Theo-Web. Academic Journal of Religious Education 20(2021), V.2, 99-109

Storytelling in Explainer Films. A Teaching Project in Frankfurt for (inter-)religious Dialogue and Education

Explanatory films and videos have grown more popular during the Covid-19 pandemic. Practitioners of religious education as well as scholars are increasingly paying attention to this medium. This paper analyses a selection of recent educational videos on religion from the standpoint of narrative theory. It then introduces the online database “relithek.de,” a project connected with Frankfurt University, in through which students of religious education learn how to plan, produce, employ, and reflect on explanatory videos for (inter-)religious understanding and education.

religious education, interreligious education, didactics, digital media, narrative theory, explanatory videos

Das erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Interesse an Erklärfilmen ist nicht erst seit der Corona-Pandemie hoch. Es ist u.a. darin begründet, dass Erklärfilme einerseits die Lebens- und Medienwelt der Schülerinnen und Schüler prägen und andererseits als Bildungsmedium eingesetzt werden können (vgl. Fey, 2021). Zunehmend werden Erklärfilme auch im schulischen Religionsunterricht und in der universitären Ausbildung verwendet. In der religionspädagogischen Forschung werden sie ebenfalls verstärkt thematisiert (vgl. Käbisch, 2021; Zimmermann & Schlegel, 2022).

Bereits eine oberflächliche Sichtung von Erklärfilmen auf kommerziellen Portalen wie YouTube oder TikTok macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass viele Videos nicht als Bildungs-, sondern als Werbemedium produziert wurden. Klassische Werbefilme im linearen Fernsehen transportierten in der Regel die Aufforderung „Kaufe dieses Produkt!“ oder „Nimm dieses Angebot an!“. Virale Werbung im Internet oder in sozialen Medien transportiert darüber hinaus die Aufforderung „Sieh dir diesen Spot an!“ und „Leite den Spot weiter!“ (Eick, 2014, S. 60). Nicht wenige medienwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Spots sich vor allem dann rasant verbreiten, wenn sie eine gute Geschichte erzählen und – zumindest auf den ersten Blick – „keinen primären Verkaufszweck erfüllen“ (ebd.). Dies scheint auch bei religionsbezogenen Erklärfilmen nicht selten der Fall zu sein. Sie erklären einen theologischen Sachverhalt, ein religiöses ‚Produkt‘ oder ein kirchliches ‚Angebot‘, um Menschen zu informieren, aber auch, um sie für die ‚Produkte‘ und ‚Angebote‘ einer Religionsgemeinschaft zu gewinnen.

Ausgehend von typischen Erzählweisen in digitalen Medien (Werbespots, Tutorials, Games, Web-Serien etc.) beschäftigt sich der folgende Beitrag mit relithek.de, einem Frankfurter Lehrprojekt zur (inter-)religiösen Verständigung und Bildung (www.relithek.de). Dieses seit 2018 durchgeführte Lehrprojekt steht unter der fachlichen Leitung von Laura Philipp und Anke Kaloudis (vgl. Philipp 2021). Es wird verantwortet von der Professur für Religionspädagogik am Fachbereich für Evangelische Theologie in Frankfurt am Main sowie dem Religionspädagogischen Institut der EKKW und EKHN (RPI). Im Zentrum stehen die Planung und Produktion von religionsbezogenen Erklärfilmen, die im Unterricht unterschiedliche Funktionen übernehmen können, z.B. als Hinführung zu einem Thema, als Veranschaulichung einer religiösen Praxis, als Unterrichtsgegenstand, als mediales Begegnungslernen oder als Ergebnissicherung.

1 Digitales Erzählen und die oft problematische Dramaturgie religionsbezogener Erklärfilme

Im Frankfurter Lehrprojekt zur (inter-)religiösen Verständigung und Bildung lernen die Studierenden für das Pfarr- und Lehramt, dass der Grundsatz „Weniger ist [in Erklärfilmen] mehr“ (Arnold & Zech, 2019, S. 34) zwar dem Prinzip der didaktischen Reduktion entspricht, aber auch dazu führen kann, dass die Pluralität religiöser Praktiken in einem Fünf-Minuten-Format nur am Rande oder gar nicht zur Sprache kommt. Vor allem im Gespräch mit Expertinnen und Experten anderer Religionen, die an der Filmplanung und Produktion beteiligt sind, können die Studierenden verstehen, dass der Grundsatz „Vereinfachen Sie [in Erklärfilmen] so weit wie möglich“ (ebd., S. 35) die auch sonst in Bildungsmedien zu beobachtende Tendenz verstärken kann, der ‚Orthodoxie‘ und ‚Orthopraxie‘ eine größere Bedeutung beizumessen, als sie beispielsweise im Leben jüdischer, christlicher und muslimischer Menschen tatsächlich spielen. Der Grundsatz „Erklären ist gut, erzählen ist besser!“ (ebd.) führt im Ergebnis oft dazu, dass Einzelpersonen und ihre Geschichten im Mittelpunkt stehen und institutionelle/historische Aspekte der thematisierten Konfessionen und Religionen unterbestimmt bleiben. Das Storytelling schafft zwar Spannung und Identifikationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, vor allem dann, wenn gleichaltrige Kinder und Jugendliche zu Wort kommen und religiöse Praktiken aus ihren Familien oder Gemeinden zeigen. Gleichwohl bleiben die Filme unter religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten unterkomplex, da der Wissensstand dieser Disziplin in einem Kurzfilmformat nicht repräsentiert werden kann. Angehende Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Gemeindepädagoginnen und -pädagogen sollen daher in den Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen, die gemeinsam mit dem Religionspädagogischen Institut der EKHN und EKKW (RPI) getragen werden, nicht nur die technischen Schritte zur Planung und Produktion eines Erklärfilms lernen; es geht vielmehr auch darum, die didaktischen Möglichkeiten und Grenzen religionsbezogener Erklärfilme differenziert einzuschätzen.

Dazu gehört auch eine erzähltheoretische Analyse von religionsbezogenen Erklärfilmen mit den im Anhang aufgeführten Kategorien und Subkategorien. Diese sind insbesondere für die Arbeit in fachdidaktischen Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen geeignet. Der zugrundeliegende Leitsatz „Erklären ist gut, erzählen ist besser!“ umfasst nach der Kleinen Didaktik des Erklärvideos von Sebastian Arnold und Jonas Zech vor allem vier Aspekte: Das Storytelling soll…

  1. die Sachinhalte in eine kleine Geschichte im Stil von „Das ist Timmy. Er möchte heute ...“ einbetten,

  2. die „Themen erfahrbar“ und „Lösungen verständlich“ machen,

  3. den „Merkwert und die Anschlussfähigkeit für die Schülerinnen und Schüler“ erhöhen und

  4. die „Identifikation mit Handlungsträgern“ unterstützen (ebd.).

Ralf Tenberg unterscheidet in seinem Buch über didaktische Erklärvideos wiederum sieben zentrale Elemente für das Digital Storytelling (Tenberg, 2021, S. 18), die sich exemplarisch an dem Erklärfilm „Koscheres Essen für Muslime erklärt“ [1] aufzeigen lassen:

  • Der Film beginnt mit seinem Hinweis auf ‚Gerüchte‘ über jüdische Speisegebote, d.h. einer dramatischen oder spannenden Frage bzw. Feststellung.

  • Der Film nimmt eine subjektive Perspektive ein: Die Erzählerin berichtet davon, dass sie von Elhanan, einem praktizierenden Juden, zum Essen eingeladen wurde.

  • Die Inhalte werden durch humorvolle Zeichnungen, d.h. emotional präsentiert.

  •  Die fröhlich klingende Erzählerin beginnt und übergibt das Wort an Elhanan, der fröhlich auf ihre Fragen antwortet. Die Wirkung der Stimme wird damit gezielt eingesetzt.

  • Easy Listening-Musik mit Klezmer-Anklängen wird effektvoll genutzt, um die humorvolle Wirkung des Films zu unterstreichen.

  • Eingrenzung auf wesentliche Inhalte, wobei ausgewählte, wichtige Speisegebote mit Speisegeboten im Islam verglichen werden. Historische Zusammenhänge, regionale Differenzierung und theologische Begründungen kommen nicht oder nur sehr knapp zur Sprache.

  • Keine Zeit verlieren: Alle wichtigen Speisegebote im Judentum werden in zweieinhalb Minuten erklärt.

Dennis Eick hat sich mit dem digitalen Erzählen und der Dramaturgie der Neuen Medien beschäftigt. Im Fokus seines Forschungsinteresses stehen Viral Spots, Web-Serien, Games und E-Books. Auch wenn Erklärfilme bei Eick keine besondere Aufmerksamkeit erhalten, sind die von ihm herausgearbeiteten typischen Erzählweisen für Viral Spots (Eick, 2014, S. 57-74) u.a. für den Film „Social Consequences of Religion” [2]> aufschlussreich, der vom Templeton Religion Trust produziert wurde:

  • Überraschung: Alltagsbegegnungen in der Familie, auf der Arbeit, mit Freunden oder Fremden enden überraschend, wenn das Thema ‚Religion‘ angesprochen wird.

  • Humor: Ein Boxhandschuh und fliegender Turnschuh machen scherzhaft deutlich, dass es sich um eine Konfliktsituation bzw. einen ‚fight-or-flight moment‘ handelt.

  • Normabweichungen/Tabubrüche: Der Film stellt die positive Darstellung und Thematisierung von Religion in Alltagsgesprächen als eine Abweichung von Konversationsnormen dar.

  • Dokumentarischer Charakter: Nach dem überraschenden, humorvollen und provokativen Einstieg wird die Arbeit des Templeton Religion Trust knapp und sachlich vorgestellt.

Aus der inzwischen breiten Forschung zum Storytelling in virtuellen Welten sei abschließend die Studie von David Lochner erwähnt. Die typische Erzähltechnik für Animationsfilme (Lochner, 2014, S. 82-99) findet sich in zahlreichen religionsbezogenen Filmen wieder, z.B. dem Film „Das erste Buch Mose to go (Genesis in 13,5 Minuten)“. [3]

  1. Verdichtung: Der große Erzählbogen von der Erschaffung der Welt (Gen 1) bis zu Jakobs Bestattung (Gen 50) wird auf wenige Szenen verdichtet. Pro Kapitel der Genesis stehen im Schnitt 16 Sekunden zur Verfügung.

  2. Vereinfachung und Überspitzung: Differenzierte Figurenkonstellationen u.a. in der Josefsnovelle werden vereinfacht und die Akteure auf eine einzige Charaktereigenschaft reduziert.

  3. Held, Antiheld und Bösewicht: Das Verhältnis von Kain und Abel (Gen 4), Isaak und Esau (Gen 25 und Gen 27) oder Josef und seinen Brüdern (Gen 37) folgt in Teilen der Erzähllogik von Held, Antiheld und Bösewicht.

  4. Wissensverteilung: Spannung, Neugierde und Überraschungsmomente werden erzeugt, indem erotisch oder sexuell konnotierte Erzählungen explizit übergangen werden (zum Beispiel Hagar und Ismael Gen 16 oder Juda und Tamar Gen 38). Gott greift unkonventionell in die Handlung ein, spricht Jugendsprache und wird – obwohl unsichtbar – als Hippie dargestellt.

  5. Abwechslung: Die gesamte Inszenierung mit Playmobilfiguren kommt ohne Verweilpausen aus. Es wird gehandelt statt geredet.

  6. Subtext: Eine versteckte Botschaft der unkonventionellen Inszenierung besteht u.a. darin, dass die Darstellung Gottes als Hippiefigur etablierte Gottesbilder und -erwartungen durchkreuzt. Die Inszenierung kann daher als eine subtile Interpretation des Bilderverbots (vgl. Ex 20,1-6) verstanden werden.

Auch wenn die Sichtung fachdidaktischer und medienwissenschaftlicher Studien aufschlussreich für das Storytelling in religionsbezogenen Erklärfilmen ist, zeigen sich eine Reihe an Desideraten. Bislang gibt es keine Didaktik für religionsbezogene Erklärvideos und deren Einsatz im Religionsunterricht (vgl. Zimmermann & Schlegel, 2022). Die ausgewerteten Analysen und Handreichungen zum „Digitalen Erzählen“ beziehen sich wiederum kaum auf religionsbezogene Erklärvideos. Zudem fehlen empirische Untersuchungen zur Arbeit mit Erklärvideos im Religionsunterricht. Dessen ungeachtet wird deutlich, dass digitales Erzählen die Lebens- und Medienwelt von Schülerinnen und Schülern prägt, sodass Lehrerinnen und Lehrer dazu befähigt werden müssen, mit Erklärfilmen im Unterricht zu arbeiten. Dabei sollten sie die oft problematische Dramaturgie religionsbezogener Erklärfilme berücksichtigen und diese – zumindest in höheren Klassen der Sekundarstufe II – selbst zum Thema machen.

2 Relithek.de als Beitrag zur Förderung religions- und mediendidaktischer Kompetenzen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung

Erklärfilme werden nicht allein zur Ausbildung medialer Kompetenzen im Religionsunterricht eingesetzt oder produziert. Auch unter religionsdidaktischen Gesichtspunkten bieten sie eine Reihe an Vorteilen gegenüber analogen Materialien, insbesondere beim interreligiösen Lernen (vgl. Philipp, 2021). Das interreligiöse Lernen kann beispielsweise nicht ohne Begegnung stattfinden. Häufig fehlen jedoch geeignete interreligiöse Netzwerke und erreichbare Begegnungsräume vor Ort. Vor allem in ländlichen Gebieten müssen lange Wege in Kauf genommen werden, um mit Schülerinnen und Schülern eine Synagoge oder Moschee besuchen zu können.

Das Frankfurter Lehrprojekt relithek.de möchte das Begegnungslernen medial unterstützen. Es geht zudem davon aus, dass die Planung und Produktion eines Erklärfilms Kompetenzen fördert, die auch bei der Unterrichtsplanung zu interreligiösen Themen z.B. nach dem Elementarisierungsmodell nützlich sind (vgl. Schweitzer, 2014, S. 179-222). Aus den fünf Dimensionen der Elementarisierung ergeben sich nicht nur religionsdidaktische Kriterien für die Planung eigener Filme, sondern auch für die Analyse vorhandener Filme. Relithek.de leistet darüber hinaus einen Beitrag zur Förderung mediendidaktischer Kompetenzen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, indem die Teilnehmenden, wie gezeigt, die Grundsätze digitalen Erzählens und die Dramaturgie religionsbezogener Erklärfilme kennenlernen. Darüber hinaus lernen sie unterschiedliche Filmstile kennen, um den jeweiligen Mehrwert für den Unterricht beurteilen und eine reflektierte Entscheidung für einen Filmstil treffen zu können (vgl. dazu Käbisch, 2021).

  1. Bei den bisherigen Produktionen im Rahmen des Frankfurter Kooperationsprojektes handelt es sich um dokumentarische Erklärfilme, in denen Expertinnen und Experten durch O-Töne sowie Off-Kommentare der Studierenden eingebunden werden. [4]

  2. Die Frankfurter Erklärfilme (z.B. zu Buddha, zum Ramadanfest oder zu Chanukka) beginnen jeweils mit einem kurzen Intro in analoger Legetricktechnik, bei der Einzelbuchstaben nach und nach ins Bild gelegt werden. Auch die Legetrick-Filme zur Anforderungssituation wurden mit dieser Technik produziert. Sie ist insbesondere dazu geeignet, mittels beschrifteter oder ikonischer Kärtchen ein Thema nach und nach zu entwickeln. Wichtiges kann dazu aus dem Off erklärt werden (Arnold & Zech, 2019, S. 27). Diese Methode lässt sich leicht mit Schülerinnen und Schülern umsetzen, die dazu lediglich eine selbst gebastelte „Trickbox“ und ein Smartphone/Tablet benötigen. Für den Filmschnitt gibt es zudem kostenlose und unterrichtspraktische Apps, z.B. „Stop Motion Studio“.

  3. Der von katholisch.de produzierte Film „Was ist Ostern? In 90 Sekunden erklärt!“ [5]und das Video „World’s Largest Religion Groups by Population 1945–2019” [6] wurden als Screencast produziert, d.h. der Bildschirm wurde mittels einer Software direkt abgefilmt. Das Gesehene kann von einem Sprecher oder einer Sprecherin kommentiert und mit Musik oder Geräuschen unterlegt werden (ebd., S. 26).

  4. Das Video „Koscheres Essen für Muslime erklärt“ [7]und der von der Salvation Army 2017 produzierte Film „What Makes Christianity Different from Other Religions?”? [8] basieren auf digitaler Legetricktechnik. Dabei werden in der Regel „Software oder Plattformen verwendet, die bereits eine Auswahl an vorgefertigten Zeichnungen bereitstellen und diese z.B. mittels einer ebenfalls digitalisierten Hand ins und aus dem Bild schieben.“ (ebd., S. 29)

  5. Der Film „The Story of Martin Luther” ist eine Playmobil-Animation im Stop-Motion-Stil, die sich in besonderer Weise für die Filmproduktion mit Schülerinnen und Schülern im Unterricht eignet. „Ein Stop-Motion-Video entsteht über das Aneinanderfügen vieler einzelner Bilder. Eine Software macht daraus einen Film und bietet vereinfachende Technik, z.B. durch eine halbtransparente ‚Spur‘, die das letzte gemachte Foto anzeigt und so genaue Bewegungen von Gegenständen ermöglicht.“ Begleitende Off-Texte können anschießend dem Video hinzugefügt werden. (ebd.)

  6. Der Film „Rabbi Sacks on the Mutation of Antisemitism” [9]und mit Einschränkungen auch das Video „Judentum erklärt – Eine Religion in (fast) fünf Minuten“ [10]sind dem Whiteboard-Stil verpflichtet. Hier steht eine Lehrperson im Focus. Sie „erzählt und erklärt Fachinhalte, meist unterstützt von parallel angefertigten Zeichnungen (daher auch Marker-Stil genannt) oder vorab herausgesuchten Grafiken“ und Bildern (ebd., S. 30).

  7. Der Film „Islam – Fakten und Vorurteile mit Mirko Drotschmann“ [11] wurde als Green-Screen-Video produziert. „Eine vor einem Green Screen stehende Lehrperson erzählt und erklärt Fachinhalte (wie beim Whiteboard-Stil) und wird nachträglich über das sogenannte Chroma-Key-Verfahren in eine digital veränderbare Umgebung gesetzt. Diese kann ein Bild oder auch ein Video sein.“ (ebd., S. 31)

Die genannten Stile und Techniken werden oft miteinander kombiniert. Nicht zu allen Stilen lassen sich deutschsprachige Beispiele finden, die für den Unterricht geeignet sind. Angehende Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Gemeindepädagoginnen und -pädagogen sollten daher in der Lage sein, Erklärfilme für den eigenen Unterricht zu analysieren und auszuwählen, zu planen und zu produzieren sowie sie didaktisch reflektiert einzusetzen.

3 Zusammenfassung und Ausblick: das Potential Virtueller Realität (VR) im Religionsunterricht

Die erzähltheoretische Analyse ausgewählter Erklärfilme für den Religionsunterricht und das Frankfurter Lehrprojektes relithek.de haben deutlich gemacht, dass Erklärfilme sicher nicht das, aber doch ein wichtiges ‚Bildungsmedium der Zukunft‘ sind. Sie prägen schon heute die Lebenswelt von Schülerinnen und Schüler auf Portalen wie TikTok oder Youtube und kommen in schulischen Kontexten vielfältig zum Einsatz. Lehrerinnen und Lehrer müssen daher dafür qualifiziert werden, Erklärfilme unter fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Gesichtspunkten auszuwählen oder ggf. selbst zu produzieren. Dazu gehört auch die in jedem Einzelfall neu zu klärende Frage, welchen spezifischen Mehrwert Erklärfilme gegenüber analogen Bildungsmedien haben (vgl. Matthes, Siegel, & Heiland, 2021).

Der kritische Blick auf Erklärfilme, vor allem aber die Schritte zur Vorbereitung, Produktion und Nachbereitung eigener Videos erfordern Kompetenzen, die nicht in einer Einzelveranstaltung erworben werden können. Das Frankfurter Lehrprojekt zur (inter-)religiösen Verständigung und Bildung zielt daher darauf, das Thema spiralcurricular im Studium, aber auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung am RPI der EKKW und EKHN zu verankern (vgl. Käbisch, 2021; Philipp, 2021). Noch nicht ausgeschöpft sind dabei die Möglichkeiten digitaler Formate für die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Die Erfahrungen während der Corona-Pandemie zeigen, dass viele Lehrkräfte digitale Fortbildungsformate bevorzugen, vor allem während der Schulzeit, u.a. um Fahrzeiten zu den Fortbildungseinrichtungen zu vermeiden.

Neben Erklärfilmen wurde bisher auch das religions- und mediendidaktische Potential Virtueller Realität (VR) im Religionsunterricht kaum ausgeschöpft.

VR als computergenerierte, interaktive Umgebung findet zunehmend Einsatz in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen z.B. in der Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung, Architektur, im Militär und noch zögerlich im Bildungsbereich (vgl. Pirker & Pišonić, erscheint 2022). Die im Relithek-Projekt produzierten Erklärfilme zu einzelnen religiösen Praxen und Artefakten sollen mittelfristig, so die Projektidee, in virtuelle Räume eingebunden werden, um neue Wege (inter-)religiöser Verständigung und Bildung erproben und im Religionsunterricht etablieren zu können. Relithek wird dabei seiner Grundidee treu bleiben: Menschen aus unterschiedlichen Konfessionen und Religionen in unserer derzeitigen Gesellschaft zu Wort kommen lassen und auf diese Weise das Begegnungslernen unterstützen.

4 Anhang: Erzähltheoretische Kategorien für die Analyse von Erklärfilmen

Tab.1: Erzähltheoretische Kategorien zur Filmanalyse

Kategorie

Subkategorie

Filmstil

 

 
  • dokumentarische Erklärfilme (Expertinnen und Experten kommen durch O-Töne und/oder Off-Kommentare zu Wort)
  • analoge Legetricktechnik (mittels beschrifteter oder ikonischer Kärtchen wird ein Thema nach und nach entwickelt)
  • Screencast (der Bildschirm wird mittels einer Software direkt abgefilmt)
  • digitale Legetricktechnik (vorgefertigte, digitale Zeichnungen und Texte werden ins und aus dem Bild geschoben)
  • Stop-Motion-Stil (viele einzelne Bilder werden zu einem Film zusammengefügt)
  • Whiteboard-Stil (eine Lehrperson erzählt und erklärt Fachinhalte, unterstützt durch Zeichnungen, Stichworte und Bilder)
  • Green-Screen-Video (eine Lehrperson erzählt und erklärt Fachinhalte in einer digital veränderbaren Umgebung)
 

Erzähler:in

 

 
  • keine:r
  • Monolog/Dialog
  • Voice-Over/Off-Erzähler:in
  • Mimik/Gestik
  • Bekleidung/Make-Up
 

Erzählperspektive

 

 
  • keine
  • auktoriale (allwissende) Erzähler:in
  • personale Erzähler:in
  • neutrale Erzähler:in
  • Ich-Erzähler:in
  • wechselnde Erzählperspektiven
 

Erzählverlauf

 
  • chronologisch/nicht chronologisch
  • Zeitsprünge/Zeitraffer/Zeitlupe
  • Zeitwechsel nachvollziehbar oder abrupt
  • Ortswechsel nachvollziehbar oder abrupt
  • Schnitte unauffällig oder wahrnehmbar
  • Schnittfrequenz hoch oder niedrig
 

Erzählweise

 
  • Überraschung
  • Humor
  • Provokation
  • Normabweichungen und Tabubrüche
  • Surreal
  • Dokumentarisch
  • Interaktiv
  •  …
 

gesellschaftliche Narrative

 
  • keine
  • Fortschritt/Verfall/Wandel etc.
  • Pluralisierung/Individualisierung/Ökonomisierung etc.
  • Verlust der Mitte/neue Mitte etc.
  • Beschleunigung/Entschleunigung etc.
  • Solidarisierung/Entsolidarisierung etc.
 

Gestaltung/Ton

 
  • Bild- und Raumdarstellung
  • Farbgebung/Lichtstil
  • Texte, Gemälde, Plakate, Symbole etc.
  • Sprachgestaltung
  • Sounddesign/Musik
 

Literaturverzeichnis

Arnold, S. & Zech, J. (2019). Kleine Didaktik des Erklärvideos. Erklärvideos für und mit Lerngruppen erstellen und nutzen. Braunschweig: Westermann.

Fey, C.-F. (2021). Erklärvideos – eine Einführung zu Forschungsstand, Verbreitung, Herausforderungen. In E. Matthes, S. T. Siegel & T. Heiland (Hrsg.), Lehrvideos – das Bildungsmedium der Zukunft? Erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven (S. 15–30). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Eick, D. (2014). Digitales Erzählen. Die Dramaturgie der Neuen Medien. Konstanz, München: UVK.

Käbisch, D. (2021). Erklärfilme zu religiösen Gegenständen. Ein Frankfurter Lehrprojekt zur doppelten Materialität religiöser Bildung. In U. Roth & A. Gilly (Hrsg.), Die religiöse Positionierung der Dinge (S. 173–188). Stuttgart: Kohlhammer.

Lochner, D. (2014). Storytelling in virtuellen Welten. Konstanz, München: UVK.

Matthes, E., Siegel, S. T. & Heiland, T. (Hrsg.) (2021). Lehrvideos – das Bildungsmedium der Zukunft? Erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Philipp, L. (2021). Relithek.de – Ein Lehrprojekt zur (inter)religiösen Verständigung und Bildung. Jahrbuch des Fachbereichs Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main Ausgabe I, S. 12–15. URL: www.uni-frankfurt.de/103524151/Fachbereichsjahrbuch [Zugriff: 5.11.2021].

Pirker, V. & Pišonić K. (erscheint 2022). Transzendierungen – Überschreitungen. Interdisziplinäre Erkundungen zu AR/VR. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag.

Schweitzer, F. (2014). Interreligiöse Bildung. Religiöse Vielfalt als religionspädagogische Herausforderung und Chance. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Tenberg, R. (2021). Didaktische Erklärvideos. Ein Praxis-Handbuch. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

Zimmermann, M. & Schlegel, F. (2022). Erklärvideo. Erscheint voraussichtlich 2022 in wirilex (www.wirilex.de)

Beispiele für religionsbezogene Erklärfilme

  • „Was ist Ostern? In 90 Sekunden erklärt!“ [13]

  • „World's Largest Religion Groups by Population 1945–2019” [14]

  • „Koscheres Essen für Muslime erklärt“ [15]

  • „What Makes Christianity Different from Other Religions?”? [16]>

  • „The Story of Martin Luther” [17]

  • „Rabbi Sacks on The Mutation of Antisemitism” [18]

  • „Judentum erklärt – Eine Religion in (fast) fünf Minuten“ [19]

  • „Islam – Fakten und Vorurteile mit Mirko Drotschmann“ [20]

  • „Kein Schweinefleisch im Judentum und Islam – 3ALOG – TRIALOG“ [21]

  • „Sommers Weltliteratur to go“ [22]

  • „BibleProject – Deutsch“ [23]

  • „relithek.de“ [24]

  • „Religion und Gewalt / missio“ [25]

  •  „Ausschnitt ON! – Erklärfilm „Judentum – Was ist das?““ [26]

  • „Jüdische Emanzipation“ [27]

  • „Was heißt Islamismus?“ [28]

  • „Was ist die Bibel?“ [29]

  • „Geburt von Jesus / Isa in Koran und Bibel / kurzer Vergleich“ [30]

  • „Glaube von A-Z – Eine Reise durch Religionen und Spiritualität (3sat)“ [31]

  • „Koscheres Essen für Muslime erklärt“ [32]

  • „What makes Christianity Different from Other Religions? / Illuminate Ep 3“ [33]

  • „Islam – Fakten und Vorurteile mit Mirko Drotschmann“ [34]

  • Universität Luzern. relilab.context. URL: relilab.org/context/ [Zugriff: 10.11.2021].

  • Arenz, D. (2021). Erzählfilme. Digi:Tales im Religionsunterricht. URL: relilab.org/erzaehlfilme-digitales-im-religionsunterricht/ [Zugriff: 10.11.2021].

  • Höhl, H. (2021). Schüler*innen als „Sinnfluenzer“ – Filmerstellung im Lernprozess. URL: relilab.org/schuelerinnen-als-sinnfluenzer-filmerstellung-im-lernprozess/ [Zugriff: 10.11.2021].

 

Dr. David Käbisch, Professor für Religionspädagogik an der Goethe-Universität, Frankfurt

  1. www.youtube.com/watch?v=Yzz0Lo-aPoI (104.962 Aufrufe seit 19.07.2017) [Zugriff: 10.11.2021].

  2. www.youtube.com/watch?v=UCFjKvga7Ho (3.591.991 Aufrufe seit 26.02.2020) [Zugriff: 10.11.2021].

  3. www.youtube.com/watch?v=c56ed8394Ic&t=46s (82.781 Aufrufe seit 05.10.2020 )[Zugriff: 10.11.2021].

  4. www.relithek.de [Zugriff: 10.11.2021].

  5. www.youtube.com/watch?v=gEJOubNZ9NA [Zugriff: 10.11.2021].

  6. www.youtube.com/watch?v=_rZwnJ1cE1s [Zugriff: 10.11.2021].

  7. www.youtube.com/watch?v=Yzz0Lo-aPoI&feature=youtu.be [Zugriff: 10.11.2021].

  8. www.youtube.com/watch?v=jbeFQtaybB8 [Zugriff: 10.11.2021].

  9. www.youtube.com/watch?v=3UAcYn4uUbs [Zugriff: 10.11.2021].

  10. www.youtube.com/watch?v=NeZ8z7YiJdU [Zugriff: 10.11.2021].

  11. www.youtube.com/watch?v=O66SyJ1M9z0 [Zugriff: 10.11.2021].

  12. Projektleitung: Christian Wiese, Gury Schneider-Ludorff, Doron Kiesel; Projektkoordinator: Stefan Vogt; Projektlaufzeit: 2021-2025. Vgl. www.uni-frankfurt.de/77479113/Synagogen_Gedenkband_Hessen [Zugriff: 10.11.2021].

  13. www.youtube.com/watch?v=gEJOubNZ9NA [Zugriff: 10.11.2021].

  14. www.youtube.com/watch?v=_rZwnJ1cE1s [Zugriff: 10.11.2021]

  15. www.youtube.com/watch?v=Yzz0Lo-aPoI&feature=youtu.be [Zugriff: 10.11.2021].

  16. www.youtube.com/watch?v=jbeFQtaybB8 [Zugriff: 10.11.2021].

  17. www.youtube.com/watch?v=tox2TflUH90 [Zugriff: 10.11.2021].

  18. www.youtube.com/watch?v=3UAcYn4uUbs [Zugriff: 10.11.2021].

  19. www.youtube.com/watch?v=NeZ8z7YiJdU [Zugriff: 10.11.2021].

  20. www.youtube.com/watch?v=O66SyJ1M9z0 [Zugriff: 10.11.2021].

  21. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  22. www.youtube.com/c/mwstubes/videos [Zugriff: 10.11.2021].

  23. www.youtube.com/c/DasBibelProjektGerman/videos [Zugriff: 10.11.2021].

  24. relithek.de [Zugriff: 10.11.2021].

  25. youtu.be/oQIh4hT1Ptc [Zugriff: 10.11.2021].

  26. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  27. www.bpb.de/mediathek/333090/juedische-emanzipation [Zugriff: 10.11.2021].

  28. www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/235559/erklaerfilm-was-heisst-islamismus [Zugriff: 10.11.2021].

  29. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  30. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  31. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  32. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  33. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].

  34. www.youtube.com/watch [Zugriff: 10.11.2021].