Theo-Web. Zeitschrift fuer Religionspaedagogik 18(2019), H.2, 103–105

„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ Predigt am 8. September 2019 in der Evangelischen Akademie Frankfurt

„20 Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?, 21 so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; 22 und der Herr tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen 23 und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte. 24 Und der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe allezeit und er uns am Leben erhalte, so wie es heute ist. 25 Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem Herrn, unserm Gott, wie er uns geboten hat.“

Predigt

Referenztext: 5. Mose 6, Verse 20-25

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN

„20 Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?, 21 so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; 22 und der Herr tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen 23 und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte. 24 Und der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe allezeit und er uns am Leben erhalte, so wie es heute ist. 25 Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem Herrn, unserm Gott, wie er uns geboten hat.“

Liebe Gemeinde,

als der Deutsche Evangelische Kirchentag vor einigen Jahren in Hannover stattfand, lautete sein Motto: „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“. Das war, gut gegendert natürlich, eine Übersetzung des Textes aus dem 5. Buch Mose (Kapitel 6), der dieser Ansprache zugrunde liegt. „Wenn dein Kind dich morgen fragt“. Was fragt denn dieses Kind seinen Vater? Es fragt „Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?“ Der Vater könnte nun aufzählen und antworten: Du sollst keine Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen. Du sollst keine Mitmenschen vor den Zug stoßen, so dass sie sterben oder schwer verletzt werden. Das wäre eine sehr konkrete Antwort. Er könnte auch zusammenfassend und klar sagen: „Du sollst nicht töten!“. Das steht ja auch so in den Zehn Geboten und findet sich im 5. Buch Mose ein Kapitel vorher und ebenso im 2. Buch Mose, dort Kapitel 20.

Je nach Anlass kann man also entweder die vielen Einzelbestimmungen, die sich in weiten Teilen der 5 Bücher Mose finden, nennen. Darunter sind auch befremdliche und heute kaum noch verstehbare Gebote: Man soll das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen und die Zauberinnen nicht am Leben lassen (usw.). Zeitbedingte Konkretionen, und nur Fundamentalisten werden sie je nach Lust und Laune aufgreifen und zu ewigen, unverbrüchlichen Gesetzen erheben. Siehe die Gebote zum Umgang mit menschlicher Homosexualität.

Da sind andererseits die Zehn Gebote selbst sehr viel klarer und hilfreicher für unseren Alltag. Noch genialer aber ist die hoch generalisierende Aufforderung zur Nächstenliebe aus dem 3. Buch Mose, die bekanntlich Jesus aufgegriffen hat. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (3. Mose 19,18). Mit alledem also könnte der Vater oder die Mutter, jedenfalls die gefragte Person, dem Kind antworten.

Das tut sie aber nicht, sondern diese Person erzählt zunächst einmal eine Geschichte. Nämlich die Geschichte von der Rettung Israels aus der Sklaverei in Ägypten. So geht die Erzählung: „Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; 22 und der Herr tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen 23 und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.“ So weit die Erzählung, eine short story of mankind und vor allem eine Story, aus der sich Israels Selbstverständnis geformt hat.

Ob diese Geschichte Faktum oder Fiktion ist, wissen wir allerdings nicht. Viele Jahre lang meinte man sicher zu wissen, dass es einen historischen Kern der Geschichte gäbe. Sogar der „Pharao des Auszugs“ schien enttarnt zu sein: Ramses II. war es gewesen. Der Filmklassiker „Die Zehn Gebote“ mit Charlton Heston als Moses und Yul Brunner als Ramses hat das farbenprächtig umgesetzt. Vermutlich wird dieser Film auch heute noch den Grundschulkindern gezeigt oder gelegentlich im Konfirmandenunterricht eingesetzt. Wenn unsere Kinder uns heute fragen, dann könnten wir ihnen mit Hilfe dieses Films jene alte Geschichte erzählen. Ob Faktum oder Fiktion, ist hierbei nur bedingt wichtig. Denn fest steht: Diese Geschichte hat das Selbstverständnis des jüdischen Volkes nachhaltig geprägt und tut das bis heute. Und auch das Christentum bezieht sich auf diese wunderbare Rettungsgeschichte mit glücklichem Ausgang. Da gewinnen endlich mal die Guten! What a nice, what a great story! Praise the Lord! Halleluja!

Aber erstaunlich ist doch, dass auf die Frage: „Was sind das für Vermahnungen und Gebote und Rechte?“, also auf die Frage nach einer Definition, mit einer Narration geantwortet wird. Anders gesagt: Die Frage nach der moralischen Essenz wird mit der Auskunft über die historische Existenz einer Gemeinschaft beantwortet. Noch anders, weniger philosophisch als theologisch formuliert: Das Kind fragt nach dem Wesen von Imperativen. Und es bekommt eine Antwort im Modus des Indikativs. Der Inhalt dieses Indikativs: Gott hat gehandelt. Er hat sein Volk gerettet. Er hat der Sklaverei ein Ende gesetzt. Er hat Menschen befreit und ihnen ein Leben in Freiheit und Würde geschenkt. Das ist eine großartige Botschaft. Und es ist auch eine politische Erzählung. Es ist Politik pur. Und zwar nicht böse, schmutzige, korrupte Politik, nicht die „dunkle Seite der Macht“, sondern das Beste, was Politik zu bieten hat: Leben in Freiheit und Würde!

Religion hat vor diesem Hintergrund immer auch eine politische Dimension, ohne sich in ihr zu erschöpfen. Sie ist mit Geschichte, sie ist mit Politik verbunden. Und die zentralen ethischen Gebote, die im Laufe der Geschichte Judentum und Christentum begleitet und geprägt haben, also die Zehn Gebote oder das Gebot der Nächstenliebe, haben von daher jedenfalls den erkennbaren Sinn und Zweck, uns und anderen Menschen heute und auch in Zukunft ein Leben in Freiheit und Würde zu ermöglichen.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ – Kinder fragen nicht nur ihre Eltern, sie fragen auch ihre Lehrerinnen und Lehrer und, sofern sie christlich sozialisiert werden, auch Religionslehrerinnen und –lehrer sowie Pfarrerinnen und Pfarrer. Kinder haben in aller Regel sehr viele Fragen und können damit auch mitunter nerven. Aber es kommt darauf an, dass diejenigen erwachsenen Menschen, die ihnen Antworten geben können, diese Fragen als Chancen sehen. Als Chancen, ihnen von Gott zu erzählen und von seiner Geschichte mit der Welt und den Menschen. Und von der Freiheit und Würde, die Gott uns auf dem Weg der Gebote und auf dem Pfad der Liebe schenken möchte. Wir sind den Heranwachsenden Antworten schuldig. Und allein das ist schon ein guter Grund dafür, dass es Religions- und Konfirmandenunterricht bei uns gibt.

Aber nicht nur die Religion hat eine politische Dimension und ist unauflöslich mit Geschichte und Politik verbunden. Es gilt auch umgekehrt, dass Politik eine religiöse Dimension hat, wiederum ohne mit Religion identisch zu sein oder sich in ihr zu erschöpfen. Politik sollte, ja, sie muss sogar gemäß Artikel 7 (3) unseres Grundgesetzes offen sein für Religion und Religionsunterricht. Sie muss dafür Raum bieten und Ressourcen bereitstellen. Nicht unbedingt nur für die christliche Religion. Das wäre eine Verengung und ein Missverständnis. Sondern für Religion überhaupt. Deshalb ist es zum Beispiel in unserer Gesellschaft sinnvoll und notwendig, jüdischen und muslimischen und beispielsweise auch mennonitischen Religionsunterricht zu ermöglichen und anzubieten. Ich weiß, dass ich damit nicht nur bei Ihnen, den Anwesenden, offene Türe einrenne - in den weiten Räumen des evangelischen Religionsverständnisses und des Beutelsbacher Konsenses. Ich brauche das daher nicht weiter auszuführen.

Vor diesem Hintergrund können wir aber sagen: Wenn dein Kind dich morgen fragt – dann erzähle ihm von Gott! Von seiner Geschichte mit der Welt und mit den Menschen. Von seinem Weg, der zu Freiheit und Würde führen soll. Von seinem Weg, der eine offene, eine gute, eine liebevolle Zukunft für die Menschen in dieser Welt im Sinn hat. Und der deshalb Gebote gibt wie „Du sollst nicht töten! Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“. Konkretionen dafür zu finden ist nicht schwer in dieser Welt. „Refugees welcome“ und „Fridays for Future“ sind deshalb auch natürliche Themen des Religionsunterrichts.

Die Grundlage für die Einsicht in diese Zusammenhänge ist schon vor mehr als 2.500 Jahren formuliert worden und lautet in den Worten des 5. Buches Mose: „Und der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe allezeit und er uns am Leben erhalte, so wie es heute ist. Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem Herrn, unserm Gott, wie er uns geboten hat.“

Zum Schluss: Gott gab uns eine Stimme und er gab uns Worte, damit wir unseren Kindern antworten können, wenn sie uns heute oder morgen etwas fragen. Er gab uns aber auch Atem, damit wir leben und Augen, dass wir uns sehn. Und Hände zum Handeln. So können wir neu ins Leben gehen, wie Fritz Baltruweit dies in seinem schönen Lied besingt: „Gott gab uns Atem …“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 432).

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Dr. Eberhard Martin Pausch

Pfarrer und Studienleiter der Evangelischen Akademie Frankfurt