Theo-Web. Academic Journal of Religious Education 20(2021), V.1, 3-7

Religious Education in the Face of Non-Denominationalism - Discussion and Reflections of a Basic Text of the EKD Chamber for Education, Children and Youth (2020)

In January 2020, a "basic text" was published by the EKD Chamber for Education, Children and Youth on the topic Religious Education in the Face of Non-Denominationalism. Tasks and Opportunities", with which the EKD for the first time focused on so-called non-denominational people in one of its texts dealing with questions of religious education. The contributions in this thematic issue respond to this publication, but at the same time also to the different constellations and manifestations of non-denominationalism in Germany and elsewhere. The authors were asked to refer in their descriptions and analyses also - be it underlining and/or critically - to the basic text. In this way the contributions are to be read in a double way, as a contribution to the matter and as a reception of this text.

Non-denominationalism, secularization, religious indifference, religious education, region, Protestant church in germany

Im Januar 2020 erschien ein „Grundlagentext“ der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend zum Thema „Religiöse Bildung angesichts von Konfessionslosigkeit. Aufgaben und Chancen“ (hg. von der Evangelischen Kirche in Deutschland [EKD], Leipzig 2020; https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/ konfessionslosigkeit_2020.pdf).

In dieser Ausarbeitung stellt die EKD erstmals in einem ihrer mit Fragen der religiösen Bildung befassten Texte den Umgang mit sog. konfessionslosen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Unter „konfessionslosen“ Menschen werden dabei in einem deskriptiven Sinn Menschen verstanden, „die ihr Leben ohne Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft führen und deuten“ (EKD, 2020, S. 14).

Selbstredend kam dieser Personenkreis auch zuvor schon in Blick:

In gewisser Weise geschah dies bereits in den 1970er Jahren, als durch eine „Entschließung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ zunächst den „Schülern der Sekundarstufe II“ „die geordnete Möglichkeit erhalten bzw. eröffnet“ wurde, „auch an Kursen eines anderen Bekenntnisses als des eigenen teilzunehmen“ (EKD, 1974/1987, S. 89) – als Hintergrund spielten die zunehmende Zahl von Abmeldungen jugendlicher Schülerinnen und Schüler vom Religionsunterricht, deren emanzipatorische Bestrebungen und distanzierte Kirchlichkeit – also: noch keine Konfessionslosigkeit i.S. der o.g. Definition –  eine Rolle.

Die Maßstäbe setzende erste „Denkschrift“ der EKD zu Fragen des Religionsunterrichts aus dem Jahr 1994, „Identität und Verständigung“, reagierte u.a. auf – in dieser Hinsicht – unterschiedliche Realitäten in Ost und West des kurz zuvor wiedervereinigten Deutschland. In Ostdeutschland sah man sich mit den „Auswirkungen einer 40jährigen offiziellen Bekämpfung und Einengung der christlichen Glaubenspraxis mit der Folge eines massiven religiösen Traditionsabbruchs“ (EKD, 1994, S. 9) konfrontiert, also: mit einer als erzwungen gedeuteten Konfessionslosigkeit in der vormaligen DDR bzw. mit der „Säkularisierung der Jugend in den neuen Bundesländern“ (S. 14; Kursivierung BS). In Westdeutschland wurde das Nebeneinander „verschiedene[r] Angebote“ „im weltanschaulich-religiösen Bereich“ „als Ausdruck der Pluralisierung“ (S. 9; Kursivierung BS) diagnostiziert. Hinter einer nach wie vor hohen Quote „formelle[r] Kirchenzugehörigkeit“ (S. 15) erkannte man „eine zunehmende Distanz zu einer kirchlichen Christlichkeit“ (S. 15) und eine dezidierte Inanspruchnahme des „Recht(s) auf persönliche Selbstbestimmung“ gerade auch in Fragen des Lebenssinns (S. 16). Zumindest in den alten Bundesländern sah man Jugendliche und junge Erwachsene jedoch unbeschadet solcher Entwicklungen weiterhin in „religiöse[r] Suche“ begriffen (S. 18), ja, von der „Frage nach Gott“ umgetrieben (S. 17).

In ihrem Fortgang und in ihren zukunftsbezogenen Vorschlägen reagiert diese Denkschrift kaum auf die – ostdeutsche – Herausforderung durch Säkularisierung, sondern vor allem auf die – westdeutsche – Herausforderung durch Pluralisierung und Orientierungsschwierigkeiten: Der Religionsunterricht soll „erfahrungsbezogen“ (S. 27), „entwicklungsgemäß“ (S. 28), „durchlässig“ für den „Alltag von Christen in der Gesellschaft“ (S. 29) sein bzw. im wechselseitigen Bezug zwischen den „Lernorte[n] Schule und Kirche“ (S. 48)  Raum geben, der Frage nach Gott nachzugehen (vgl. S. 30). Um diese Aufgabe erfüllen zu können, soll er pädagogisch bzw. schultheoretisch begründet (S. 12, 36 u.ö.) und durch das Konzept der „Fächergruppe“ (S. 34 und 79ff.) und des „konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts“ (S. 65) gestärkt werden.

Die zweite einschlägige Denkschrift aus dem Jahr 2014, „Religiöse Orientierung gewinnen“, identifizierte für Deutschland insgesamt Pluralität bzw. „religiös-weltanschauliche Vielfalt“ (EKD, 2014, S. 15) als Schlüsselherausforderung schulischer religiöser Bildung. Diese Vielfalt wird facettenreich beschrieben bzw. analysiert; u.a. kommt die Zunahme „atheistische[r] Überzeugungen“ (S. 20), „die nachlassende religiöse bzw. kirchliche Sozialisation in christlichen Familien“ (S. 23) und „religiöse Gleichgültigkeit“ (S. 24) zur Sprache. Dem Thema „Religionsunterricht und Konfessionslosigkeit“ wird sogar ein eigener Abschnitt gewidmet (S. 30-32), der u.a. „die zunehmende Konfessionslosigkeit“ als Problem benennt, „die Auseinandersetzung mit Entkirchlichung und Atheismus“ als Thema markiert und die Teilnahme konfessionsloser Kinder und Jugendlicher am Religionsunterricht als Chance und Aufgabe wahrnimmt. Insgesamt wirbt die Denkschrift für den Aufbau von „Pluralitätsfähigkeit“ im Religionsunterricht, in dessen Kooperation mit anderen Fächern und, darüber hinaus, in einer „dialogischen“ und „religionssensiblen“ Schulkultur (S.111).

Der Grundlagentext des Jahres 2020 steht somit bereits in einer gewissen Tradition, erörtert das Thema „Konfessionslosigkeit“ jedoch mit deutlich höherem Gewicht und in umfassenderer Weise. Er nimmt sie in vierfacher Hinsicht als Herausforderung wahr:

  •  „Weltanschauliche Heterogenität von Lernenden – die didaktische Herausforderung“,

  •  „Rückgang des Anteils von Kirchenmitgliedern an der Gesellschaft – die ekklesiologische Herausforderung“

  •  „Plausibilitätskrise der Bezugnahme auf Gott – die theologische Herausforderung“

  •  „Weltweite Ungleichzeitigkeiten und Verschiebungen in der Gewichtung von Religion – die Herausforderung lokaler Praxis in globalem Horizont“ (EKD, 2020, S. 15-19).

 Der Text schreitet diese Herausforderungen in folgender Systematik ab: „Kapitel 1 [S. 23-59] sondiert die Vielschichtigkeit des Phänomens „Konfessionslosigkeit“ und erläutert […], inwiefern die wachsende Zahl konfessionsloser Menschen Anlass zu einer veränderten Wahrnehmung kirchlicher Bildungsverantwortung gibt. Kapitel 2 [S. 60-76] stellt in Kurzform vor, was verschiedene Wissenschaften, die Konfessionslosigkeit zum Thema machen, darunter Religionssoziologie, Wissenssoziologie und verschiedene theologische Disziplinen, zur Analyse dieses Phänomens beitragen. Kapitel 3 [S. 77-98] bietet eine theologische Klärung der Optionen und Ziele, die kirchliches Bildungshandeln angesichts konfessionsloser Lebensführung und -deutung verfolgen kann und soll. Die Hauptlinie geht dahin, erstens Räume für Begegnung und Auseinandersetzung zwischen Christinnen bzw. Christen und Konfessionslosen zu eröffnen, zweitens in allen Feldern kirchlichen (Bildungs-)Handelns die Relevanz des Evangeliums für einzelne Menschen zu erschließen (und dabei verstärkt auch Konfessionslose in den Blick zu nehmen), drittens öffentlich auszuweisen, dass das Evangelium lebensdienlich ist – sowohl für Mitglieder der Kirche als auch für das Gemeinwesen –, und viertens die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Kommunikation des Evangeliums zu verbessern. Eine Nebenlinie markiert allerdings nicht minder nachdrücklich, dass konfessionslose Muster der Lebensführung und -deutung im Widerspruch zu christlichen Wirklichkeitsdeutungen stehen, dass deshalb auf verschiedenen Ebenen die kritische Auseinandersetzung und der Streit um die Auslegung der Wirklichkeit zu suchen ist. Kapitel 4 [S. 99-104] stellt sechs leitende Grundsätze für das kirchliche Bildungshandeln im Blick auf konfessionslose Menschen zusammen. Kapitel 5 [S. 105-139] benennt zehn Aufgaben, die sich für religiöse Bildungsarbeit und kirchliches Handeln stellen, wenn sie konfessionslose Menschen programmatisch in den Blick nehmen und den Einsichten, Erfahrungen, Entwicklungen, die zu einer konfessionslosen Lebensführung und -deutung führen, widerstreiten wollen“ (EKD, 2020, S. 21f.).

Die Beiträge dieses Themenheftes sind durch die Veröffentlichung des Grundlagentextes der EKD veranlasst, in der Sache reagieren sie – wie er – auf die unterschiedlichen Konstellationen und Ausprägungen von Konfessionslosigkeit in Deutschland und anderswo. Die Autorinnen und Autoren wurden gebeten, in ihren Beschreibungen und Analysen auch – sei es unterstreichend und/oder kritisch – auf den Grundlagentext Bezug zu nehmen. Auf diese Weise sind sie auf doppelte Weise, als Beitrag zur Sache und als Rezeption dieses Textes, zu lesen.  Selbstredend bringen sie darüber hinaus eigene Wissensbestände oder Perspektiven sowie regionale Spiegelungen zur Sprache.

Die Beiträge des Themenheftes gliedern sich in drei Gruppen:

Voran stehen Beiträge aus wissenschaftlicher Perspektive, die – wie der Grundlagentext – auf Deutschland bezogen sind: Die katholische Pastoraltheologin Judith Könemann, Münster, stellt „Praktisch-theologische Überlegungen zum religiösen Profil der sog. Konfessionslosen“ an, der evangelische Religionspädagoge Michael Wermke, Jena, „religionspädagogische Reflexionen aus einem mehrheitlich konfessionslos geprägten Kontext“. Die Praktische Theologin Maike Schult, Marburg fragt, ob und inwiefern „Konfessionslosigkeit ein Thema evangelischer Praktischer Theologie?“ sei, und der evangelische Religionspädagoge David Käbisch, Frankfurt, analysiert „RU mit konfessionslosen Schülerinnen und Schülern“ und markiert „religionsdidaktische Aufgaben und Chancen“.

Darauf folgen wiederum wissenschaftliche Beiträge aus verschieden-nationalen, europäischen Perspektiven. Die Autorinnen und Autoren waren dankenswerterweise bereit (und in der Lage), den in deutscher Sprache verfassten Grundlagentext zu kommentieren! Hier finden sich Analysen von Martin Rothgangel und Karsten Lehmann, alle Wien, zur „Konfessionslosigkeit im religionspädagogischen Diskurs Österreichs“, von Leni Franken, Antwerpen, zur Lage in Belgien, von Cok Bakker und Ina Ter Avest, Utrecht, zur Situation in den Niederlanden und von Boguslaw Milerski, Warschau, zur Konfessionslosigkeit in Polen.

Schließlich haben wir Autorinnen und Autoren gewonnen, die die naturgemäß allgemeinen Überlegungen des Grundlagentextes regional spiegeln.  Prof. Dr. Marion Keuchen, Dozentin am PTI  der Evangelischen Kirche im Rheinland, Bonn, nimmt die Verhältnisse in der Rhein-Ruhr-Region in den Blick, Oberlandeskirchenrätin Prof. Dr. Gudrun Neebe, Bildungs-Dezernentin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, das nördliche Hessen,  Prof. Dr. Martin Steinhäuser, Evangelische Hochschule Dresden (ehs), Campus Moritzburg, beleuchtet die ostdeutschen, speziell: sächsischen Verhältnisse anhand der „Christenlehre“, Oberkirchenrat Stefan Blumtritt und sein  Referent Matthias Tilgner, Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayerns, München, haben die Verhältnisse des schulischen Religionsunterrichts im Bereich ihrer süddeutschen Landeskirche im Blick. Hans-Ulrich Keßler, Leiter des Hauptbereiches Schule, Gemeinde- und Religionspädagogik  und des PTI der Nordkirche, Hamburg, stellt zusammen mit Emilia Handke und Dennis Bock eine Hamburger Sicht auf das Phänomen Konfessionslosigkeit vor, und Horst Heller, St. Ingbert, tut dies aus saarländischer Sicht und insofern mit Blick auf eine in hohem Maße katholisch geprägtes Bundesland. Last but not least behandelt Dr. Jörg Dieter Wächter, Leiter der Bildungsabteilung des Bistums Hildesheim, Sprecher der „Konferenz der Leiter(innen) der Schulabteilungen“ der römisch-katholischen Bistümer (KoLEiScha) und habilitierter Erziehungswissenschaftler, „Konfessionslosigkeit als Herausforderung diözesaner Bildungsarbeit“.

Gewiss ließen sich unschwer weitere Resonanzen denken, die aufschlussreich und – um einer möglichst angemessenen Erfassung der Konstellation „religiöser Bildung angesichts von Konfessionslosigkeit“ willen – notwendig sind. Das Themenheft kann und will keine Vollständigkeit beanspruchen.

Es will mit den vorliegenden facettenreichen Beiträgen vielemehr dazu beitragen,

  • das Thema „Konfessionslosigkeit“ auf der Agenda von Religionspädagogik und kirchlichem Bildungshandeln zu halten oder es darauf zu rücken,

  • gemeinsame Einsichten und Perspektiven zu identifizieren und „stark zu machen“,

  • und weiterführende Aufgaben für Wissenschaft und Praxis zu identifizieren.

Vielen Dank deshalb an die Autorinnen und Autoren – und herzliche Einladung zu weiteren Beobachtungen, Forschungen und Stellungnahmen.

Literaturverzeichnis

Evangelische Kirche in Deutschland (1987). Die Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bd. 4/1: Bildung und Erziehung. Gütersloh: GTB Siebenstern.

Evangelische Kirche in Deutschland (1994). Identität und Verständigung. Standort und perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität. Eine Denkschrift. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Evangelische Kirche in Deutschland (2014). Religiöse Orientierung gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule. Eine Denkschrift des Rates der EKD. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Evangelische Kirche in Deutschland (2020). Religiöse Bildung angesichts von Konfessionslosigkeit. Aufgaben und Chancen. Ein Grundlagentext der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.