Albrecht Ritschl genannt wird (ebd., S. 122–123).

Mit dem beschriebenen positiven Bericht über ein Leben mit Behinderung leitet das Schulbuch über zu den medizinethischen Themen Präimplantationsdiagnostik (PID) und Schwangerschaftsabbruch, denen sich gleich mehrere Kapitel widmen. Sie alle beinhalten den Begriff ‚Gesundheit / gesund‘ und gehören zur Kontextkategorie Wertschätzung des (eigenen bzw.) fremden Lebens. Das Buch eröffnet diese Themenreihe indem es im ersten Kapitel das Verfahren der PID und den damit verbundenen späten Schwangerschaftsabbruch als ethische Problemfelder vorstellt (ebd., S. 114). Mit der Frage nach der Machbarkeit gesunder Kinder, der Verantwortung der werdenden Mutter und den sozialen Konsequenzen vorgeburtlicher Selektion beschäftigt sich das darauffolgende Kapitel „In schwieriger Situation verantwortlich entscheiden“ (ebd., S. 116–117). Zudem führt es in einem Text von Reiner Marquard die möglichen Wertorientierungen auf, die mit einer derartigen ethischen Entscheidungssituation verbunden sind (ebd., S. 117). Das darauf folgende Kapitel „Präimplantationsdiagnostik…in der Diskussion“ (ebd., S. 118–119) stellt die Argumentation der EKD in einer Stellungnahme zur PID dar. Zum Abschluss des Themas ist im Kapitel „Menschenwürde von Embryonen? Medizinethik“ (ebd., S. 122–123) das Berufsgelöbnis der Ärzt*innen in Deutschland abgedruckt. Ein Aspekt dieses Gelöbnisses ist die Erhaltung der Gesundheit, das auch die Ehrfurcht vor dem ungeborenen Leben ab der Empfängnis umfasst (ebd., S. 121).

Das Schulbuch ‚RELi+wir‘ verwendet den Begriff ‚Gesundheit / gesund‘ lediglich ein einziges Mal im lexikalischen Anhang zu der Hilfsorganisation Brot für die Welt. Dort beschreibt der Informationstext „Bildung und Gesundheit fördern“ (Kirchhoff, Macht & Hanisch, 2010, S. 258) als eine Aufgabe dieser Organisation. Diese Textstelle lässt sich in keine der vorhandenen Kategorien einordnen.   

3.3 Zusammenfassung

Es ist festzustellen, dass im Analysekorpus lediglich die bayerischen und österreichischen Lehrpläne die Begriffe ‚Gesundheit / gesund‘ explizit aufführen, er aber in allen Schulbüchern zu finden ist. Am häufigsten wird dieser Begriff in Band 11 der Schulbuchreihe ‚Ortswechsel‘ genannt, der sich diesem Thema sehr ausführlich widmet. Grundsätzlich lassen sich die Kontexte, in dem Gesundheit sowohl in Lehrplänen als auch in Schulbüchern erwähnt wird in vier verschiedene Kategorien einordnen:

  1. Wertschätzung des eigenen Körpers

  2. Wertschätzung des eigenen bzw. fremden Lebens

  3. Kritik an gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens

  4. Sinnsuche

Allerdings thematisiert keines der analysierten Schulbücher Gesundheit im Kontext mit der Wertschätzung des eigenen Körpers. Eine positive Grundeinstellung zum eigenen Körper zu entwickeln ist lediglich in den österreichischen Lehrplänen ein allgemeines Bildungsziel, zu dem auch der Religionsunterricht beitragen muss. Im Zusammenhang mit der Wertschätzung des eigenen und fremden Lebens stehen vor allem medizinethische Fragestellungen wie Präimplantationsdiagnostik, der damit verbundene späte Schwangerschaftsabbruch sowie Sterbehilfe und Organspende im Mittelpunkt. Doch auch das eigene Leben als eine Gabe Gottes zu verstehen, woraus eine verantwortliche Lebensgestaltung resultiert, ist ein Aspekt des Themas Gesundheit in bayerischen Lehrplänen.

Oftmals üben die untersuchten Lehrpläne und Schulbücher Kritik an den gesellschaftlichen Einstellungen zur Fragmentarität des Lebens, indem sie Gesundheit als Ideal des perfekten Menschen problematisieren. Der Umgang mit Krankheit, Behinderung und Sterben sowie der Perfektionismusdruck, der durch den Zwang zu einem gesunden Leben entsteht, sind hierbei zentrale Inhalte. Diesem Perfektionsstreben stellt das analysierte Material die Rechtfertigungslehre gegenüber, durch die die Fragmentarität des Lebens anerkannt werden kann. Textstellen, die diesen Aspekt beinhalten, gehören zur Kontextkategorie Sinnsuche. In diesem Zusammenhang thematisiert das Material auch des Öfteren Gesundheit als Ersatzreligion, in der Menschen versuchen, das Heil durch Fitness oder Wellness zu erlangen. Ein solches Verhalten kann auch in ein Suchtverhalten mit Essstörungen führen. Die untersuchten Lehrpläne und Schulbücher stellen diesen problematischen Heilsversprechungen die lebensfördernde christliche Perspektive durch Heilungsgeschichten gegenüber.

4 Theologische und didaktische Perspektiven

Gesundheit ist ein Thema, das in den meisten untersuchten Lehrplänen überhaupt nicht vorkommt und auch in den analysierten Schulbüchern – bis auf eine herausragende Ausnahme in der Reihe ‚Ortswechsel‘ – nur marginal in Erscheinung tritt. Wird es behandelt, so steht die Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit, Behinderung und Tod, verbunden mit medizinethischen Fragestellungen, deutlich im Fokus. Biblische Heilungsgeschichten sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zentral, da hier das christliche Heilsversprechen erfahrbar wird. Die Wertschätzung des eigenen Körpers und der daraus resultierende verantwortungsbewusste Umgang mit der Gesundheit werden jedoch nur in den österreichischen Lehrplänen als allgemeines Bildungsziel formuliert.

In diesem Befund spiegelt sich zum einen das gesellschaftliche Gesundheitsbewusstsein, das eng mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers verknüpft ist, da beides erst im Fall von Krankheit oder Behinderung überhaupt zum Thema wird. Solange der Vollzug des Alltags nicht eingeschränkt ist, der Körper also zur Zufriedenheit der Akteur*innen funktioniert, wird Gesundheit als selbstverständlich angenommen. Hans-Georg Gadamer bezeichnet dieses Phänomen in seinem gleichnamigen Werk als ‚Verborgenheit der Gesundheit‘ (Gadamer, 2003), das sich deutlich auch in den analysierten Lehrplänen und Schulbüchern niederschlägt.

Ein weiterer Grund für die Marginalisierung der eigenen Körperwahrnehmung in dem untersuchten Material liegt in der christlichen Theologie selbst. Diese hat nämlich lange Zeit auf der Grundlage des Gegensatzes von Fleisch und Geist in Röm 7 das Körperliche erniedrigt und das Geistige in den Vordergrund gestellt. Auch Martin Luthers Theologie war von dieser Paulusinterpretation geprägt, in der er dem Fleisch als Sitz allen Übels komplementär die mystisch-spirituelle geistliche Erfahrung gegenüberstellt (Leppin, 2015, S. 89). In seiner Genesisvorlesung aus den Jahren 1535 bis 1545 erläutert er, dass Körperlichkeit zum Geschaffensein des Menschen dazugehört, durch den Sündenfall allerdings der Mann durch seine sexuelle Begierde einer negativen Triebkraft ausgesetzt sei und somit sein Körper tief in Sünde verstrickt bleibe (Gause, 2018, S. 48). Damit schließt er sich einer langen durch Augustin geprägten Tradition an (ebd., S. 45). Allerdings äußert sich Luther im Zusammenhang mit Sexualität und Ehe auch positiv zur Körperlichkeit und ist somit dieser offenbar ambivalent gegenüber eingestellt (ebd., S. 48).

Einen bedeutenden Perspektivenwechsel im Hinblick auf Körperlichkeit und Theologie vollzog die feministische Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel, indem sie den Körper als Ausgangspunkt von Theologie und Glaubenserfahrungen definierte (Moltmann-Wendel, 1994). Für sie sind Heilungsgeschichten körperliches Beziehungsgeschehen und der Körper dabei der Ort des Heils. So formuliert sie: „Im Körper begegnen sich Gott und Mensch. In den Körpern der Menschen begegnet uns Gott. Wer an seinem Körper vorbeisieht, sieht an Gott vorbei.“ (Gerber, 2018, S. 71) Zudem unterstreicht der Neutestamentler Michael Tilly, dass auch für Paulus „keine menschliche Identität ohne Leiblichkeit denkbar ist“ (Tilly, 2015, S. 73). Der Körper und seine Wahrnehmung gehören folglich zum Menschsein dazu. Körperlich erfahrbar wird das Heilsgeschehen zudem beim Abendmahl, wodurch nach Paulus in 1 Kor 10,16–17 der Mensch Anteil am Leib Christi hat (ebd., S. 75).

Die genannten theologischen Perspektiven stellen den Körper ins Zentrum religiöser Erfahrung. Den eigenen Körper als Ort des Heilsgeschehens wahrzunehmen, kann einen wertschätzenden und gesundheitsbewussten Umgang mit ihm fördern. Zudem lenkt dieser Fokus davon ab, den eigenen Körper als etwas Unzulängliches zu betrachten. Dies kann vor einem überzogenen Perfektionswahn und einem damit verbundenen gesundheitsgefährdenden Suchtverhalten schützen. Der Weg über die direkte Körpererfahrung, wie sie beim Abendmahl oder auch in ganzheitlichen Wahrnehmungsübungen im Religionsunterricht geschieht, ermöglicht einen weitaus intensiveren und nachhaltigeren Zugang zu einem gesundheitsfördernden Verhalten als ein abstrakteres Nachdenken über das Leben als Geschenk Gottes, wie es beispielsweise der bayerische Lehrplan vorsieht. Aufgrund dieser Lernmöglichkeiten ist es wünschenswert, dass Lehrpläne und Schulbücher im Kontext von Heilungsgeschichten auch das körperliche Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch als Heilsgeschehen thematisieren.

Literaturverzeichnis

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Julia Spichal
ist Assistentin am Institut für Religionspädagogik der Evang.-Theolog. Fakultät der Universität Wien