Theo-Web. Zeitschrift fuer Religionspaedagogik 19 (2020), H.2, 63-82.

Theologisieren mit Digitorials – Beobachtungen am Beispiel digitalen Konfirmandenunterrichts

Der Aufsatz befasst sich mit der Frage, inwiefern und unter welchen Bedingungen sich ein Theologisieren mit Digitorials vollzieht. Die exemplarische Studie zeichnet das Thema in den größeren Bereich der Mediatisierung ein. Konstruktivistische Grundannahmen zum Subjekt werden durch praxistheoretische Überlegungen zu den Dingen – und ihrer Veränderung des Subjekts – erweitert. Die empirische Begleitforschung weist die Gestaltung von Gemeinschaft als Kernkategorie eines Theologisierens mit dem Heiligen Geist aus. Sie gibt zugleich präzise an, welche konkreten Aufgaben ein Digitorial im Rahmen von Konfirmandenarbeit (nicht) übernehmen kann.

Grounded Theory Methodologie, Praxistheorie, Heiliger Geist, Digitorial, Mediatisierung

Vorbemerkung: Wie aus Theologisieren mit Digitorials ein digitales Theologisieren wurde...

Was mich bewogen hat, mich auf das Thema vom Heiligen Geist einzulassen, steht mir im Einzelnen nicht mehr vor Augen – der Jugendpfarrer eines benachbarten Kirchenkreises hatte mich um einen Workshop gebeten, ich selbst war auf verschiedene Studien zum Heiligen Geist gestoßen (Gerth, 2011; Danz, 2019; Südland, 2019) und vielleicht habe ich auch gedacht, dass ich einen Input reformierter Theologie gut vertragen könne. Eine intensivere Befassung mit dem Thema schien mir jedenfalls an der Zeit.

Was mich bewogen hat, mich mit Digitorials zu beschäftigen, ist etwas leichter anzugeben. Eine Kollegin hatte mich mit ihrer Begeisterung für Erklärvideos angesteckt. Das Zentrum für Lehrerbildung bot digitale Webinare an. In meinen Lehrveranstaltungen wollte ich einmal etwas Anderes machen. Im Wintersemester 2019/20 erhielten Studierende die Aufgabe, eigene Digitorials zu drehen.

Was mich bewogen hat, mich mit dem Theologisieren zu befassen, weiß ich ziemlich genau. Mein Interesse geht auf eine alte Liebe, langjährige schulische Praxis und auf den Wunsch zurück, Religionsunterricht anders zu gestalten, als ich es in der Mehrzahl der Unterrichtsbesuche erleb(t)e: weniger machtförmig (im Foucaultschen Sinn), sondern auf Augenhöhe, weniger formal, sondern den Einzelnen involvierend, und nicht nur an der Lebenswelt der Subjekte, sondern auch an den Dingen (Hahn, 2015) orientiert. Ich knüpfe an die aktuelle Ausrichtung der (empirischen) Unterrichtsforschung an, die ein neues Interesse an Fachlichkeit erkennen lässt (Bayrhuber, Frederking, Jank, Rothgangel & Vollmer, 2017; Martens, Rabenstein, Bräu, Fetzer, Gresch, Hardy & Schelle, 2018).

Als wir uns mit einer Seminargruppe auf den Workshop im Sommersemester 2020 vorbereiteten, kam Corona. Die Pandemie brachte wie bei allen, die an der Universität tätig sind, tiefe Veränderungen mit sich. Zwar lief der Lehrbetrieb – anders als in den Schulen – weiter. Wir stellten unsere Veranstaltungen aber auf neue digitale Formate um. An meiner Universität geschah dies im Rahmen des Zoom-Programms. Exemplarisch sei berichtet, wie das digitale Theologisieren unter diesen Bedingungen in das universitäre Lernen eingebunden wurde (2.) und was sich daraus für ein konkretes Theologisieren mit Digitorials ableiten lässt (3.). Zunächst aber:  

1 Zur Problematisierung des Themas

Was heißt Theologisieren? Fragt man nach der Verwendung dieses Ausdrucks in der relativ jungen kinder- und jugendtheologischen Literatur, so ist ein ambivalenter Befund zu verzeichnen. Einerseits wird der Begriff recht unmissverständlich abgelehnt. Der Ausdruck sei ästhetisch unschön, zu nah am Philosophieren, die Bemühung um Theologie und theologisches Denken sei einer die Eigenarten des theologischen Denkens nivellierenden Formulierung vorzuziehen (Martens, 2005, 13; Habichler, 2011, 122–123). Thomas Schlag und Friedrich Schweitzer haben vorgeschlagen, den Theologiebegriff näher zu bestimmen. Sie unterscheiden zwischen Perspektiven (für, mit und von Jugendlichen) und Dimensionen (implizit, persönlich, explizit, theologische Deutungen und theologische Argumentation). Auch überlegen sie, eine Alltagsdogmatik für die implizite Theologie sowie die im angelsächsischen Raum entwickelte ordinary theology für die explizite Theologie heranzuziehen (Schlag & Schweitzer, 2011, S. 62, S. 179).

Andererseits wird der Ausdruck inzwischen selbstverständlich zum Einsatz gebracht. Erst jüngst haben Katharina Kammeyer und Saskia Eisenhardt (Eisenhardt, 2019) den Ausdruck eingebracht und mit Blick auf die Einbeziehung heterogener Lerngruppen definiert: „Der Ansatz ,Theologisieren mit Kindern‘ nimmt die Fähigkeit von Mädchen und Jungen auf, Fragen und Deutungen, die eine transzendente Ebene betreffen, zu formulieren, zu gewichten und zu vertiefen.“ (Kammeyer, 2019, S. 127). In einer gemeinsam mit Verena Hartung veröffentlichten Studie habe ich Theologisieren – in Anlehnung an Henrik Simojokis Überlegungen zur Theologizität (Simojoki, 2017, S. 61) – als doppelseitige Kommunikation beschrieben, die sich als Reflexion über die Inhalte des christlichen Glaubens sowie deren Funktionsbestimmung für zwischenmenschliche Beziehungen vollzieht. Dies geschah aus forschungspragmatischen Gründen: Die Analyse von ausgewählten, kommentierten Zeichnungen Kinder und Jugendlicher legt mit Hilfe der Dokumentarischen Methode nicht kognitive, vorsprachliche Äußerungen offen, um eine Ebene hinter den Dingen (Bild und Text) zu rekonstruieren (Roggenkamp & Hartung, 2020). Befasst man sich mit den sog. Großen Fragen, so ist der Begriff mit Petra Freudenberger-Lötz etwas anders zu perspektivieren: „Beim Theologisieren mit Jugendlichen werden die theologischen Deutungen der Jugendlichen wahrgenommen, wertgeschätzt, als konstitutiv für das Unterrichtsgeschehen aufgegriffen und für den weiteren Verlauf des Unterrichts fruchtbar gemacht“ (Freudenberger-Lötz, 2012, S. 12).

In der Religionspädagogik besteht weitgehend Einigkeit über eine Rahmung der Kinder- und Jugendtheologie durch konstruktivistische Ansätze. Dieser Zusammenhang ist nicht zuletzt aus dem Philosophieren mit Kindern übernommen (Martens, 2005, S. 12). Er äußert sich in der Aufstellung von Gesprächsregeln, die in den theologischen Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen zu beachten sind, um sensibel die Vorstellungen zu spezifischen Gegenständen zu erfragen und weiter zu entwickeln (Reiß & Freudenberger-Lötz, 2012). Er äußert sich in der Empfehlung, sog. Strukturbäumchen oder Mindmaps anzufertigen, die denjenigen, die theologische Gespräche führen, als Stütze ihrer Gesprächsführung dienen. Auch die Karteikartenmethode wird als Unterstützung für theologische Gespräche nahegelegt (Freudenberger-Lötz, 2012, S. 31–34).

Ob Dinge das Theologisieren initiieren, ergänzen, kritisieren, begleiten, flankieren oder aus sich heraussetzen, hängt auch davon ab, wie man die verschiedenen Rollen der Lehrkraft akzentuiert: als aufmerksame Beobachterin, stimulierende Gesprächspartnerin oder begleitende Expertin (Freudenberger-Lötz, 2012, S. 16). Der Umgang mit Dingen oder Gegenständen wie beispielsweise Fotos, Skulpturen oder Digitorials ist noch einmal anders zu fokussieren (Keller & Roggenkamp, 2021).

Kinder- und Jugendtheologie hat seit ihren Anfängen eine Verschränkung mit empirischen Methoden gesucht. Im Hintergrund steht die (Selbst-) Erforschung des eigenen Vorgehens, das nicht nur genau dokumentiert, sondern auch hinsichtlich der Frage reflektiert wird, inwiefern und auf welche Weise Kinder und Jugendliche eigene Zugänge zu Theologie affinen Gedanken gefunden haben. Während die Jahrbücher für Kinder- und Jugendtheologie zumeist das Sampling der Gespräche in den Fokus rücken – in einem ersten Teil stehen theoretische Grundlagen und empirische Einblicke im Fokus –, zeichnen sich die Arbeiten von Mirjam Zimmermann, Petra Freudenberger-Lötz, aber auch Hanna Roose durch den Einsatz qualitativer Methoden aus. Zimmermann hat sich mit der Theorie affinen Grounded Theory Methodologie (GTM) befasst, die sie u.a. in Form des offenen Kodierens bei der Auswertung von Fragebögen und Interviews anwendet (Zimmermann, 2006; Zimmermann, 2012). Die in den Kasseler Beiträgen zur Kinder- und Jugendtheologie von Freudenberger-Lötz erscheinenden Arbeiten haben neben dem theoretischen häufig auch einen empirischen Forschungsteil. Roose hat unter Mitarbeit von Annika Loose und Jasmin Eichholtz 2019 die Ergebnisse eine größere Studie zum Verhältnis von kindertheologischen Normen und eingeschliffenen Routinen im Religionsunterricht vorgelegt, in der sie auf der Basis der fallvergleichend orientierten Dokumentarischen Methode Schulpraxis beobachtet und Interviews durchführt (Roose, 2019). Während die GTM – ähnlich wie die Qualitative Inhaltsanalyse – der Entwicklung theoretischer Konzepte und Modelle dient („Strauss und Corbin beschreiben ihr Verfahren, das einerseits von den Daten ausgeht, andererseits kognitive Werkzeuge voraussetzt, um in der Arbeit mit den Daten Erkenntnisse zu erzielen, als ein ständiges Hin und Herpendeln zwischen Induktion und Deduktion.“ Vgl. Hermisson, 2016, S. 61), fokussieren Dokumentarische Methode und Objektive Hermeneutik zunächst den Einzelfall, den sie anschließend zum Zwecke der Typenbildung mit anderen Fällen in Beziehung setzen (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014).

Was sind Digitorials? Digitorials können als Erklärvideos im engeren Sinne oder als Tutorials erscheinen. Digitorials sind eigenproduzierte, kurze Filme, in denen Inhalte, Konzepte und Zusammenhänge erklärt werden. Während Erklärvideos im engeren Sinne tendenziell abstrakte Konzepte erläutern und in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern etwa zur Erläuterung eines Dreisatzes eingesetzt werden, zeigen Tutorials Tätigkeiten und Prozesse, die so ausführlich demonstriert und kommentiert sind, dass sie sich leicht nachmachen lassen. Sie werden etwa in den Fremdsprachen zum Selbstlernen eingesetzt (Ullmann, 2018).

Digitorials werden mit der Absicht produziert, beim Betrachtenden ein Verständnis zu erreichen bzw. einen Lernprozess auszulösen (Wolf 2015a; Wolf, (2015b); Findeisen, Horn & Seifried, 2019). Für ihre Produktion haben sich Gütekriterien wie etwa das Kohärenzprinzip (keine Überfrachtung von Text oder Bildern mit unnötigen Informationen), das Signalprinzip (wichtige Informationen werden hervorgehoben), der Verzicht auf Redundanz (keine gleichzeitige Darstellung von geschriebenem und gesprochenem Text), das Multimediaprinzip (sinnvolle Text- und Bildkombinationen), das Personalisierungsprinzip (Erhöhung der Aufmerksamkeit durch einen personalisierten Sprachstil), das Storytelling (im Sinne einer emotional engagierten Darstellung zwecks Erhöhung der Aufmerksamkeit), die Kontextualisierung (den Lernenden sind vor Beginn Informationen über den Kontext zur Verfügung zu stellen) sowie der Einsatz von Metaphern (zum Zweck der Visualisierung) etabliert (Ullmann, 2018).

Digital-vernetzte Medien bieten für religiöse Bildungsprozesse die Chance, Veränderungen und Transformationen von Lehr- und Lernprozesse vorzunehmen, „um Religion (noch) mehrdimensionaler erfahrbar zu machen“ (Palkowitsch-Kühl, 2018, S. 296). Sieht man sich aktuelle religionspädagogische Studien zur digitalen Medienbildung an, so werden – etwa Palkowitsch-Kühl zufolge – unter dem „professionell-didaktischen Einsatz digital-vernetzter Medienformate“ verschiedene Tätigkeiten subsumiert: Lehrkräfte sind in der Lage, „vielfältige Materialien (,Internet als Religionsbuch‘) zu nutzen, multimediale Zugänge zu schaffen (Visualisierungen, Animationen, Videos und Musik), Zusammenarbeit zu fördern (kollaborative Anwendungen, Onlinespeicher und Wikis), Lernen interaktiv (Instant Feedback/Response) sowie flexibel (zeitlich, örtlich) zu gestalten, neue Lernräume zu eröffnen (Virtuelle Expeditionen) und Lernprozesse sichtbar zu machen (ePortfolios).“ (Ebd.) Die Gattung der Digitorials scheint explizit in den medienpädagogischen Konzepten nicht berücksichtigt.

Medienweltorientiertes Lernen zeichnet sich durch informelle Selbstsozialisationsprozesse aus, allerdings hat das im Hintergrund stehende Bildungskonzept auch formale und nonformale Bildung zu berücksichtigen. Hinsichtlich der formalen Bildung dürfte sich ein Einsatz von Digitorials im Rahmen des von Ruben Puentedura zur Darstellung von digitalen Unterrichtsprozessen entwickelten SAMR-Modells – Substitution, Augmentation, Modification, Redefinition – entweder im Rahmen des Ersatzes analoger Medien (Erklärvideos) oder einer funktionalen Verbesserung des Unterrichtsgeschehens (Tutorials) beschreiben lassen (Nord & Palkowitsch-Kühl, 2017, S. 274–278). Bezüglich der non-formalen Bildung ist an den weiteren Kontext der Mediatisierungsforschung zu denken. Sie befasst sich im Unterschied zu der an der Analyse öffentlicher, massenmedial vermittelter Kommunikation orientierten Medialisierungsforschung mit den Wirkungen auf einzelne Personen oder Gruppen und zählt „gleichermaßen Massenmedien, Medien der interpersonalen Kommunikation und interaktive Computermedien“ unter ihren Medienbegriff (Kinnebrock, Schwarzenegger & Birkner 2015, S. 21). Digitorials können für die Mediatisierungsforschung von erheblichem Interesse sein, insofern sie nicht nur informelle, sondern auch non-formale oder formale Bildungsprozesse begleiten.

Theologisieren mit Digitorials? Weist die Suche nach einer Definition für das Theologisieren auf eine mögliche Kontextgebundenheit zurück, so deuten erste Überlegungen zur Mediatisierungsforschung darauf hin, dass Digitorials traditionelle Präsentationstechniken ersetzen. Zu überlegen ist, ob sie ein formatives Potential besitzen, das neue Aufgaben zu übernehmen oder zu modellieren erlaubt.

Digitorials ermöglichen die Aneignung eines bestimmten Sachverhalts oder das (Er-) Lernen einer spezifischen Tätigkeit (Wolf, 2015a; Findeisen, Horn & Seifried, 2019). Komplexere Aufgaben – wie ein Philosophieren oder ein Theologisieren – sind mit ihnen bislang nicht in Verbindung gebracht worden. Dass ein Lernen mit Digitorials – in der Terminologie des SAMR-Modells – Möglichkeiten für eine Konzeption innovativer Aufgabenformate (Modification) eröffnet oder für die Formulierung von Aufgaben erlaubt, die analog nicht ausführbar (Redefinition) sind, scheint im Zusammenhang mit einem Theologisieren denkbar. Dieses Theologisieren dürfte sich allerdings nicht nur für diejenigen interessieren, die theologisieren, sondern auch für den Gegenstand, den die Theologisierenden einerseits nutzen, dessen konkrete Nutzung sie aber auch verändert.[1] Zu fragen ist, was Digitorials exemplarisch zu einem Theologisieren beitragen können.

Die auch in den Bildungswissenschaften verankerte Forschungsperspektive der (sozialwissenschaftlichen) Praxisforschung (Karstein & Schmidt-Lux, 2017, S. 3–4) befasst sich mit dem Zusammenhang von Dingen, Objekten, Artefakten und dem Sozialen, das sie manifestieren, formen oder erinnern (Kalthoff, Cress & Röhl, 2016, S. 11–12). Fasst man Digitorials als Dinge oder Artefakte auf, so bedeutet dies, dass sie über ihre Funktion als Objekte des Lernprozesses hinausgreifen. Sie verfügen über einen Angebotscharakter (affordance), d.h. ihre Struktur legt einen möglichen Umgang mit ihnen nahe, lässt aber verschiedene Möglichkeiten der Nutzung offen (Reckwitz, 2014, S. 21). Theologisieren ist weder kontextuell kontingent noch ontologisch zu verstehen, auch nicht im systemtheoretischen Sinne mit den binären Kategorien von transzendent und immanent, heilig und profan oder substantiell und funktional zu analysieren, sondern praxistheoretisch zu beschreiben. Konkret impliziert dies, dass die Praxis des Theologisierens mit Digitorials anhand ihrer Nutzung untersucht wird (Alkemeyer, Kalthoff & Rieger-Ladich, 2015, S. 11–12; Kalthoff et al., 2016, S. 11–12). Theologisieren mit Digitorials wird als Praxis der Wahrnehmung von Mehrdeutigkeit sowie von verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten im Vollzug einer anderen (gemeinschaftlichen) Praxis verstanden. Als Forschungsfrage zeichnet sich die Suche nach dem spezifischen Beitrag der Digitorials zu einem Theologisieren ab, das seinerseits von den Digitorials beeinflusst ist.

2 Darstellung des „Versuchs“: Theologisieren mit dem Heiligen Geist

Im Sommersemester 2020 begleiteten Studierende im Rahmen eines Hauptseminars eine Konfirmandinnengruppe per Zoom. Die Gruppe setzte sich aus etwa 25 Konfirmandinnen und Konfirmanden aus zwei etwa 50 km voneinander entfernt liegenden evangelischen Gemeinden eines Kirchenkreises im Münsterland zusammen. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden waren zwischen 13 und 14 Jahren alt. Die Teilnahme war freiwillig, da die Konfirmation verschoben war. Im Vorfeld hatten wir ein Kurzvideo produziert, in dem wir für unser Projekt warben. An den Vorbesprechungen nahmen die Betreuerinnen und Betreuer teil, die wir – um eine möglichst vertraute Atmosphäre zu wahren – darum gebeten hatten, die Konfirmandenarbeit zu rahmen.

Das Design für drei Einheiten der Konfirmandenarbeit wurde gemeinsam mit den verantwortlichen Pastoren sowie einer Ehrenamtlichen entwickelt. Die Stunden befassten sich mit dem Oberthema Heiliger Geist. Die jeweils 4 Studierende umfassenden Gruppen erarbeiteten „Der Heilige Geist und das Glück, der Heilige Geist beGeistert, der Heilige Geist und die Trinität.“ Im Einzelnen wurden verschiedene Plattformen (Oncoo, Padlet, Google Docs) herangezogen.

Die Digitorials kamen in zwei Sitzungen zum Einsatz, in der dritten Stunde ging es um zu Hause angefertigte Bodenbilder. Zum Einsatz kamen Digitorials, die die Studierenden in einem vorangehenden Seminar produziert hatten. Ursprünglich war angedacht, im Vorgriff auf die dritte Sitzung eigene Videos zu produzieren. Dies erwies sich – bedingt durch Corona – als nicht durchführbar. Ausgewählt wurden zwei Erklärvideos. Das erste Digitorial erzählt die Pfingstgeschichte[2] nach. Es wurde in der ersten Sitzung zum Thema der Heilige Geist und das Glück präsentiert. Im Folgenden geht es um das zweite Digitorial, das sich mit dem Heiligen Geist befasst.

Das Erklärvideo von Otto erzählt aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers von Otto. Otto stößt im Konfirmandenunterricht auf die Frage nach dem Heiligen Geist. Auf die Frage, wer der Heilige Geist ist, gibt es nicht die eine Antwort: Im Glaubensbekenntnis hat der Heilige Geist neben Vater und Sohn eine zentrale Bedeutung, in der Bibel kommt er an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Funktionen vor. Pfingsten gehört ebenso zu den grundsätzlichen Ereignissen wie die Taufe. Nach Paulus (1 Kor 6,19) wohnt der Heilige Geist im Tempel des Leibes. Er ist in einem jeden von uns. – Während die Fragen an das Christentum aus der Perspektive einer nicht näher benannten Sprecherin erfolgen, geben Mohammed und Esther über Islam und Judentum Auskunft. Mohammed erklärt, dass der Geist im Koran viermal vorkommt, aber das Handeln Gottes bezeichnet. Esther erläutert, dass die hebräische Bibel den Geist Gottes als (s)eine Kraft vorstelle.

Der Link zum Video (https://www.youtube.com/watch?v=1TOtqgNlCps) wurde verschickt. Im Anschluss an das eigenverantwortliche Anschauen fand – per Breakout – eine Diskussion in kleineren Gruppen statt. Auf eine Durchmischung der Gruppen hatten die Studierenden geachtet. Im Zentrum stand der auch schriftlich formulierte Impuls: Welche Funktion/Bedeutung hat der Heilige Geist?

Der Gesprächsgang des ersten Teams kann verdichtet zusammengefasst werden: Die Konfirmandinnen und Konfirmanden stimmen darin überein, dass eine eindeutige Funktion des Heiligen Geistes (nicht) anzugeben ist. Er initiiert verschiedene Verbindungen mit einzelnen Menschen, zwischen Menschen untereinander sowie mit Gott. Der Heilige Geist ist für die Entstehung von Kirche verantwortlich, Menschen verstehen sich und tauschen sich aus. Als Ereignis erinnert Pfingsten an die Taufe, aber auch an die kommende Gemeinschaft. Um die Aufgaben des Heiligen Geistes zu präzisieren, werden von den Studierenden Bibelstellen (u.a. 2 Kor 13,13; Apg 2,4; Joh 14,26) eingeführt. Er ist Beobachter, Tröster, Übermittler, erinnert die Menschen aber auch daran, weiterhin von Gott zu hören, zu lernen und zu ihm zu finden. Die Konfirmandinnen thematisieren, dass (helfende) Freunde dann, wenn es jemandem nicht so gut geht, auf eine Weise erscheinen können als sei ein Stück Heiliger Geist in ihnen, beim Vorlesen des Gemeindepfarrers u.a. aus den Psalmen entsteht ein ähnlicher Eindruck. Es wird festgehalten, dass es schwierig ist, dass Wirken des Heiligen Geistes dauerhaft zu spüren.

Im zweiten Team vertritt man u.a. die Auffassung, dass alle Religionen etwas anderes als Heiligen Geist betrachten. Der Heilige Geist wirke als Vermittler, da er in uns „drin“ steckt. Da der Heilige Geist theoretisch in jedem Menschen ist, sind auch die Menschen miteinander verbunden. So wie der Geist als Taube bei der Taufe auf Jesus herabgekommen ist, so ist er „in uns alle bei unserer Taufe gekommen“. Der Zusammenhang von Taufe und Heiligem Geist wird ausdrücklich als Lernertrag beschrieben.

Eine interaktive Übung folgt, anschließend werden im Plenum Fotos gezeigt, die kirchliche Aktivitäten in der Coronazeit beschreiben. Die Frage danach, was der Heilige Geist bewirkt, wird mit einer Vielzahl gemeinschaftlicher Aktivitäten repliziert (Menschen versammeln sich, feiern Gottesdienste, bilden (Wohn-)Gemeinschaften). Sichtbaren Anzeichen der Corona-Krise im kirchlichen Leben wird mit der Hoffnung begegnet, dass es auch einmal anders („wie vorher?“) werden könnte. Digitale Gottesdienste finden Interesse. Weihnachten ist als analoges Fest von Familie und Freunden etabliert. Auch die Taufe erfordert Präsenz. Der Heilige Geist schafft neue Möglichkeiten, indem er verhindert, dass es zu einem „Ausfall“ (Df) kommt. Der Zusammenhalt in der Familie, der Respekt vor Anderen, der Verzicht auf Egoismen werden diskutiert (Ef). Nachdenklich berichtet eine Konfirmandin von dem Vorschlag ihrer Lehrerin, zu überlegen, ob Gott die Menschen nicht auf die Probe stelle. Sie setzt dieser Überlegung eine andere Einschätzung der Situation entgegen. Die Menschheit hat sich durch diese große Pause verändert. Menschen merken, wie sehr „wir uns gegenseitig so brauchen“ (Gf).

Die Studierenden halten die Ergebnisse auf einer vorbereiteten Folie fest. Sie erläutern zusätzlich eigene Gedanken zum Thema und entlassen die Konfirmandengruppe(n).

In allen drei beschriebenen Passagen lassen sich Stellen entdecken, in denen die Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht nur Einsichten des Digitorials (Vermittlung des Heiligen Geistes) wiedergeben, sondern auch weiterdenken (eigene Taufe, digitale Gottesdienste) und zum Teil überraschend selbständige Einsichten (schlechte Phase, Heiliger Geist in uns, Pause machen) formulieren können.

3 Auswertung(en)

Die Beschreibung des praktischen Samplings – die Transkriptionen wurden nach den üblichen Regeln sowie mit Hilfe des Programms F4-Transkript durchgeführt (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014) –, ermöglicht, ein Raster zu entwickeln, vor dessen Hintergrund die Forschungsfrage differenziert einzuordnen ist (vgl. § 3.4.). Das Raster wird in Anlehnung an die GTM gebildet, die in verschiedenen Kodierungsschritten – offen, axial und selektiv – ermöglicht, aus empirischen Daten eine neue, gegenstandsnahe Theorie zu entwickeln.

3.1 Offenes Kodieren

Das offene Kodieren der GTM zeichnet sich durch die Methode des ständigen Vergleichens aus. Die Daten werden in Bezug auf ein untersuchtes Phänomen wiederholend immer wieder miteinander verglichen (Hermisson, 2016, S. 63). Gemeinsamkeiten, unterschiedliche Ausprägungen und Variationen werden erkannt. Auf diese Weise können ungewohnte Perspektiven eingenommen und neue Erkenntnisse gewonnen werden. Permanent werden Analysefragen in Form einfacher Standardfragen („Wer?“, „Wann?“, „Wo?“, „Was?“, „Warum?“, „Wie viele?“) gestellt.

Im Rahmen der GTM werden Teambesprechungen und Plenumssitzung ausgewertet. Als Ergebnis des offenen Kodierens werden mit Hilfe des Programms MAXQDA die Kategorien Text nah aus den Konzepten der Transkripte gearbeitet (Strauss & Corbin, 1996, S. 58). Im Einzelnen stellen sich die Kategorien* folgendermaßen dar: die Struktur oder Bedeutung des Heiligen Geistes*, seine allgemeinen Funktionen* und spezifischen Aufgaben* sowie seine Wirkungen* und mögliche Folgen*, die seinem potentiellen Agieren zugeschrieben werden. Die Kategorien werden verfeinert, indem ihre Eigenschaften beschrieben und deren Bandbreite in Form von Dimensionen (Hermisson, 2016, S. 65) angegeben werden. In der folgenden Tabelle werden die Kategorien aus Übersichtsgründen mit ihren Eigenschaften, aber nicht mit ihren Dimensionen dargestellt. Im anschließenden Text erscheinen die Dimensionen hinter den Eigenschaften. Sie sind kursiv markiert.

 

Abb.1

Dass ein Theologisieren im Sinne eines Austausches über die eigene Lebenswelt, aber auch über theologische Perspektiven stattgefunden hat, lässt sich den Eigenschaften des Rasters entnehmen. Sie deuten darauf hin, dass die Beziehungen im Umfeld des Heiligen Geistes eine wichtige Rolle spielen. In der aktuellen Situation ist der Heilige Geist für das Entstehen von Gemeinschaft – zumindest „mit“ – zuständig.

Vor dem Hintergrund einer präzisieren Beschreibung des Theologisierens im Rahmen des offenen Kodierens sind im Folgenden einzelne Kurzsequenzen der Transkripte genauer anzusehen. Die Beschreibung des Umgangs mit den inhaltlichen Aussagen des Digitorials ist mit der Frage zu verbinden, inwiefern das Digitorial von den am Theologisieren Beteiligten genutzt wird. Im Fokus stehen die Nutzungsstrategien, die sich aus dem Umgang mit dem Digitorial für das Theologisieren mit dem Heiligen Geist ergeben. Unterschieden wird eine explizite, implizite sowie eine gemeinsame mediale Bezugnahme im Sinne der konkreten Verwendung von einer Nutzung, die eine Veränderung des oder der Nutzenden anzeigt. Der Einsatz des Erklärvideos für das Theologisieren ist konkreter fassbar.

3.1.1 Explizite Bezüge auf das Erklärvideo: Perspektive der Theologie für Jugendliche

Das Video nutzen einige Konfirmanden, um den Heiligen Geist zu beschreiben*:

?f: Ähm, ich glaube- also für mich- äh in dem Video wurde ja dargestellt, dass er ja der Vater, der ähm Sohn und der Heilige Geist ist? (Team 1, Z. 48–49)

Cm: Also es wurde gesagt, dass es keine allgemeine klare Definition äh vom Heiligen Geist gibt. Soweit aber äh, dass ähm bestimmte Personen zum Beispiel auch gesagt haben, dass der Heilige Geist äh zum Beispiel auch in jedem Menschen sein kann und eine Verbindung zwischen den Menschen oder auch zwischen den Menschen und Gott herstellen kann? (Team 1, Z. 8–11)

Der dem Video u.a. entnommene Hinweis, dass sich der Heilige Geist einer eindeutigen Definition entzieht, schafft Raum für seine (potentielle) Verortung in und zwischen den Menschen. Das Digitorial wird genutzt, um ein eigenes Konzept vorzuhalten.

Am und Cm schildern, was sie im Video über die Funktionen des Heiligen Geistes* (nicht) erfahren haben:

Am: Ähm vielleicht noch, dass ähm der Heilige Geist geholfen hat die Kirche zu gründen? Weil ich weiß jetzt nicht mehr genau, ob das auch (in dem Video drin vorkommt). (Team 1, Z. 24–25)

Im Verlauf der Reflexion entsteht aus einer erzählenden eine handelnde Gemeinschaft, die sich aus der Erinnerung an die vergangene Apostelzeit formiert:

Cm: Mh (.) also ich würde sagen, der Heilige Geist hat es im Prinzip möglich gemacht, dass äh äh-, dass die Kirche so richtig entstanden- entstanden sein konnte, weil durch ihn dann quasi auch die Menschen ähm zu Gott kamen und untereinander von Gott erzählt haben (.) und der Heilige Geist hat das Ganze im Prinzip äh- ja, durch seine (.) äh Gemeinschaft unter den Menschen hat er das möglich gemacht quasi, dass die Menschen sich auch verstehen konnten und sich austauschen konnten? /Team 1, Z. 6672)

Das (helfende) Handeln ermöglicht, dass die Kirche als eine sich wechselseitig von Gott erzählende Gemeinschaft von Menschen entsteht. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden eignen sich diese Einsicht an, indem sie den Zugang des Videos bzw. dritter Personen zur Gemeinschaft thematisieren. In ihrer Nutzung des Digitorials zeigen sie zugleich, dass sie aus der Vielfalt der dem Geist zugeschriebenen Möglichkeiten eine eigene Auswahl treffen.

Aus einer von der Beschreibung* zur Funktion* wechselnden Perspektive schildert auch Team 2 den Heiligen Geist:

Im: Äh der Heilige Geist ist sowas ähm (.) also er gehört halt zu Gott dazu, so wie Jesus und der Vater und er ist so gesehen der Vermittler zwischen den verschiedenen Menschen (      ) in uns drin steckt. (Team 2, Z.23–25)

?f: Okay, vielleicht ist der Heilige Geist so ne Art Verbindung sag ich mal zwischen dem Menschen und Gott

Der Heilige Geist bahnt den Weg der Menschen zu Gott, der wiederum trinitarisch beschrieben ist. Dieser Weg nimmt seinen Anfang nicht wie bei Team 1 in der sich an die erzählende Gemeinschaft erinnernden Kirche, sondern der Heilige Geist eröffnet durch sein Wirken unmittelbar verschiedene (Reaktions-)Möglichkeiten. Das Video wird für die Erörterung einer die Immanenz ins Transzendente (fast) hinein holenden Gemeinschaft genutzt: Der Heilige Geist verbindet die Menschen untereinander, aber auch mit Gott.

Dass diese verbindende in eine vermittelnde Gemeinschaft überführt wird, ist auf das mit sich selbst übereinstimmende, sich potentiell in jedem Menschen ereignende Handeln des Heiligen Geistes zurückgeführt:

?f: Ja, ich glaube schon, weil es wurd' ja gesagt: der-Heilige Geist ist in jedem und=wenn der in jedem ist, müssten ja theoretisch alle Menschen miteinander verbunden sein? (Team 2, Z. 58–59)

Das eigene Konzept wird aus dem Video heraus entfaltet. Der Heilige Geist verbindet die Menschen miteinander, gerade weil er in jedem Menschen steckt.

Ein explizit religiöser Sinngehalt ist in der Aneignung der Taufe Jesu – so wie sie im Digitorial dargestellt ist – erkennbar:

Im: Äh der Geist soll während der Taufe wie eine Taube bei Jesus äh (offen) gefallen sein und genau so wird das dann wahrscheinlich auch bei uns gewesen sein (.) äh", dass der Heilige Geist in uns während der Taufe gekommen ist. (Team 2, Z. 87–89)

Das Video wird zur Erarbeitung einer eigenen Vorstellung genutzt. Metaphorisch wird das Wirken des Heiligen Geistes bei Jesu Taufe auf die eigene Taufe übertragen.

Das Digitorial wird explizit von beiden Teams in einer zweifachen Weise genutzt. Einerseits ermöglicht es, Informationen über den Heiligen Geist als Beschreibung seiner Struktur, Platzierung und Lokalisierung zu konkretisieren. Andererseits eröffnet es den Nutzenden die Möglichkeit, sich über den Umgang mit seinem Inhalt zu vergewissern.

Das Digitorial stellt verschiedene Nutzungsmöglichkeiten als Angebot zur Verfügung. Die Nutzenden wählen aus spezifischen Funktionen (Verbindung, Übersteigen des Immanenten, Voraussetzung für Verbindung, eigene Vorstellung vom Geist, Taufe) aus und stellen sie in den Dienst eigenständiger Profilierungen. Dieser Befund entspricht dem, was als Dimension der expliziten Theologie in der Perspektive der Theologie für Jugendliche beschrieben ist: „Dialogisch wird entziffert, was von den Jugendlichen her einen explizit religiösen Sinngehalt oder eine theologische Dimension aufweisen könnte.“ (Schlag & Schweitzer, 2011, S. 179).

3.1.2 Implizite Bezüge auf das Erklärvideo: Perspektive der Theologie der Jugendlichen

Zu den Aufgaben des Heiligen Geistes* gehört die persönliche Spiegelung von Wirklichkeit durch religiöse Vorstellungen, die durch das Digitorial, aber auch durch die Bibelzitate zur Verfügung gestellt werden.

Die Rede von den Aufgaben des Heiligen Geistes ermöglicht, Situationen, in denen er für den Einzelnen persönlich wirksam wird oder werden kann, zu identifizieren. In mittelbarer Anknüpfung an das Erklärvideo („ich persönlich“) werden zwei mögliche Perspektiven formuliert, die den Gabe-Charakter des Heiligen Geistes ebenso herausstellen wie die sprachlichen Potentiale, die in metaphorischen Zugängen liegen:

Cm: Äh ähm also, wenn ich- ich persönlich stelle mir das jetzt so vor ähm, er könnte zum Beispiel auch in anderen Personen ähm auftauchen. Zum Beispiel, wenn man jetzt irgendwie eine schlechte Phase hat oder so und dann irgendwie nette Freunde hat oder so, die einem dann helfen, dann sieht man darin vielleicht auch so ähm ein Stück Hilfe von Gott im Heiligen Geist dann quasi oder ähm, wenn man jetzt in die Kirche geht und der Pfarrer dann irgendwie irgendeine Geschichte von Gott erzählt oder ähm irgendwelche Psalmen vorliest, dann kann das auch dann wieder Kraft geben?

Die Überlegung, dass im (tröstenden) Handeln der Freunde ein Stück Hilfe von Gott im Heiligen Geist erscheint, zeigt einerseits an, dass Digitorial und Bibeltexte gemeinsam genutzt werden, um lebensweltliche Erfahrungen als relevante Momente zu erschließen. Andererseits wird die von den Dingen erschlossene Vorstellung des Heiligen Geistes als Person auf diese Situation beziehbar: So wie in den Freunden in der Not der Heilige Geist erscheint, so spendet das Hören biblischer Worte des Pastors Kraft. Die Dinge werden nicht nur erinnernd (schlechte Phase) genutzt, sondern auch in verschiedene (potentielle) Nutzungsformen (Helfer, Kraftquelle) überführt. Dies ist insofern von nicht unerheblicher Relevanz als im Nachgang zu Cms Ausführungen Am diese Nutzungsformen ausdrücklich bekräftigt:
Am: (Also anders könnte ich mir das jetzt ehrlich gesagt auch nicht vorstellen. Ja.    ) (Team 1, Z. 146–147)
Das im Erklärvideo angesprochene Verhältnis von Taufe und Heiligem Geist ruft auch bei Team 2 weiterführende Überlegungen hervor, die auf Nachfrage[3] eine eigentümliche Deutung erkennen lässt:

?f: Also mir war das nur ein wenig- bewusst, @also@ ich wusste es jetzt nicht so genau, aber ich wusste schon, dass die Taufe was mit dem Heiligen Geist zu tun hat (.) aber bei meiner eigenen Taufe war ich halt zu jung (.) da (.) hab ich das halt nicht so @(.)@ mitbekommen. (Team 2, 113–115)

Eine Konfirmandin nutzt das Digitorial, in dem sie den eigenen Lernertrag als Gestaltung des Verhältnisses von Taufe und Geist reflektiert. Zugleich bringt sie die eigene Taufe ins Gespräch. Das Video stößt eine Befassung mit dem, was nicht erinnert werden kann, an.

Während bei Team 1 die Bibelzitate (ab Z. 88) eine Signalfunktion im Sinne einer Fokussierung auf das Wichtige haben, ist es bei Team 2 die direkte Rückfrage einer Lehrperson. Der implizite Umgang mit dem Video macht biographische Situationen bewusst, in denen der Heilige Geist potentiell tröstend, helfend, erinnernd tätig wird. Diese Nutzung verändert den Blick auf die eigene Situation, die als andere, sich potentiell mit dem Transzendenten verbindende, ausgewiesen ist. Das Video setzt einen Umgang im Sinne einer Theologie der Jugendlichen aus sich heraus.

3.1.3 Gemeinsame Verarbeitung medialer Impulse (des Erklärvideos): Perspektive der Theologie mit Jugendlichen

Im Folgenden kommen Auszüge zur Sprache, die der gemeinsamen Diskussion im Plenum entstammen. Veränderungen des (kirchlichen) Lebens unter dem Eindruck der Corona-Krise werden anhand weiterer Medien (Fotos) eingebracht. Inhaltlich geht es um mögliche Wirkungen des Heiligen Geistes in der Jetztzeit.

Auswirkungen des Heiliges Geistes* verändern sich in Entsprechung zu den Zeitläuften. Dem Bild-Impuls wird mit Hinweisen auf verschiedene Nutzungsformen begegnet:

?f: Ähm ich wollte noch generell zu den Bildern sagen ähm, dass ja irgendwie auch noch der Heilige Geist, wenn jetzt schon wieder diese Gottesdienste anfangen so mit Abstand und so, dann ist das ja auch irgendwie wieder Hoffnung, dass es so wie früher wird? (Z. 158–160)

Dass sich Menschen zu gemeinschaftlichen Aktivitäten versammeln, Gottesdienste feiern und (Wohn-) Gemeinschaften bilden, wird als Hoffnungszeichen gedeutet. Es kann auch wieder anders werden. Die Fotos werden genutzt, um die Möglichkeit der Veränderung der aktuellen Situation zu evozieren. Zugleich eröffnen sie ein religiös qualifiziertes Nachdenken über Zukunftsfragen.

Fraglich ist aber, ob es lediglich darum geht, ehemalige Zustände wiederherzustellen. Der kritische Einwand gegenüber dieser Nutzung von (Corona-) Fotos und (Vor Corona-)Video erfolgt seitens einer Lehrperson:

Lf8: Ja, gut. Da mal eine Gegenfrage. Muss es denn so wie früher sein? Also muss (.) Kirche unbedingt in der Kirche stattfinden? (Z. 162–163)

Die konkrete Nutzung der Fotos durch eine Konfirmandin avisiert den unmittelbaren Kontext der durch die Krise geprägten, gottesdienstlichen Aktivitäten, mit denen sie sich differenziert auseinandersetzt. Einschränkungen in der eigenen Lebenswelt werden über YouTube gespiegelt. Der gottesdienstliche Sektor wird potentiell hybrid ausgestaltet:

?f: Ähm nein, muss es ja eigentlich nicht äh unbedingt, aber es gibt ja bestimmte Feiertage, die man eher so mit äh Familie oder Freunden alle dann zusammen zum Beispiel in der Kirche wie Weihnachten oder eine Taufe und, wenn das jetzt irgendwie so auf Dauer so weitergeht zum Beispiel bei YouTube kann man ja nicht so gut eine Taufe machen u:nd vielleicht ist das deswegen ein bisschen Hoffnung. Also jetzt so die Gottesdienste gehen ja auch. Hat man dann ja jetzt auch so gesehen, dass das auch funktioniert, trotz dieser Krise, aber vielleicht hoffen manche Menschen, dass es irgendwann wieder so wie jetzt- wie früher sage ich mal (       ) (Plenum Z. 164–174)

Dass es irgendwie mit den Gottesdiensten funktioniert, rechtfertigt den Status quo nur temporär. Der Wunsch mancher Menschen nach Wiederherstellung des Verlorenen ist insofern nachvollziehbar. Der Bildimpuls vergegenwärtigt den Abstand zwischen der Jetztzeit der Fotos und dem Inhalt des Erklärvideos. Das potentielle Nutzen der grundsätzlich hybrid einsetzbaren Dinge wie Fotos und Digitorial – es handelt sich nicht nur um Speichermedien – arbeitet der Sensibilisierung für verschiedene Formen von Hoffnung zu.

Vor diesem Hintergrund werden konkrete Folgerungenaus der Verbindung von Erklärvideo und Fotos angesprochen. Die Lehrperson regt an, die Frage zu erörtern, ob der Heilige Geist neue Möglichkeiten[4] schafft:

Df: Also ich glaube, der Heilige Geist ist trotzdem bei uns und achtet da auch drauf, dass wir uns trotzdem in irgendeiner Art und Weise wohlfühlen (.) und, dass er ähm uns auch unterstützt, dass wir nicht einen totalen Ausfall bekommen. (Plenum, Z. 225–227)

Der Heilige Geist schützt vor radikalen Veränderungen. Er übernimmt Verpflichtungen auch in der Jetztzeit („trotzdem“). Er schafft eine Wohlfühlatmosphäre und verhindert, dass es zu einem Ausfall kommt. Die Informationen (Beobachter, Beschützer) aus dem Digitorial werden so genutzt, dass sie für die Vergegenwärtigung der Jetztzeit als Wohlfühlen und Verhinderung von Schlimmerem in Gebrauch genommen sind. Dem Heiligen Geist wird etwas zugetraut.

Das Wirken des Heiligen Geistes* ist in der Gegenwart als verändertes wahrnehmbar. Die Erfahrung der Jetztzeit wird auch auf abstrakterer Ebene beschrieben. Er stellt den Zusammenhalt in der Familie her und sorgt für den Respekt vor den Anderen :

Ef: […] aber ich habe das Gefühl so ähm, jetzt haben so die Menschen irgendwann begriffen, dass nur Zusammenhalt (etwas bringen kann), weil wenn man ähm- man muss ja sozusagen die anderen Menschen sag ich mal respektieren und auch auf seine eigene Sicherheit achten, aber nur irgendwie so zusammen können wir irgendwie die Krise überstehen und nicht jeder für sich selber und ich glaube, das hat der Heilige Geist wahrscheinlich auch noch mit dazu gebracht. (Plenum, Z. 240–245).

Die Einsichten in die wechselseitige Angewiesenheit der Menschen untereinander fokussieren Solidarität, Respekt und Achten auf die eigenen Sicherheit. In Fortschreibung der Überlegungen des Digitorials („auch noch“) wird die Idee übernommen, dass dieser Zusammenhalt nicht nur auf dem sich als Folge einstellenden solidarischen Verhalten, sondern auch auf etwas Anderem, dem Wirken des Heiligen Geistes, beruht. Die Konfirmandin erwägt, dass diese Idee auch auf die Zukunft Einfluss nimmt.

Eine andere Konfirmandin ringt mit der Vorstellung, dass Gott die Menschen durch die Krise auf die Probe stellen könne:

Gf: […] So ähm wir hatten jetzt zum Beispiel in Religion hat unsere Lehrerin uns gefragt, ob vielleicht Corona irgendwie eine Krise von Gott ist, um uns auf die Probe zu stellen? Ähm und ich weiß halt nicht so genau, ob ich das jetzt so sehe, aber irgendwie dadurch hat man gemerkt, dass sich die Menschheit verändert hat und ähm irgendwie auch ein ganz bisschen der Klimawandel, weil man konnte ja nicht fliegen, man konnte nicht so irgendwo hinfahren und vielleicht war das einfach nur eine Pause, damit wir merken, dass wir Menschen uns gegenseitig so brauchen? (Plenum, Z. 245–252)

Der erinnerte Impuls eines formalen Lernens wird unter Rückgriff auf informelle Einsichten problematisiert. Dem schulischen Gedankenexperiment stehen eigene Eindrücke entgegen. Die Menschheit hat sich in der Jetztzeit notgedrungen, aber auch freiwillig verändert. Der Zusammenhalt ist das Beste, was sich in dieser Zeit ereignet. Sofern sich die menschliche Spezies des Umstandes bewusst wird, dass dieser Zustand nicht ohne Auswirkungen auf die sie umgebende Mitwelt bleibt, lässt sich die pandemische Jetztzeit neu gestalten.

Zugleich zeigt der Aufgriff der „Pause“ an, dass der Gedanke im Sinne mindestens einer theologischen Deutung, ggf. einer ausdrücklich theologischen Argumentation, weiter getrieben wird: „Gemeinsam mit Jugendlichen kann sich ein wechselseitiges aufeinander bezogenes Deutungsgeschehen ereignen“ (Schlag & Schweitzer, 2011, S. 179). Eine Möglichkeit, die sich von den inhaltlichen Ausführungen des Erklärvideos her, dem Gedanken des Heiligen Geistes als Geber eröffnet (Danz, 2019, S. 238, S. 257). Die Konfirmandin weist den ursprünglichen Vorschlag (auf die Probe stellen) zurück und ersetzt ihn durch Pause machen. Sie nutzt das Digitorial, um einen alternativen Vorschlag einzubringen.

Die Evokation von Veränderungen (Corona-Fotos) führt im Rückgriff auf ausgewählte Gedanken des Erklärvideos zur Ausbildung einer jeweils eigenen Position zur Gegenwart, vor allem aber auch zur Zukunft (hybride Differenzierung, Erklärung der Jetztzeit, Erklärung von Gemeinschaft, Pause machen), bei deren Formulierung nicht nur ein Rückgriff auf die Dimension expliziter Theologie hilfreich ist. Diese Nutzung des Videos lässt sich aus der Perspektive einer konstruktiven Beschreibung als Erarbeitung einer theologischen Dimension darstellen: „Gemeinsam mit Jugendlichen finden Wahrnehmungs-, Reflexions- und Artikulationsprozesse im Sinn experimentellen und prozessualen Geschehens statt.“ (Schlag & Schweitzer, 2011, S. 179). Insofern auf Gehalte des Erklärvideos gemeinsam zurückgegriffen wird, lässt sich auch von einem Theologisieren mit Jugendlichen sprechen.

3.2 Axiales Kodieren

Die Analyse der Eigenschaften ist auf der axialen Ebene um die Frage zu erweitern, in welcher Weise die – digital zur Verfügung gestellten Dinge – genutzt werden. Konkretisiert werden diese Aspekte hinsichtlich der zugrunde liegenden Schlüsselkategorie (Hermisson, 2016, S. 67). Die erarbeiteten Kategorien werden neu verknüpft, indem mit Hilfe eines theoretischen Paradigmas nach Phänomen (Welcher Aspekt steht beim Theologisieren mit dem Heiligen Geist im Zentrum?), ursächlichen Bedingungen (Wodurch wird das Phänomen ausgelöst? Was ermöglicht das Theologisieren mit dem Heiligen Geist?), Kontext und intervenierenden Bedingungen (die verschiedenen Nutzungsformen bilden zugleich die Eigenschaften der jeweiligen Kategorien ab), Handlungsstrategien, die im Wesentlichen mit der Frage nach der Nutzung (Theologisieren mit dem Digitorial) zusammenfallen, sowie Konsequenzen, die sich aus der Suche nach der Bedeutung des Theologisierens mit dem Heiligen Geist unter den spezifischen Bedingungen der Jetztzeit ergeben, gefragt wird.

Ausgehend von den Eigenschaften des Theologischen Gesprächs im Rahmen des offenen Kodierens (s.o.) sowie der Nutzung des Digitorials für die Frage nach der Bedeutung des Heiligen Geistes und einer Veränderung des Theologisierens durch eine entsprechende Nutzung des Digitorials lässt sich als Phänomen die Wahrnehmung von Gemeinschaft profilieren.

 

Abb. 2

3.3 Selektives Kodieren

Die Fokussierung der Kategorien auf ein Phänomen hin ermöglicht die Generierung von Theorie, bei der eine spezifische „Schlüssel- (oder Kern-) Kategorie“ ausgewählt wird. Sie sollte möglichst viele Bezüge zu anderen Kategorien haben (1), häufig in den Daten vorkommen (2) und sich zu anderen Kategorien in Beziehung setzen lassen (3) (Hermisson, 2016, S. 67).

In diesem Fall liegt es nahe, von dem Phänomen der Wahrnehmung von Gemeinschaft, das sich aus den theologischen Gesprächen, aber auch aus der Nutzung des Digitorials herausarbeiten ließ, auszugehen. Nimmt man die Ausführungen zum Theologisieren als Nutzungsänderung der Beteiligten durch das Digitorial hinzu, so ergibt sich als Schlüsselkategorie die Gestaltung von Gemeinschaft in Veränderungsprozessen. Zu dieser Kernkategorie lassen sich alle anderen Kategorien in Beziehung setzen. Während die Struktur des Heiligen Geistes darauf ausgerichtet ist, den Ursprung von Gemeinschaft in Gott selbst zu beschreiben, vor allem aber von hier aus die Verbindungen zur Gemeinschaft darzustellen, gehört es zu den Funktionen des Heiligen Geistes (Kontext), dass er verschiedene Gemeinschaftsformen zur Verfügung stellt. Zu seinen Aufgaben (intervenierende Bedingungen) zählt die Konkretisierung von Gemeinschaft in individuellen Situationen. Die Wirkungen (Strategien) beschreiben aktuelle, sich z.T. neu konstituierende Formen von Gemeinschaft, in deren Folge es zu einer Reflexion von Veränderungen (Konsequenzen) – etwa des Kirchenbegriffs oder des Gemeinschaftsverständnisses – kommt. [5]

Abb. 3

3.4 Der Beitrag des Digitorials zum Theologisieren

Fragt man vor dem Hintergrund des Ergebnisses des selektiven Kodierens, der Gestaltung von Gemeinschaft in Veränderungsprozessen, nach einer Präzisierung der Forschungsfrage, so lassen sich in aller Vorläufigkeit einige spezifische Aspekte als exemplarischer Beitrag dieses Digitorials zu einem Theologisieren festhalten:

Das Digitorial stellt (theologische) Informationen zur Verfügung, die es den sie Nutzenden ermöglichen, sich des Umgangs mit spezifischen Inhalten zu vergewissern (1). Das Digitorial stellt thematisch-inhaltliche Alternativen vor, aus denen konkrete Angebote mit dem Ziel der eigenen Profilierung ausgewählt werden können (2). Das Digitorial stößt Erinnerungen an eigene (Lebens-)Situationen an. Sie können – mit Hilfe anderer Dinge oder sprachlicher Impulse – so fokussiert werden, dass der Blick auf die eigene Situation ein anderer wird (3). Das Digitorial regt zu Differenzierungen im Umgang mit (religiösen) Praktiken in der (eigenen) Gegenwart an (4). Das Digitorial ermöglicht, eigene religiöse Gedanken zu theologischen Vorstellungen kreativ, aber auch kritisch zu entwickeln (5).

4 Vom Eigensinn der Dinge: Medialisierung, Mediatisierung oder pragmatische Nutzung von (Un-) Ordnung produzierenden Organisationsformen

Auffällig scheint mir, dass die Digitorials eine eigenwillige Art besitzen, sich in das Theologisieren einzubringen. Die Frage, wie weit man den aktiven Anteil der Dinge treiben kann, ist an dieser Stelle zwar nicht zu erörtern. Mit Peter Hahn halte ich es aber für sinnvoll, vom Eigensinn der Dinge auszugehen (Hahn, 2015, S. 34).

Digitorials stellen Informationen und alternative Denkbewegungen zur Verfügung. Sie scheinen aber nicht in der Lage, die von ihnen angestoßenen Bewegungen zu fokussieren. Dies übernehmen flankierende Maßnahmen wie die Verknüpfung mit weiteren Dingen oder Artefakten sowie die Einbettung in theologische Gespräche. Digitorials stoßen eigenständige Prozesse des Theologisierens an. Sie sind aber offenkundig nicht in der Lage, die dadurch angestoßenen Prozesse zu strukturieren.

Die Frage, ob der Umgang mit Digitorials als Medialisierung – im Sinne einer ggf. institutionalisierten Verwendung verschiedener Medien – oder als Mediatisierung – als Formung eigener Gedanken unter dem Einfluss eines oder mehrerer Medien –erscheint (Birkner, 2019), ergibt einen ambivalenten Befund: Das digitale Medium verbindet sich einerseits mit anderen Medien, um differenzierende Zugänge zu gestalten und seinerseits fokussiert zu werden – eine Form der Medialisierung. Das digitale Medium ist andererseits auf seine Nutzung durch Menschen angewiesen, deren Nutzungsverhalten sich durch den Umgang mit den Dingen ändert – eine Form der Mediatisierung.Ein Theologisieren mit Digitorials vollzieht sich in (medialer) Ergänzung der rein explikativen Struktur des Digitorials. Es bedarf aber einer (mediatisierten) Nutzung.

Dass Digitorials auf ihr Zusammenspiel mit anderen Dingen sowie auf ihre Nutzung durch Menschen angewiesen sind, ist zu präzisieren. Mit Stefan Altmeyer wäre zu überlegen, ob nicht einer „konsequenten Subjektorientierung, wie sie der Konstruktivismus fordert und umsetzt, […] eine ebenso konsequente Religionsdidaktik der Dinge entsprechen“ (Altmeyer, 2014, S. 357) müsste. Diese Didaktik hätte zu beachten, dass vom Menschen geformte Dinge zugleich auch das Leben der Menschen formen. Während die Menschen durch Sprache differenzierend eingreifen, gelingt dies den Dingen durch gestaltende Fokussierung. Die Dinge sind von Menschen geformt, formen zugleich aber auch das Leben der Menschen und unsere sozialen Beziehungen: „Unser Alltag ist voll solcher starken Dinge, die in hohem Maße unsere Lebensweise vorschreiben (und anregen!): z.B. Smartphone, Navigationsgerät oder Facebook.“ (Altmeyer, 2014, S. 355).

Wenn wie Elke Wagner und Niklas Barth gezeigt haben, die bei Facebook angezeigten Listen nicht nur von uns organisiert werden, indem wir sie mit Wissen füllen, sondern sie auch unser implizites Wissen davon organisieren, wie wir auf Facebook kommunizieren – nämlich unordentlich (Wagner & Bart, 2016, S. 353) –, dann spricht Einiges dafür, dass sich auch das Theologisieren mit Digitorials zu solchen Ordnungen bzw. Organisationsformen verhält. Digitorials füllen unsere Wissensbestände. Sie fordern gerade dadurch, wie sie das gemeinhin tun – nämlich unordentlich –, die übrigen Dinge (und Lehrpersonen) dazu auf, sie pragmatisch zu ordnen. Und in diesem Sinne wäre ein Theologisieren mit Digitorials nichts anders als der Versuch, mit digitalen Dingen im Analogen irgendwie Ordnung zu schaffen, ohne freilich, dass sich das Theologisieren auf diesen Nutzen reduzieren ließe.

Literaturverzeichnis

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Prof. Dr. Antje Roggenkamp, Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik, WWU Münster.  

 

  1. Konstruktivistische Ansätze, die das Theologisieren didaktisch erforschen, richten sich – im Unterschied zu einer praxistheoretischen Beschreibung der Nutzung von Dingen – auf dessen Wirksamkeit aus.

  2. Das Tutorial zum Thema Pfingsten visualisiert den Text der Apostelgeschichte im Sinne des Storytelling. Es beginnt mit dem Zusammenkommen im Haus des Petrus, der Nachwahl des Matthias, dem Brausen (blaue und rote Flammen), dem Sprachenwunder, der Verkündigung des Petrus, den vielen Taufen und dem Wachsen der Gemeinde. Unterlegt sind die Szenen von Orgelmusik. Jenseits des Pfingstereignisses sind die Bilder schwarzweiß gehalten. Die filmische Aussage hat einen klaren chronologischen Schwerpunkt, die Pointe liegt auf dem Brausen der Heiligen Geistes (bunt dargestellt), dem das durch die Sprechblasen angezeigte reale Sprachenwunder korreliert. Das Video fokussiert nicht nur das Verhalten der Jünger und der Menschen, sondern auch das Handeln des Petrus. Einer personalen Erzählerin gelingt es, den Eindruck zu erwecken, als sei man dabei gewesen. www.youtube.com/watch

  3. Lf5: Aber ich kann euch nochmal fragen: habt ihr diesen Aspekt des Heiligen Geistes als Verbindung (.) oder als ähm, also das man den Heiligen Geist empfangen hat bei der Taufe, habt ihr davon schonmal gehört? Also war euch das jetzt schon so bewusst, auch ohne das Video anzuschauen? (11) Oder ist das jetzt ein ganz neuer Aspekt? Okay (.) Im war das schon bewusst vorher (..) er kannte sich da schon mit aus. (Team 2, Z. 106–110).

  4.  

  5. Lf7: Also würdet ihr sagen, dass der Heilige Geist neue Möglichkeiten schafft? (Plenum, Z.184)

  6.  

  7. Mit Christian Danz lassen sich für das konkrete Digitorial die ersten beide Aspekte als Aneignung des Heiligen Geistes, der dritte Punkt als Präsentation des Heiligen Geistes als Gabe und die letzten beiden Aspekte als Darstellung des Heiligen Geistes als Geber beschreiben (Danz, 2019, S. 204–330).