Theo-Web. Zeitschrift fuer Religionspaedagogik 17(2018), H.2, 167–172

Workshop 2: Religiöse Bildung im Jugendalter - Forschungsbedarfe und Handlungsimpulse

Dieser Impuls für einen Workshop nimmt den Zusammenhang zwischen der Wertschätzung, die junge Ehrenamtliche erfahren und ihrer Verbundenheit mit der Kirchengemeinde in den Blick. Der Grad ihrer Verbundenheit wiederum hat Auswirkung auf das ehrenamtliche Engagement. Handlungsbedarf gibt es auch bei den Konfirmierten, nur jeder Zweite ist nach der Konfirmation auf ein ehrenamtliches Engagement angesprochen worden. Wofür möchten sich Jugendliche und junge Erwachsene engagieren? Welche (religiösen) Themen bewegen sie? Am Beispiel junger Erwachsener, die sich für einen Freiwilligendienst bei einem kirchlichen oder diakonischen Anbieter entscheiden, wird die religionspädagogische Dimension dieses Handlungsfeldes in Blick genommen.

Wertschätzung junger Ehrenamtlicher, Verbundenheit Jugendlicher mit Kirche, Arbeit mit Freiwilligen, religiöse Orientierung, Bildungsgerechtigkeit

1 Die Studie „Jung – aktiv – evangelisch in NRW“

In der bundesweiten EKD-Studie „Jung – evangelisch - engagiert“ (vgl. Ilg, 2018) geht es um die Langzeiteffekte der Konfirmandenarbeit und die Übergänge in ehrenamtliches Engagement. Im Beirat der Studie war die Idee entstanden, in einem Bundesland eine quantitative Ausweitung der Repräsentativbefragung vorzusehen. Nordrhein-Westfalen (NRW) fand die Zustimmung des Beirates. So konnte die Zahl der in NRW befragten Personen von 400, wie in der bundesweiten Studie vorgesehen, auf knapp 1100 Personen erhöht werden. Die Studie kann somit als bevölkerungs-repräsentativ für das Bundesland NRW gelten. Die drei evangelischen Landeskirchen in NRW, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Evangelische Kirche im Rheinland und die Lippische Landeskirche haben die Finanzierung übernommen.

Zielgruppe (junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren), Forschungsinteresse, Fragen und Methoden sind mit der bundesweiten Studie identisch. So waren folgende Forschungsfragen von Interesse:

Ergeben sich aus den Erfahrungen mit der eigenen Konfirmandenzeit und mit ehrenamtlichen Teamern in der Konfirmandenarbeit Langzeiteffekte für das spätere soziale Engagement in Kirche und Gesellschaft? Kann man Konfirmandenarbeit insofern als Bildung für die Zivilgesellschaft verstehen?

Wie sind die Beziehungen und Einstellungen der jungen Erwachsenen in NRW zu Kirche, Religion und zum eigenen Glauben? Was hat sich hier verändert, vier bis zwölf Jahre nach der Konfirmation?

Die Ergebnisse Studie „Jung – aktiv – evangelisch in NRW“ (NRW, 2018) bieten den Kirchen eine gute Grundlage für den Dialog mit den staatlichen Bildungsträgern und der Politik in NRW. Die zivilgesellschaftliche Wirkung von Konfirmanden- und Jugendarbeit ist ein wichtiger Nachweis der Bedeutung evangelischer, non-formaler Bildung. Ebenso haben die Ergebnisse eine Relevanz für kirchenleitende Entscheidungen in Bezug auf das evangelische Bildungshandeln. Sie geben wertvolle Hinweise, wo in der gemeindlichen und übergemeindlichen Praxis Verbesserungsmöglichkeiten ansetzen sollten, um Ertrag und Effekte nachhaltig zu sichern.

2 Verbundenheit und Wertschätzung der Tätigkeit Jugendlicher in Kirche

Einige Ergebnisse lassen aus der Sicht eines Verantwortlichen für die außerschulische Bildungsarbeit nicht nur Handlungs-, sondern auch künftigen Forschungsbedarf erkennen. Beunruhigend sind die Ergebnisse der Frage nach der Verbundenheit junger Erwachsener in NRW mit Kirche. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Verbundenheit und dem ehrenamtlichen Engagement. Dies zeigt die folgende Abbildung (NRW, 2018, S. 23):

 

Abbildung 1

Die große Mehrheit der evangelischen jungen Erwachsenen zwischen 18 und 26 Jahren in NRW fühlt sich ihrer Kirche etwas oder stark verbunden (65%). Das sind rund 10 Prozentpunkte mehr als bei den katholischen Altersgenossen (55%). Jedoch sind die stark verbundenen Mitglieder in der evangelischen wie der katholischen Kirche - anders als in den evangelischen Freikirchen - deutlich in der Minderheit.

Was beeinflusst bei jungen Kirchenmitgliedern die Intensität ihrer Verbundenheit mit der Kirche? Das ist zum einen der Grad der Übereinstimmung mit den jeweiligen Glaubensüberzeugungen. Aber es lässt sich auch eine Korrelation mit dem ehrenamtlichen Engagement belegen. Evangelische, die sich ehrenamtlich engagieren, sind zu 22% ihrer Kirche stark verbunden, wohingegen die nicht engagierten Evangelischen dies nur zu 7% angeben. Ehrenamtliches Engagement und Kirchenverbundenheit stehen offensichtlich in einem reziproken Verhältnis zueinander: Wer sich ehrenamtlich engagiert, ist seiner Kirche eher verbunden und wer seiner Kirche stark verbunden ist, engagiert sich eher.

Es lässt sich auch ein Zusammenhang von Engagement und Beziehung zur Kirchengemeinde bei jungen Erwachsenen in NRW, die Mitglieder einer evangelischen Kirche sind, nachweisen wie folgende Darstellung zeigt (ebd., S. 24):

 

Abbildung 2

Weniger als die Hälfte derjenigen Evangelischen, die sich kirchengemeindlich engagieren, haben den Eindruck, dass die Kirchengemeinde ihre Tätigkeit aktiv wertschätzt. Das sind in NRW mit 47,5% noch weniger als in der bundesweiten Untersuchung, in der immerhin 53% dieser Aussage tendenziell zustimmten.

Schaut man auf die ehrenamtliche Tätigkeit im engeren Sinne, haben weitaus mehr Engagierte das Gefühl, Anerkennung für ihre Arbeit zu erfahren: 65% meinen, dass sie ihre Fähigkeiten gut in ihre aktuelle ehrenamtliche Tätigkeit einbringen können. Man könnte daraus schließen, dass sich Engagierte zwar in ihrer speziellen gemeindepädagogischen Tätigkeit anerkannt fühlen, im Raum der Kirchengemeinde aber auf zu wenig Wertschätzung stoßen. Dieses Ergebnis entspricht der oftmals vorgetragenen Erfahrung vieler Ehrenamtlicher – und auch hauptberuflich Mitarbeitenden – in der Jugendarbeit. Sie zeigen ein großes Engagement, das nur wenig Anerkennung findet. Von Verantwortlichen in den Gemeindeleitungen, von der kirchengemeindlichen Öffentlichkeit wird ihr Einsatz unzureichend gewürdigt, teilweise als Ausleben des eigenen Spieltriebes oder als „Befriedigung“ der eigenen Freizeitinteressen klein geredet.

Mangelnde Anerkennung hat Konsequenzen für den Grad der Identifikation mit der Kirchengemeinde. Nur knapp einem Drittel der jungen Evangelischen in NRW ist die Gemeinschaft mit anderen in der Kirchengemeinde wichtig und auch bei den gemeindepädagogisch engagierten Evangelischen sind dies nur 35%.

Offensichtlich identifizieren sich die Engagierten in den Gemeinden zwar mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, aber nicht mit der Kirchengemeinde als solcher. Fragt man alle evangelischen jungen Erwachsenen in NRW, hat gerade einmal ein Viertel der Befragten das Gefühl, in seiner Kirchengemeinde gebraucht zu werden (26,5%). Das Gefühl des Gebrauchtwerdens ist aber eine Grundbedingung für die Identifikation mit einer Institution. Aus all diesen Daten lässt sich ein Handlungsbedarf für die kirchengemeindliche Praxis erkennen. Wenn der Kirche das Engagement junger Menschen für die Gemeindeentwicklung wichtig ist, muss sie ihnen Anerkennung, Wertschätzung und Förderung entgegenbringen und sie vor allem mehr an verantwortlichen Entscheidungsprozessen beteiligen. Dies scheint nicht allein ein Forschungsfeld für die Jugendforschung zu sein. Hier geht es um Defizite in der Beteiligungskultur kirchlicher Leitungsstrukturen. Es kann nicht angehen, dass Jugendliche und junge Erwachsene von sich aus Formen der Beteiligung entwickeln und womöglich durchsetzen müssen - das sollte dringendes Anliegen der Erwachsenenkirche sein. 

3 Ansprache und Einladung zum ehrenamtlichen Engagement

Bedenklich ist, dass 56% der Konfirmierten innerhalb von zwei Jahren nicht angesprochen werden, ob sie ehrenamtlich tätig werden möchten. Und das, obwohl zwei Drittel aller Befragten uns attestieren, dass die Konfirmandenzeit insgesamt gut war (ebd., S. 30):

 

Abbildung 3

Woran liegt es, dass Jugendliche nach der Konfirmation nicht angesprochen werden? Kann man ihnen keine entsprechenden Angebote unterbreiten? Wo es keine Jugendarbeit in Kirchengemeinden gibt, entfällt ein Bereich für ein mögliches Engagement. Jugendliche werden jedoch als ehrenamtliche Teamer*innen in der Konfirmandenarbeit gebraucht. Ein anderer Bereich sind Jugendfreizeiten. Wo Freizeiten gut gelingen und sie Teilnehmer*innen ein positives Gefühl ermöglichen, sollten Jugendliche anschließend zur weiteren Beteiligung oder zum Ehrenamt eingeladen werden. Ein situatives „Anwerben“ der Jugendlichen reicht noch nicht. Zu wünschen ist ein qualifiziertes Ansprechen mit Angeboten, welche die Jugendlichen wirklich interessieren. Was selbstverständlich klingen mag, scheint jedoch ziemlich schwierig. Folgende Fragen sind dafür zu beantworten: Wie ist in Erfahrung zu bringen, wofür Jugendliche und junge Erwachsene sich engagieren möchten? Wie ist zu erfragen, welche Themen sie bewegen? Wird gewusst, welche Formen eines Engagements sie bevorzugen? Wollen sie zur Kirche hinkommen oder wo suchen sie „ihre“ Kirche? Und wo soll und kann Kirche sich von ihnen finden lassen?

4 Die religionspädagogische Dimension in der Arbeit evangelischer Freiwilligendienste

Ein Handlungsfeld außerschulischer Bildungsarbeit offenbart noch einige Wissenslücken, die eventuell durch Forschungen geschlossen werden können. Es ist die Arbeit mit Freiwilligen und damit die Zielgruppe junger Erwachsener zwischen 17 und 23 Jahren. Unabhängig davon, ob die jungen Menschen einen Dienst im Inland oder im Ausland leisten, wählen viele von ihnen konfessionelle Anbieter. Diese Form der Persönlichkeitsbildung in Verbindung mit sozialem Engagement erfreut sich einer gleichbleibend großen Nachfrage. Es ist ein Angebot der Kirche und Diakonie für junge Erwachsene im Anschluss an Schule oder Ausbildung, das bei vielen bei positiver Erfahrung eine langanhaltende Bindung erzeugt.

Während des Freiwilligendienstes sind junge Menschen mit dem Alltag in Pflegeeinrichtungen für Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Behinderungen konfrontiert. Sie versehen ihren Dienst in Krankenhäusern oder Kindertagesstätten oder sie verbringen ein Jahr in sozialen Projekten im Ausland und erleben die dortige Kultur mit oftmals gravierenden sozialen Problemen eines Landes. Zum solchen Freiwilligendienst gehören Seminare zur Vorbereitung, als Stationen auf dem Weg und zur Nachbereitung. Das sind teilweise bis zu fünf Wochen, in denen die Freiwilligen ihre Erfahrungen reflektieren - die religionspädagogische Dimension, das meint die Reflexion der theologischen und ethischen Themen, scheint mir noch zu wenig untersucht worden zu sein. Es stellen sich folgende Fragen: Worüber möchten junge Menschen sprechen? Ist der Übergang von der Herkunftsfamilie in ein eigenständiges und -verantwortliches Leben ein wichtiges Thema für sie? Welche Erwartungen und Befürchtungen haben sie in Bezug auf den bevorstehenden Dienst? Welche Fragen stellen sie sich im Umgang mit Krankheit, Behinderung oder Tod? Verbinden sie diese Fragen mit ihrem Glauben oder ethischen Grundeinstellung? Insbesondere diejenigen, die aus dem Ausland zurückkehren, haben Erfahrungen auch mit Armut und Elend gemacht - wie kommen sie damit zu Recht? – In der Reflexion muss es darum gehen, die Sprache und vor allem die eigenen Bilder für solche religiösen Themen von jungen Menschen aufzunehmen, zu verbalisieren und zu reflektieren.

Im Auslandsfreiwilligendienst der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) übernehmen die Ehemaligen eine wichtige Rolle in den verschiedenen Seminaren für die kommenden Jahrgänge. Als Teamer*innen bringen sie nicht nur ihre spezifischen Länder- und Projektkenntnisse ein. Sie sind auch Expert*innen in Sachen Rückkehr und „Wiedereingliederung“ in den heimatlichen Alltag. Sie stellen eine eigene Zielgruppe dar, denn rund 20-30% von ihnen bleiben über mehrere Jahre hinweg aktiv als Teamer*innen und kommen zu den jährlichen Treffen für Ehemalige. Da rund 60 junge Menschen jährlich entsendet wetden, wächst diese Gruppe stetig und wird für die Ehemaligen und Engagierten zur Gemeinde auf Zeit. Sie nennen sich die „EKiR-Familie“.

Es sei kurz auf ein weiteres Beispiel der außerschulischen schulbezogenen Arbeit verwiesen, die Orientierungstage. Schulklassen oder Religionskurse werden an einen dritten Ort außerhalb der Schule eingeladen. Dabei kommen Methoden zum Einsatz, die sich bewusst vom Lernen in der Schule unterscheiden. Diese Veranstaltungen werden oftmals in Verbindung mit bevorstehenden Übergängen angeboten und haben eine perspektivische Dimension für die jungen Menschen. Wie geht es weiter nach dem Schulabschluss, was ist mir wichtig für mein Leben, welche Chance habe ich oder sehe ich für mich in dieser Gesellschaft? - Auch in diesem Handlungsfeld engagieren sich ehrenamtliche Teamer*innen und es fragt sich, ob kirchliche Jugendarbeit die religiösen Fragen und Vorstellungen von Jugendlichen heute berührt. Zudem stellt sich die Frage, welchen Erfahrungen und Herausforderungen messen junge Menschen überhaupt eine religiöse Dimension bei und bei welchen ihrer Fragen nach dem Sinn des Lebens spielt der Glaube eine Rolle? – In den Seminaren zeigt sich, dass Begriffe wie „religiöse Dimension“ oder „transzendente Komponente“ mit den Jugendlichen selbst gefüllt oder näher bestimmt werden müssen.

Bei all dem Wissenshunger, der aus kirchenleitender Perspektive vorgetragen wird, gilt der Grundsatz: Es geht zuerst um die jungen Menschen. Außerschulische Bildungsangebote sind subjektorientiert und basieren auf Freiwilligkeit und Partizipation als Grundprinzipien. Religiöse Bildungsforschung zielt nicht auf den gläsernen Jugendlichen, der in Glaubensfragen „die Hose runter lassen“ soll. Es geht auch nicht um die Akquise künftiger Kirchensteuerzahler*innen oder Mandatsträger*innen. Jedoch: Eine Kirche, die sich nicht im Dialog mit jungen Menschen befindet, wird ihrer Bildungsverantwortung nicht gerecht. Sie entfernte sich von den Grundsätzen der Bildungsgerechtigkeit, einer Bildung, die Menschen in jeder ihrer Lebensphasen mit ihren jeweiligen Bildungsbedarfen gerecht werden möchte. Sie würde auf die theologische Sprachfähigkeit einer Generation verzichten, die schon längst Gegenwart mitgestaltet und die in der Zukunft Verantwortung übernimmt.

Der Religionsunterricht wird immer ein wichtiges Handlungsfeld kirchlicher Bildungsarbeit bleiben. Die Bedeutung von Konfirmanden- und Jugendarbeit, von schulbezogener Arbeit und der Freiwilligendienste als lebensbegleitender Bildung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es gibt jedoch in der Gestaltung der Übergänge, in der Arbeit mit jugendlichen Ehrenamtlichen und vor allem in der Erforschung der religiösen Dimension noch viele Forschungsdesiderate.

Literaturverzeichnis

Ilg, W. / Pohlers, M. / Gräbs Santiago, A. / Schweitzer, F. (2018). Jung – evangelisch – engagiert. Langzeiteffekte der Konfirmandenarbeit und Übergänge in ehrenamtliches Engagement im biografischen Horizont. Reihe Konfirmandenarbeit erforschen und gestalten Band 11. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Jung – aktiv evangelisch in NRW. Eine Studie zum ehrenamtlichen Engagement junger Erwachsener in NRW. (2018). Düsseldorf. Online: www.ekir.de/url/GCX [Zugriff: 25.10.2018]

 

Dr. Stefan Drubel, Leitender Kirchenrat, Evangelische Kirche im Rheinland, Düsseldorf