Theo-Web. Zeitschrift für Religionspaedagogik 16 (2017), H.2, 139–146

„Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe“ (Dtn 26,5) Was uns die Votivkirche über MigrantInnen und Flüchtlinge erzählt. Andacht bei GwR-Tagung am 9.9.2017, 8.30 – 9.00 Uhr

Angesichts der aktuellen Situation von Migrantinnen und Migranten, die in den Zentralraum Europas kommen und bleiben wollen, und der politisch unterschiedlichen Strategien des Umgangs mit dieser Thematik, bietet diese morgendliche Andacht eine biblische Vergewisserung und ein seelsorgerliches Angebot für Momente der Ohnmacht und Überforderung.

Andacht, Votivkirche, Migranten, Migrantinnen, Flüchtlinge

Vorbemerkung

Die vorbereitenden Ideen zur Gestaltung dieser Andacht speisen sich einerseits aus dem Thema der GwR-Tagung „Migration, Religion und Bildung. Wege zu einer mig-rationssensiblen Religionspädagogik“ und andererseits aus dem Anliegen, kirchen(raum)pädagogisch die Kirche selbst sprechen zu lassen. Der Blick in die (Bau-)Geschichte der Wiener Votivkirche wirft Themen wie Heimat, Krieg und Migrationsbewegung auf. Die geschichtlichen Bezüge wurden eher zufällig aktualisiert, als die Votivkirche 2012 zum letzten Zufluchtsort einer Gruppe von Flüchtlingen wurde[1] und über zwei Jahre lang die Erzdiözese Wien und kirchliche Hilfsorganisationen beschäftigte und in Auseinandersetzungen verstrickte.[2] Der Andachtsort für die Tagung konfrontierte als ein realer Ort der konkreten Herausforderungen der Flüchtlingsbewegung an die Kirchen das Vorbereitungsteam und die Teilnehmen-den mit politischen, existentiellen und spirituellen Konsequenzen der Themen der Beiträge zur Tagung in den in unmittelbarer Nähe zur Votivkirche gelegenen Universitätsgebäuden.

Begrüßung

Liebe Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir begrüßen Sie zu einer evangelischen Morgenandacht in der katholischen Votiv-kirche. Kirchenräume sind geronnene Geschichte. Sie symbolisieren und erzählen Ihre Botschaften. Heute Morgen lassen wir diesen Kirchenraum zu uns sprechen und hören die Geschichten, die er erzählt. Wir wollen sie mit literarischen Texten und einem Wort aus der Heiligen Schrift in Beziehung setzen.

Kirchenräume sind ein Spiegel der Gegenwart. Religionspädagog/innen aus dem deutschen Sprachraum sitzen in einer katholischen Kirche und erleben eine evangelische Andacht. Die Fassade wird gerade renoviert, bis 2024. Kirchen sind im Umbau, hoffentlich nicht nur an der Fassade.

Kirchenräume eröffnen eine Perspektive für die Zukunft. Wir wollen an-denken, was es bedeutet, im Kontext von Migration und Flucht zu leben und zu handeln und ein gutes Leben für alle zu fördern. Wir wollen singen und beten und uns von der Hoffnung inspirieren lassen, die Gott ins uns weckt: In seinem Namen beginnen wir: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Lied: Tut mir auf die schöne Pforte EG 166, 1.2.5

Lesung

Im Ersten Testament im Buch Deuteronomium im 26. Kapitel, Verse 5 bis 11 finden wir eine Migrationsgeschichte als dankbares Bekenntnis:

5 Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk.

6 Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns einen harten Dienst auf.

7 Da schrien wir zu dem HERRN, dem Gott unserer Väter. Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not

8 und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder,

9 und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt.

10 Nun bringe ich die Erstlinge der Früchte des Landes, das du, HERR, mir gegeben hast. – Und du sollst sie niederlegen vor dem HERRN, deinem Gott, und anbeten vor dem HERRN, deinem Gott,

11 und sollst fröhlich sein über alles Gut, das der HERR, dein Gott, dir und deinem Hause gegeben hat, du und der Levit und der Fremdling, der bei dir lebt.

Was uns die Votivkirche erzählt

Wer eine Kirche betritt, erlebt zuerst einen besonderen Raum, der seine Gestalt, seine Ästhetik und seine Geschichte hat.[3] Es ist ein großer, weiter und sehr hoher Raum, die Votivkirche ist die zweitgrößte Kirche Wiens, eine dreischiffige Basilika, entworfen nach dem Vorbild der großen gotischen französischen Kathedralen. Das wird vor allem an der Hauptfassade mit ihren drei Portalen und den beiden mächtigen Türmen deutlich, ein neugotisches Bauwerk aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Was diese Kirche erzählt, ist vielstimmig – ihre Geschichten enthalten überraschende Verbindungen zu den Themen Migration und Multikulturalität und zur Frage des guten Zusammenlebens.

Sie erzählt zum einen von der Vision eines befriedeten Vielvölkerreiches, wie sie die Habsburgermonarchie hatte, aber auch von ihren inneren politischen Spannungen, die schließlich zu ihrem Scheitern führte.

Anlass für den Bau war ein missglücktes Attentat auf den damals noch jungen Kai-ser Franz Joseph im Februar 1853, verübt von dem ungarischen Schneidergesellen János Libényi. Der Grund für sein Attentat war der Hass auf den Kaiser wegen der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution 1848/49.[4] Der Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand Maximilian rief nach dem Attentat „zum Dank für die Errettung Seiner Majestät“ zu Spenden auf, um in Wien eine neue Kirche zu bauen und 300.000 Bürger folgten dem Spendenaufruf.

Die Kirche sollte als Votivgabe, als Dankgeschenk der Völker der Monarchie für die Errettung des Kaisers errichtet werden. In ihr sollten alle Nationen der Donaumonarchie ihre geistige und politische Heimat finden, sie war als „Dom der Völker“ konzipiert: die Kirche als einigendes Band des Vielvölkerreiches und damit Teil des Einheitsprogramms der habsburgischen Monarchie. Ein Zeitgenosse, Baron Eybesfeld, verglich die Türme der Votivkirche sogar mit zwei Schwurfingern, die den Treueeid der Völker Österreich-Ungarns versinnbildlichen sollten.[5]

1856 wurde der Bau begonnen, als er 1879 vollendet wurde, war schon klar, dass die Votivkirche die ihr zugedachte politische Aufgabe nicht würde erfüllen können – der Traum von der Einheit würde sich nicht bewahrheiten.

Der Kirchenraum erzählt auch noch von anderen, weiter zurückliegenden Ereignissen: Rechts vom Altar befindet sich das Grabmal des Niklas Graf Salm[6]  – er war der legendäre Verteidiger Wiens gegen die Belagerung der Osmanen im Jahr 1529; sie konnten Wien nicht einnehmen, die osmanische Expansion fand in Wien ihr Ende: Graf Salm erlag später seinen Verletzungen, die ihm im Kampf zugefügt worden waren. Sein Grabmal stammt aus dem 16. Jh. Es zeigt die verschiedenen Schlachten, die er siegreich geschlagen hatte, und eben auch die so genannte Türkenbelagerung, bei der er tödlich verletzt wurde. Man hat das Grabmal ganz bewusst in die Votivkirche transferiert, um einen Helden zu ehren, der „für Kaiser und Vaterland“ sein ganzes Leben treu gekämpft hatte: die Votivkirche als österreichisches Pantheon sozusagen. Mit den „Türkenkriege“ oder besser den Osmanenkriegen ist hier ein Thema präsent, das im kollektiven Gedächtnis und in der Auseinandersetzung mit Arbeitsmigration und Islam bis heute in Österreich eine Rolle spielt.

Die 78 bemalten Glasfenster der Votivkirche wurden im 2. Weltkrieg alle zerstört. Im Zuge ihrer Neugestaltung kamen dabei noch andere „Gedächtnisschichten“ zum Tragen: Eines der Kirchenfenster zeigt den oberösterreichischen Märtyrer Franz Jägerstätter, der sich 1943 standhaft gegen seine Einberufung gewehrt hatte – weil er Hitlers Kriege für verbrecherisch hielt – und der wegen Wehrdienstverweigerung in Berlin hingerichtet wurde. Ein anderes zeigt eine Szene aus dem KZ Mauthausen. Bei dem einen – segnenden – Häftling handelt es sich um den Kaplan Heinrich Maier, der kurz vor der Befreiung Österreichs im Wiener Landesgericht durch das Fallbeil starb.

Und noch ein Detail ist in dem Zusammenhang von Migration und religiöser Pluralität von Interesse – ein Seitenaltar. Er ist der Muttergottes von Guadalupe in Mexiko gewidmet, weil der Bruder des Kaisers, Maximilian, später Kaiser in Mexiko und dort ermordet, ein großer Verehrer des Marienbildes von Guadalupe war. So ist diese Kirche auch für Lateinamerikaner in Wien bedeutsam, die hier alljährlich am 12. Dezember ihre virgencita, die Madonna von Guadalupe, feiern

Gebet zu (Kirchen-)Räumen

Guter Gott,

das Haus Gottes ist größer als dieses Kirchengebäude und dennoch fühlen wir uns in einem Kirchenraum dir nahe.

Wir vertrauen auf deinen Schutz und auf deinen Zuspruch.

Wir hoffen, auch an diesem Tag zu spüren und zu erleben, dass du größer bist, als wir uns vorstellen können.

Lied: Brich mit den Hungrigen dein Brot

Ein Schlafsack wird auf den Boden vor dem Altar gelegt, dazu eine Thermoskanne

„Besetzung“ der Votivkirche durch Flüchtlinge 2012

mit Auszügen aus „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek

(im Wechsel gelesen)

Flüchtlinge irren durch Europa.

Mitunter brechen Sie aus einem unwürdigen Betreuungssystem aus, um gegen die erbärmlichen Zustände Ihrer Unterbringung zu protestieren.

Wer steht dann an ihrer Seite?

Was sagen sie uns, die wir das deuteronomische Flüchtlingsbekenntnis zu unserer Tradition zählen? Eine Tradition, die viele Erinnerungen in große Steingebäude ge-kleidet hat.

Die Votivkirche wurde Weihnachten 2012 unerwartet zu einer Flüchtlingsherberge, weil Flüchtlinge sich diesen Ort angeeignet hatten.

Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schrieb aus Anlass dieses Ereignisses den Theatertext „Die Schutzbefohlenen“, 2013 in Hamburg uraufgeführt.

In Situationen von Ohnmacht und Hilflosigkeit hilft Kunst, in unserem Fall Literatur, die Erlebnisse zu verarbeiten. Zwischen den Berichten über die Votivkirchen-flüchtlinge lese ich Auszüge aus dem Text von Jelinek. Der beginnt so:

„Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon. Wir flohen, von keinem Gericht des Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier.“ (Jelinek 2013)

Im November 2012 verlassen ca. 70 Asylwerber den geschützten Rahmen ihrer Grundversorgung im Aufnahmelager Traiskirchen im Süden von Wien. Sie marschieren in die Hauptstadt. Dort protestieren sie gegen menschenunwürdige Bedingungen im Flüchtlingslager.

Im Park zwischen Votivkirche und Universität Wien errichten sie mit Unterstützung einiger Helfer ein Zeltlager. Sie bleiben im Votivpark (Sigmund-Freud-Park), um ihren Stimmen öffentliches Gehör zu verschaffen.

Nach drei Wochen suchen etwa 30 Asylwerber die Votivkirche als symbolischen Schutzraum auf. Es ist der 18. Dezember, der internationale Tag der Rechte der Migranten.

Willkommen sind sie hier nicht.

„Können Sie uns bitte sagen, wer, welcher Gott hier wohnt und zuständig ist, hier in der Kirche wissen wir, welcher, aber es gibt vielleicht andere, woanders, es gibt einen Präsidenten, einen Kanzler, eine Ministerin, so, und es gibt natürlich auch diese Strafenden, das haben wir gemerkt, nicht drunten im Hades, es gibt sie alle gleich nebenan, zum Bei-spiel dich, wer auch immer, dich, wer auch immer du bist, du, du, Jesus, Messias, Messie, egal, der du das Haus, das Geschlecht, alle Frommen bewahrst, aufgenommen hast du uns nicht, wir sind ja auch von selber gekommen, in deine Kirche gekommen, als schutz-flehender Zug, bitte helfen Sie uns, Gott, bitte helfen Sie uns, unser Fuß hat Ihr Ufer betreten, unser Fuß hat noch ganz andre Ufer betreten, wenn er Glück hatte, doch wie geht es jetzt weiter?“ (Jelinek 2013)

In den nächsten Tagen richten Caritas und Erzdiözese Wien ein Notquartier in der Votivkirche ein.

Am 28. Dezember räumt die Polizei das Zeltlager im Votivpark.

Für 63 Aktivisten des Refugee Protest Camps bleibt (nur mehr) die Votivkirche als letzte Herberge.

„Wir sind müde, wir sind bis in die Hauptstadt gegangen, wir haben uns in eine Kirche gelegt, unsere wenigen Sachen, unseren geschenkten Krempel, unseren Dreck, der wir ja auch selber sind und den wir wegmachen sollen, zumindest einen Teil des armseligen Drecks, hat der Bulldozer in ein paar Sekunden zusammengeschoben gehabt und aus. Wir haben gar nichts dazutun müssen.“ (Jelinek 2013)

Die Erzdiözese Wien möchte keine Räumung der Kirche.

14 Flüchtlinge treten hier in der Votivkirche in den Hungerstreik.

Es folgen strapazierende Wochen unergiebiger Verhandlungen, polizeilicher Belagerung, verwirrender Konflikte zwischen Unterstützungsgruppen und ihrer jeweiligen Interessen, dramatisierender Medienberichte.

Am ersten Sonntag im Februar 2013 dringen neun Rechtsradikale der Gruppe, die sich Identitäre nennen, in die Votivkirche ein. Sie wollen die Flüchtlingsbesetzung so lange besetzen, bis die Flüchtlinge aufgeben. Sie ziehen am Nachmittag wieder ab.

„Ach Gott, wer erbarmt sich unserer, wer erbarmt sich unser, unselige Irregetriebenen, halb Tier, halb Mensch, gar nicht Mensch, gar nichts, wer erbarmt sich.“ (Jelinek 2013)

Nach 11 Wochen Kirchenasyl übersiedeln die Flüchtlinge im März 2013 in das Servitenkloster, wo ihnen die Erzdiözese Wien ein Übergangsquartier eingerichtet hat.

„Wir haben uns eine Kirche erwählt, und dann hat ein Kloster uns erwählt, so, da wohnen wir jetzt wirklich, Sie können ruhig schauen kommen, na, wir könnten schließlich auch woanders wohnen, wir können es uns aussuchen. […]

Wir waren es nicht gewohnt zu wohnen, und hier wohnen wir jetzt ein wenig, was keinen kümmert, wir sind die Vergessenen, uns kennt man schon nicht mehr, nachdem wir aufgetaucht sind, wir sind untergebracht und weg, wir sind aus der Kirche weg, das ist die Hauptsache, daran haben nun wirklich alle gearbeitet, daran haben viele gedreht, und sie haben es erreicht!“ (Jelinek 2013)

Im Juli sollen sie das Kloster wegen Umbauarbeiten wieder verlassen.

Daraus wird dann Oktober 2013.

Im Juli werden die ersten acht Votivkirchenflüchtlinge nach Pakistan abgeschoben.

Andere werden mit dem Vorwurf der Schlepperei kriminalisiert und verhaftet.

Die Flüchtlinge fühlen sich im Kloster nicht mehr sicher. 25 von Ihnen besetzen am 22. September 2013 erneut die Votivkirche.

Die öffentliche Kriminalisierung eines Teils der Flüchtlinge setzt die Verantwortlichen von Kirche und Caritas unter Druck. Die Erzdiözese Wien lässt die Kirche diesmal durch die Polizei räumen.

Nach einem weiteren Besetzungsintermezzo in der Akademie der bildenden Künste zerstreuen sich die Flüchtlinge in Privatquartiere.

Im März 2014 werden die Anklagen wegen Schlepperei von einem Gericht für nichtig erklärt, sie haben sich als gefälscht erwiesen.

„Aktuell spielt die Votivkirche keine Rolle mehr im Flüchtlingsgeschehen“ – heißt es seitens der NGO’s in der Flüchtlingsarbeit.

Am 22. August 2017 kommt es zu einer Versammlung afghanischer Flüchtlinge im Votivpark. Sie protestieren gegen die Abschiebungen nach Afghanistan und campieren dort über das Wochenende, allerdings ohne Zelte. Am Abend des 25. August lösen die ca. 30 AktivistInnen ihre angemeldete Versammlung fristgerecht auf. Die erwartete Unterstützung durch eine Massendemonstration am Wochenende ist ausgeblieben.

Die Votivkirche wird diesmal nicht zur letzten Herberge. In den Medien liest man: Protest vor der Votivkirche.

„Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da.“ (Jelinek 2013)

Diese Worte bilden den Abschluss von Jelineks Text „Die Schutzbefohlenen“.

Gedanken zu Dt 26, 5b – 11

Gefährliche Erinnerungen, gefährliche Fragen:

Wer ist mein Vater? Wer ist meine Mutter?

Ein Arzt, eine Pfarrerin, ein Lehrer, eine Unternehmerin (ein großer Mann, eine bedeutende Frau …?)

Ein Aramäer, dem Umkommen nahe, war mein Vater, heißt es,

ein Fremder, der nicht verhungern wollte, der Zuflucht suchte im sicheren Drittland

und lebte dort zuerst unter menschenunwürdigen Bedingungen,

als Fremdling im Lager oder außerhalb des Lagers, weil dort kein Platz mehr war,

zuerst ungesichert, von Abschiebung bedroht,

in die Kirche geflohen,

die einen abgeschoben, dann aufgenommen, dann ausgebeutet,

Arbeit, die niemand will von den Einheimischen,

und schlecht behandelt.

Kein Stammbaum zum Vorzeigen: Migrationshintergrund; Flüchtlingsschicksal,

Sowie in Ägypten, so auch heute.

Wer ist mein Vater, wer meine Mutter, wo komme ich her?

Ein Aramäer, dem Umkommen nahe, war mein Vater […]

Und dann wieder Flucht, diesmal aus Ägypten, das nur vermeintlich sicher war:

wer hört die Verzweiflung, die Tränen in der Nacht, die Gebete[…]

„Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not …“, heißt es

Kein Stammbaum zum Vorzeigen zwar,

aber ein Gott, der hört,

dem die Schreie zu Herzen gehen,

der vom Elend berührt ist (kein unbewegter Beweger)

eine Gottheit, die sich erbarmt – und in die Freiheit führt.

Identität – nicht ererbt, nicht verdient, nicht erarbeitet,

Identität – von außen geschenkt,

durch Gottes Erbarmen,

durch seine rettende Nähe.

Herkunft aus Not und Gefährdung und Fremdsein.

Zukunft durch Liebe und Erbarmen.

Und du sollst fröhlich sein über alles Gut, das der HERR, dein Gott, dir und deinem Hause gegeben hat […]

Fröhlichkeit, wirklich – trotz aller Leiden und Wunden und Umgekommenen?

Ja – als ein Dennoch, als Widerspruch, als Bejahung des Lebens, des geschenkten!

Hoffnung gegen allen Augenschein,

keine Hingabe an die Hilflosigkeit.

Und sollst fröhlich sein, du und der Levit und der Fremdling, der bei dir lebt.

Keine Freude, die ausschließt,

eine, die hereinnimmt und teilt,

Freude, die satt macht und

durch die andere satt werden können.

Teilen erlaubt.

Lachen erlaubt.

Gefährliche Erinnerungen – heilsam.

Gebet: Vaterunser

Segen

Wir stellen uns gemeinsam unter den Segen des barmherzigen Gottes:

Der Herr segne uns und behüte uns.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns seinen Frieden.

Amen.

Lied: We shall overcome

 

Dr. Alfred Garcia Sobreira-Majer, Hochschullehrer und Co-Leiter des Beratungszentrums für interreligiöse und interkulturelle Fragen, KPH Wien/Krems

 

Dr. Thomas Krobath, Vizerektor; KPH Wien/Krems

 

Mag. Dagmar Lagger, Institutsleiterin Ausbildung Wien, KPH Wien/Krems

 

Alle drei: Kirchliche Pädagogische Hochschule (KPH) Wien/Krems

www.kphvie.ac.at

 

Copyright © Elfriede Jelinek, 2013.

Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag.

Der vollständige Text ist nachzulesen auf der Homepage von Elfriede Jelinek:

http:www.elfriedejelinek.com/

 

 

 


  1. „Last Shelter“ heißt der Film des österreichische Dokumentarfilmemachers Gerald Igor Hauzenberger, den er aus diesem Anlass zu drehen begann. 2015 kam der Film in die Kinos, näheres siehe: Last Shelter Film (2017). URL: last-shelter.com/ [Zugriff: 14.11.2017].

  2. Eine Chronologie der Ereignisse bis März 2013 bietet der Überblick des Österreichischen Rundfunks ORF. URL: wien.orf.at/news/stories/2572156/. Zahlreiche links finden sich bei URL: de.wikipedia.org/wiki/Refugee_Protest_Camp_Vienna [Zugriff:14.11.2017].

  3. Römisch katholische Propsteipfarre Votivkirche. URL: www.votivkirche.at [Zugriff: 14.11.2017].

  4. Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. URL: www.habsburger.net/de/kapitel/franz-josephs-regentschaft-teil-i-1848-1867 [Zugriff: 14.11.2017].

  5. Bezirksmuseum. URL: www.bezirksmuseum.at/de/bezirksmuseum_9/publikationen/94/contentfiles/641/Bezirke/Bezirk-09/Heft_94.pdf [Zugrff: 14.11.2017].

  6. Institut für Sozialanthropologie/Österreichische Akademie der Wissenschaften (2010). URL: www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at/ort/votivkirche-tumba-des-niklas-graf-salm/ [Zugriff: 14.11.2017].