Theo-Web. Zeitschrift fuer Religionspaedagogik 17 (2018), H.2, 173–179

Workshop3: Zum religiösen Angebotsspektrum der Evangelischen Erwachsenenbildung

Die Evangelische Erwachsenenbildung zeichnet sich dadurch aus, dass es ihr gelingt, eine sich weltanschaulich plural entwickelnde Öffentlichkeit mit der Bildungstradition der Evangelischen Kirche zu verbinden. Evangelische Anbieter von Erwachsenenbildung kennen und fördern die Nahtstellen zwischen öffentlichem Bildungsauftrag und evangelischer Bildungsverantwortung und zeigen, wie breit und unabhängig von Religions- oder Konfessionszugehörigkeit sich im Erwachsenenalter für religiöse Bildung interessiert wird. Das religiöse Angebotsspektrum steht für eine entsprechende thematische Bandbreite und konzeptionelle Dynamik.

Evangelische Erwachsenenbildung, religiöse Erwachsenenbildung, theologische Erwachsenenbildung, Bildungspolitik

1 Fachliche und (kirchen)politische Brisanz der Evangelischen Erwachsenenbildung

Das religiöse Angebotsspektrum der in den 1960er Jahren gegründeten Einrichtungen der Evangelischen Erwachsenenbildung war noch marginal, dort entwickelte sich erst in den 1970er Jahren ein Spektrum an religiösen Angeboten, das dann bis Ende der 1980er Jahre anwuchs und 1987 mit ca. 920.000 Teilnahmen im Jahr seinen Höhepunkt erreichte. Während der 1990er Jahre verzeichneten die Einrichtungen in diesem Spektrum stark rückläufige Teilnahmen. Bereits ab den 2000er Jahren aber begannen wieder mehr Lernende sich für religiöse Angebote zu interessieren (vgl. Pehl, 2002). Gegenwärtig kann nach einer Zeit der Stabilisierung und einer Phase der Konturierung von religiösen Bildungsangeboten gegenüber Mission und Gemeindeentwicklung wieder ein positiver Trend beobachtet werden, durch den religiöse Angebote sogar als Markenkern der Evangelischen Erwachsenenbildung in den Blickpunkt rücken. Denn: die Einrichtungen erreichen zurzeit mit keinem Programmteil mehr Teilnehmende als mit ihrem religiösen Programm (genaue Zahlen dazu siehe unten). Auf aktuelle Phänomene, wie die alternde Kirche und den anhaltenden Mitgliederschwund, auf Fundamentalismusgefahr und -fixierung, auf die zunehmende Interreligiosität und Spiritualität, auf Konversionstendenzen und auf neue Synergien zwischen Religions- und Gesundheitsfragen sowie zwischen religiösen, kulturellen und politischen Fragen – auf all das scheinen die Einrichtungen Evangelischer Erwachsenenbildung weniger betroffen, als mehr mit konzertierter konzeptioneller Dynamik zu reagieren. 

Allerdings bildet ein Kontrast zur hohen Resonanz religiöser Erwachsenenbildungsangebote und der dahinter vermuteten konzeptionellen Dynamik, dass der Bereich der Erwachsenenbildung seit Längerem schon in bildungs- und kirchenpolitischer Hinsicht im Sinkflug begriffen ist. Zudem hat man es hier mit einem religionspädagogischen Desiderat zu tun, denn zu religiösen Erwachsenenbildungsangeboten lassen sich bestenfalls punktuell empirische Befunde und wissenschaftliche Theoriebildung heranziehen. Die bildungspolitische Einhegung der Erwachsenenbildung bemisst sich in erster Linie am Grad ihrer Finanzierung; und der religionspädagogische Stellenwert der Erwachsenenbildung bemisst sich in erster Linie am Umfang diesbezüglicher empirischer Studien und wissenschaftlicher Publikationen.

Ich möchte im Folgenden die wenigen Erkenntnisse, die über das religiöse Angebotsspektrum Evangelischer Erwachsenenbildung insgesamt und über seine theoretische Einordnung vorliegen, darstellen. Damit daraus aber kein Zerrbild wird, ist hier auch der wissenschaftliche und politische Kontext, in dem diese Erkenntnisse zu verstehen sind, mit zu berücksichtigen. Angesichts der hohen Resonanz und anzunehmender Konzeptdynamik religiöser Erwachsenenbildungsangebote, verwundert es einigermaßen, dass es hierbei zugleich um die Skizze eines ausgeprägten Forschungsdesiderats und um die Skizze einer politischen Einhegung handelt. Deswegen besteht das naheliegende und hier nicht auszublendende Problem in der religionspädagogischen Intransparenz von Evangelischer Erwachsenenbildung. Das weitreichende, hier ebenso wenig auszublendende Problem ist dann, dass konzeptionelle Entwicklungen im religiösen Angebotsspektrums auch nicht einfach fachlich zu diskutieren sind, sondern diese Fachlichkeit immer mitsamt ihrer politischen Marginalisierung und administrativen Schwäche zur Sprache zu bringen ist. Diese politische Kontextualisierung ist notwendig wegen der anhaltenden finanziellen Misere: die Erwachsenenbildung ist der einzige Bildungsbereich, der deutlich sinkende statt steigende öffentliche Ausgaben zu verzeichnen hat (vgl. Walter, 2015). Außerdem wird damit auch eine andragogische Herangehensweise deutlich, denn Anbieter von Erwachsenenbildung hatten noch nie eine Bestandsgarantie, Jahr für Jahr müssen sie ihre Existenz durch abrechenbare Leistung legitimieren, und wegen dieser – durchaus nicht nur nachteiligen – Situation, ist in andragogischen Debatten vor allem Fachlichkeit gefragt, die bildungspraktisch relevant und bildungspolitisch versiert bleibt.

Einer Religionspädagogik, die Erwachsenenbildung lediglich unter dem biographischen Gesichtspunkt des „Lebensalters“ wahrnimmt, entgeht es, dass sich andragogische Fachlichkeit seit fast sechzig Jahren als Zweig evangelischer Bildungslandschaft institutionalisiert hat, sie aber trotz institutionalisierter Form weit mehr als andere Bildungsressorts für ihre Weiterexistenz politisch eintreten muss. Zudem führt eine Lebensalter-Systematik auch unter einem bildungspraktischen Gesichtspunkt nicht weit, sie lässt in dieser Hinsicht nur fragen: Was ist mit dem breiten Angebotsspektrum familienbezogener Erwachsenenbildung, wo doch Fragen der Kindheit und Jugend – freilich aus Eltern- und Großelternperspektive – zentral sind? Was ist mit den jungen Erwachsenen, mit Jugendlichen, die sich von den Erwachsenenbildungsangeboten angesprochen fühlen? Und wer, wenn nicht die Anbieter Evangelischer Erwachsenenbildung, vertreten in der nachberuflichen Lebensphase und noch bis ins hohe Alter einen Bildungsansatz?  

2 Bildungspolitische Einhegung der Erwachsenenbildung

Was die Finanzierung der Allgemeinen Erwachsenenbildung anbelangt, so ist bereits ein Indikator für deren Einhegung, dass kaum integrierte Berechnungen über eingestellte Mittel seitens der Kommunen, Länder und des Bundes existieren. Belastbar sind gegenwärtig nur zwei knappe Studien mit entweder einem zu weiten oder einem zu engen Fokus: es gibt lediglich den Versuch einer Zusammenschau von Beruflicher und Allgemeiner Erwachsenenbildungsfinanzierung (Walter, 2015) und eine vergleichende Studie zur Länderfinanzierung der Allgemeinen Erwachsenenbildung (Jaich, 2015). In kirchenpolitischer Hinsicht lässt sich auf keine Studien zurückgreifen, bestenfalls kann man sich auf den EKD-Haushalt beschränken, doch darin sind keine Zuweisungen für die Erwachsenenbildung ausgewiesen. Erst, wenn Synodale im Haushalt den Betrag für das „Handlungsobjekt Comenius-Institut“ im sogenannten „Handlungsbereich Bildung in Kirche und Gesellschaft“ hinterfragen und dann noch Einblick bekommen in den Haushalt für Erwachsenenbildung am Comenius-Instituts (CI) und in den Haushalt der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft (DEAE), sind sie in der Lage, das bildungspolitische Gewicht Evangelischer Erwachsenenbildung zu ermitteln.

Die Länderfinanzierung ist für die Anbieter von Evangelischer Erwachsenenbildung maßgeblich, knapp ¾ ihres Etats ist länderfinanziert (vgl. DEAE-Statistik 2016; 2018). Es kann daher erhellend sein, einen Blick darauf zu werfen, welche Relevanz der Erwachsenenbildung in den Bildungsetats der Länder beigemessen wird. Angesichts dieser Etats muss konstatiert werden: die Relevanz der allgemeinen Erwachsenenbildung ist marginal, mittlerweile bewegt sich die Erwachsenenbildungsförderung in keinem der Bundesländer auch nur in der Nähe von 1% des Gesamtbildungsetats. Spitzenreiter unter den Bundesländern ist aktuell Bremen, wo insgesamt 0,79% des Bildungsetats für die Allgemeine Erwachsenenbildung verwendet werden (vgl. Jaich, 2015). Auf belastbare bundesweite Zahlen zur Finanzierung seitens der Kommunen und des Bundes, mit denen der Anteil der Erwachsenenbildung an den Bildungsausgaben insgesamt umfänglicher zu berechnen wäre, lässt sich nicht stützen.

Fragt man nach dem kirchenpolitischen Gewicht der Evangelischen Erwachsenenbildung, so sucht man vergeblich nach EKD-weiten Zahlen zu ihrer landeskirchlichen sowie parochial-strukturierten Finanzierung. Diese müssten aber neben den EKD-Mitteln berücksichtigt werden, um zumindest den umfänglichen Anteil Evangelischer Erwachsenenbildung an den kirchlichen Bildungsausgaben insgesamt zu berechnen. Allein angesichts des EKD-Haushaltes belaufen sich die Erwachsenenbildungsmittel auf jährlich 267.200 €, was ca. 3,5% des EKD-Bildungsetats ausmacht.    

Bereits diese Zahlen können einen politischen Trend anzeigen. Sie bestätigen eine politische Aufgabe, der sich die Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft (DEAE) bereits seit Jahrzehnten verschrieben hat. Anlässlich seines 40jährigen Bestehens erklärte der Verband etwa: „Wir müssen heute konstatieren, dass die ursprüngliche bildungspolitische Intention, die Erwachsenen- und Weiterbildung zur „vierten Säule“ zu entwickeln, nicht gelungen ist. Inzwischen scheint das Prinzip der „öffentlichen Verantwortung“ selber marginal geworden zu sein. Stattdessen wird auch in der Bildungspolitik das Prinzip der Individualisierung von gesellschaftlichen Aufgaben und Problemlagen forciert. (…) Die Positionierung der Evangelischen Erwachsenenbildung im Gesamtsystem der Weiterbildung ist daher auf die Erweiterung und Intensivierung kirchlicher Verantwortung und auf die beharrliche Verteidigung des Prinzips öffentlicher Verantwortung angewiesen.“ (DEAE, 2002, S. 635).       

3 Religiöse Erwachsenenbildungsangebote und ihre wissenschaftliche Reflexion

Wie in anderen Bildungsfeldern, so beschränkt sich auch in Einrichtungen der Evangelischen Erwachsenenbildung der religiöse und theologische Anteil am Bildungsgeschehen nicht auf explizit religiöse Settings. Sowohl im Grundverständnis dessen, was unter Bildungsverantwortung, Bildungsaspiration und Bildungszielen zu verstehen ist, als auch quer durch die Angebotspalette fließen in der Evangelischen Erwachsenenbildung religiöse Aspekte und Gesichtspunkte mit ein. Zum Beispiel wird in der familienbezogenen Erwachsenenbildung an religiöse Rituale erinnert, im Gesundheitsbereich werden Fragen des Wohlbefindens mit christlichen Exerzitien verknüpft, eine Tagung zum aktuellen Altenbericht beginnt mit einem christlichen Lied und endet mit einem Reisesegen, in zivilgesellschaftlicher und politischer Hinsicht wird sich für die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt oder im Falle interkultureller Begegnung werden religiöse Fragestellungen nicht ausgespart. Diese implizite und punktuelle Religiosität ist zu unterscheiden von religiösen Erwachsenenbildungsangeboten, die, wie eingangs schon bemerkt, nach einem Teilnahmeeinbruch in den 1990er Jahren aktuell nicht nur stabilisiert sind, sondern sogar jenes Programmfeld darstellen, das am meisten nachgefragt wird.

Einziger statischer Anhaltspunkt für zu treffende Aussagen über das religiöse Erwachsenbildungsangebot ist die seit 1977 bestehende „Weiterbildungsstatistik im Verbund“. In deren Zuge erstellt das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung ein jährliches Portrait für die Evangelische Erwachsenenbildungslandschaft namens „DEAE-Statistik“ (vgl. DEAE-Statistik 2016, 2018).    

Laut den letzten Befunden dieser Statistik konnten in den religiös-ethischen Angeboten der Erwachsenenbildungseinrichtungen 816.190 Teilnahmen im Jahr 2016 registriert werden. Das sind ca. 30% aller bei den Anbietern registrierten Teilnahmen (von 2.701.155 Teilnahmen insgesamt) beziehungsweise sind damit ca. 28% aller Veranstaltung der Evangelischen Erwachsenenbildung in 2016 gezählt (von 128.151 Veranstaltungen insgesamt).

Religiöse Angebote zeichnen sich in konzeptioneller Hinsicht dadurch aus, dass es sich bei ihnen in erster Linie um prägnante Veranstaltungsformen, um sogenannte „Einzelveranstaltungen“ mit weniger als drei Unterrichtsstunden handelt. Circa ⅔ aller Einzelveranstaltungen werden in den evangelischen Erwachsenenbildungseinrichtungen zu religiös-ethischen Themen angeboten (26.184 von insgesamt 36.646 Einzelveranstaltungen). Das sind teilweise tatsächlich thematisch abgeschlossene Einzelveranstaltungen, wie Vortragsabende oder Diskussionsrunden, zum Teil sind es aber auch thematisch zusammengehörige Serien von Einzelveranstaltungen, beispielsweise eine Woche der Stille mit vielen kleineren Angeboten in der ganzen Stadt oder eine Serie von theologischen Impulsen über zwei Monate zur Mittagszeit.

Was die Zusammensetzung und die Merkmale von Teilnehmenden an religiösen Angeboten anbelangt, so existieren derzeit keine weitergehenden Befunde. Selbst Fragen der Altersstruktur oder Geschlechtszugehörigkeit der Teilnehmenden lassen sich nicht beantworten. Bundeslandübergreifend gibt es keine belastbaren Daten dazu. Die Datenlage zeigt lediglich: 91,5% der religiösen Angebote werden ohne Zielgruppenspezifität konzipiert, was heißt, es gibt in den Ausschreibungen so gut wie keine Adressierung nach Milieus, Herkunft, Lebensalter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit etc. Die vergleichsweise wenigen religiösen Angebote mit Zielgruppenfokus (insgesamt nur 3.070 Veranstaltungen), adressieren vor allem Frauen (mit 46,4% aller zielgruppenspezifischen religiösen Angebote) oder sprechen speziell Senioren/innen an (in genau 682 religiösen Veranstaltungen).

Obwohl Teilnahmegebühren im religiösen Angebotsspektrum nicht so ausschlaggebend sind wie bei Angeboten, die Fragen von „Familienarmut“, „Grundbildung“ oder „Integration“ aufgreifen, so hat es doch auch hier einen Einfluss auf die Programmgestaltung und Teilnahme, dass die Einrichtungen Evangelischer Erwachsenenbildung neben der öffentlichen Hand und den kirchlichen Zuschüssen noch zu gut einem Drittel auf Teilnahmegebühren angewiesen sind. Die eben genannten Finanzquellen entsprechen einem administrativen und einem fachlichen Spannungsverhältnis der Evangelischen Erwachsenenbildung, nämlich dem Verhältnis von: Evangelischer Verantwortung/Theologie/Gemeinde – Öffentlichem Bildungsauftrag/Erziehungswissenschaft/Bildungslandschaft – zivilgesellschaftlichem Bildungsinteresse/Mündigkeit/Lebenswelt. Mit Pestalozzis Kopf-Herz-Hand-Metapher kann man sagen: Die Evangelische Erwachsenenbildung hat den öffentlichen Bildungsauftrag im Kopf, die evangelische Bildungsverantwortung im Herzen und bietet den zivilgesellschaftlichen Bildungsinteressen die Hand. Indes, die Variabilität der drei Finanzquellen ist sehr beschränkt. Wenn die Einnahmen von einer der drei Seiten kritisch werden, so wirkt sich das direkt auf den Einzugsbereich aus, als Rückzug aus der Fläche, und es hat auch direkte Konsequenzen auf die Programmgestaltung, da Teilnahmegebühren schnell unverzichtbar werden. Religiöse Angebote mit Teilnahmegebühren jedoch erreichen keine finanziell schwachen Gruppen, wie Jüngere, Familien, Alleinstehende, Arbeitslose und andere. Es dürfte eingedenk der dünnen und fragilen Förderstrukturen für Anbieter also eine Herausforderung sein, religiöse Bildung auch mit Blick auf jene Gruppen zu konzipieren, für die Teilnahmegebühren ein großes Hindernis darstellen.   

Die wissenschaftliche Erforschung und Reflexion von religiösen Erwachsenenbildungsangeboten ist sowohl unter theologischem und religionswissenschaftlichem Gesichtspunkt, als auch unter erziehungs- und erwachsenenbildungswissenschaftlichem Gesichtspunkt ein Desiderat. Der skizzierten bildungspolitischen Einhegung von Erwachsenenbildung entspricht ihre bildungswissenschaftliche Marginalisierung. Allgemeine empirische Programm-, Teilnehmenden- und Organisationsforschung zum religiösen Angebotsspektrum sucht man vergebens. Bestenfalls kann man sich auf vereinzelte landesspezifische oder verbandsspezifische Befunde stützen (wie: Hofmann, 2013; Seitter, 2013). Und auch um den theoretischen Diskurs ist es kaum besser bestellt. Die religiösen Erwachsenenbildungsangebote werden von erziehungswissenschaftlich-andragogischer Seite gar nicht reflektiert und von theologisch-religionspädagogischer Seite ist Erwachsenenbildung bestenfalls ein allgemeiner Diskussionsgegenstand (vgl. Schröder, 2012; Schweitzer, 2006). Unterhalb von Kompendien sind dann nur noch lose Diskussionsbeiträge anzutreffen (vgl. Bergold, 2013; Wolff, 2008), die kaum zu Diskursen führen, nicht mal in Verbandspublikationen (zum Beispiel: Strack, 2002 oder Utsch, 2013) oder der Evangelischen Fachzeitschrift für Bildung im Lebenslauf (zum Beispiel: Asmus & Köster, 2013). Selbst während der Zeit des Reformationsjubiläums dominierten fast ausschließlich Fragen zum Evangelischen Bildungsverständnis allgemein (zum Beispiel: Schrader, 2017), wobei man vor allem theologische Grundsatzfragen und politische Fragen zur Trägerspezifik skizzierte. Dem konkreten, besonders im Reformationsjubiläumsjahr breit aufgestellten religiösen Angebotsspektrum verhalf das aber kaum zur Sprache. Es lässt sich nach wie vor nur mutmaßen, inwieweit die in aktuellen Veröffentlichungen und Programmen beobachtbaren Thematiken und Formate exemplarische oder wegweisende Konzeptentwicklungen anzeigen. Sich wiederholende Phänomene wie die Elementarisierung von religiöser Sprache und Praxis beziehungsweise die Interreligiosität und Interkonfessionalität von Angeboten, wie die Rolle von Outdoor-Lernorten, Bewegung und Exerzitien, oder wie geschlechtsspezifische Religionsangebote in der Familienbildung, könnten inhaltliche und methodische Trends anzeigen. Selbst aber, wenn diese Phänomene quantitativ nicht so relevant sein sollten, erhellend wäre es zumindest, sie auf aktuelle religionspädagogische Debatten um religiöse Sozialisation und Biographie, um konfessionelle und religiöse Vielfalt oder um das zivilgesellschaftliche Gewicht von Kirche und christlichem Glaube zu beziehen. Es wäre gewiss auch eine Bereicherung für die erziehungswissenschaftlichen Debatten, wenn dort nicht allein Fragen des schulischen Religionsunterrichts oder allgemein Fragen der Prävention vor religiösem Extremismus im Mittelpunkt stünden, sondern das religiöse Erwachsenenbildungsangebot als weites Feld für empirische Studien und für Debattenanknüpfungspunkte genutzt würde. So bleibt zu hoffen, dass das, was sich an religiöser Bildung bundesweit in der Erwachsenenbildung entwickelt, nicht noch länger unterhalb des wissenschaftlichen Radars stattfindet. Würde dies transparenter werden, dann ließe sich auch klarer beurteilen, welchen bildungspolitischen Stellenwert es hat, dass in Einrichtungen der Evangelischen Erwachsenbildung sich institutionell niederschlägt, was gegenwärtig an Religion im Erwachsenenalter von Interesse ist und welche dafür adäquaten Bildungsanhalte und -formate sich explorativ entwickeln lassen.

Literaturverzeichnis

Asmus, S. & Köster, G. (2013). In Eintracht streiten: Toleranz ohne Gleichgültigkeit und Grenzenlosigkeit. forum erwachsenbildung, 2013 (1), S. 27–31.

Bergold, R. (2013). Erzählung und Identität. Überlegungen zu einer narrativen religiösen Erwachsenenbildung. In R. Bergold, A. Kabus, K. Lindner und H. Schwillus (Hrsg.), Erinnern und Erzählen. Theologische, geistes-, human- und kulturwissenschaftliche Perspektiven (S. 431–440). Berlin: Lit.

DEAE (2002). Bildung und menschliche Würde im Zeitalter der technischen „Bildbarkeit“ des Menschen. In A. Seiverth (Hrsg.), Re-Visionen Evangelischer Erwachsenenbildung (S. 629–637). Bielefeld: Wbv.

DEAE-Statistik 2016 (2018). www.deae.de/Archiv/Statistik.php [Zugriff: 07.11.2018].

Hofmann, B. (2013). Sich im Glauben bilden. Der Beitrag der Glaubenskurse zur religiösen Bildung und Sprachfähigkeit Erwachsener. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

Jaich, R. (2015). Finanzierung der gesetzlich geregelten Erwachsenenbildung durch die Bundesländer. Online-Erstveröffentlichung (Februar 2015) in der Reihe: DIE Aktuell des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. www.die-bonn.de/doks/2015-finanzierung-01.pdf [Zugriff: 07.11.2018].

Pehl, K. (2002). Evangelische Erwachsenenbildung in Zahlen. In A. Seiverth (Hrsg.), Re-Visionen Evangelischer Erwachsenenbildung (S. 213–230). Bielefeld: Wbv.

Schrader, J. (2017). Evangelische Erwachsenenbildung im Jahr des Reformationsjubiläums. forum erwachsenbildung, 2017 (1), S. 20–23.

Schröder, B. (2012). Religionspädagogik (S. 498–513). Tübingen: Mohr Siebeck.

Seitter, W. (2013). Profile konfessioneller Erwachsenenbildung in Hessen. Eine Programmanalyse. Wiesbaden: Springer VS.

Strack, H. (2002). Sich dem Eigenen und dem Anderen öffnen. Zur Bedeutung theologischer Bildung am Beispiel des Theologiekurses der Evangelischen Erwachsenenbildung in Baden und Württemberg. In A. Seiverth (Hrsg.), Re-Visionen Evangelischer Erwachsenenbildung (S. 363–366). Bielefeld: Wbv.

Schweitzer, F. (2006). Religionspädagogik. Lehrbuch Praktische Theologie (S. 252–256). Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Utsch, M. (2013). Suche nach Spiritualität auf dem Gesundheits- und Lebenshilfemarkt. Eine Herausforderung für die religiöse Bildung. In A. Rösner (Hrsg.), Was bringt uns das? Vom Nutzen religiöser Bildung für Individuum, Kirche und Gesellschaft (S. 107–114). Münster: Waxmann.

Walter, M. (2015). Weiterbildungsfinanzierung in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Wolff, J. (2008). Evangelische Erwachsenenbildung zwischen Profil und Zeitgeist. In G. Adam & R. Lachmann (Hrsg.), Neues Gemeindepädagogisches Kompendium (S. 381–410). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

 

Dr. Steffen Kleint ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Erwachsenenbildung am Comenius-Institut, der Evangelischen Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft in Münster.