Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 20(2021), H.2, 191-195

Poster: Schulpastoral oder Jugendkatechese? Eine deskriptive und evaluative Analyse eines katholischen Jugendtreffs

Da die katholische Schule für den Großteil der Schüler*innen der einzige Ort ist, an dem sie mit der christlichen Religion in Berührung kommen, gilt es, diesen dementsprechend zu konzipieren und zu gestalten. Zugleich befinden sich auch die Kirchengemeinden im Wandel und auf der Suche nach neuen, zukunftsfähigen Formen der pastoralen Arbeit. In dieser durch religiöse Transformationsprozesse entstandenen Phase der Umstrukturierung gewinnen Projekte schulisch-kirchlicher Zusammenarbeit vermehrt an Relevanz und die Forderung nach zukunftsfähigen Konzepten derartiger Kooperationen wird laut. Im Rahmen des Promotionsprojektes wird ein spezifisches Projekt einer solchen Kooperation vor dem Hintergrund der Frage nach einer adäquaten Gestaltung schulpastoraler und gemeindlicher Zukunft deskriptiv analysiert und evaluiert werden.

Schulpastoral; Gemeindepastoral; Katholische Schule; Mixed-Methods

1 Theoretische Rahmung

 

Der Idee einer Schul- und Erziehungsgemeinschaft folgend, sind in katholischen Schulen schulpastorale Angebote verortet, die angesichts der Entscheidung für den Ganztag oftmals in Kooperation mit der Kirchengemeinde oder kirchlichen Jugendverbänden ausgestaltet werden (Könemann, 2017, S. 161–162). Seitens der Akteur*innen verbindet sich mit dieser Form der Zusammenarbeit in entscheidender Weise die Intention, Schüler*innen auch im Ganztag Zugänge zu kirchlicher Jugendarbeit zu verschaffen und so mit einer Rückbindung an die konkrete Gemeinde die Ausbildung einer religiösen Identität zu ermöglichen. Zugleich wird hierdurch aber auch die Frage aufgeworfen, „inwieweit diese Träger mit ihren Konzepten in die Schule gehen können oder ob es nicht einer konzeptionell neuen Bestimmung von Schule, Schulpastoral und z.B. Jugendarbeit bedarf“ (Könemann, 2017, S. 162). Thomas Weßler verweist in diesem Zusammenhang auf die besonderen pastoralen Chancen katholischer Schulen in der Diaspora und plädiert dafür, die dort zu generierenden Erkenntnisse bei den Diskussionen über zukünftige pastorale Strukturen in Deutschland im Zuge von Prioritätensetzungen zu berücksichtigen (Weßler, 2017, S. 101).

 

2 Forschungsgegenstand

 

Auf der Basis dieser theoretischen Rahmung wird im Rahmen des Promotionsprojektes ein Jugendtreff in der Diaspora deskriptiv analysiert und evaluiert werden, der in der Trägerschaft der örtlichen Kirchengemeinde steht, sich aber in den Räumlichkeiten einer weiterführenden katholischen Schule befindet und damit exemplarisch für Projekte schulkooperativer Gemeindepastoral steht. Es soll die konkrete Zusammenarbeit von Schulpastoral und örtlicher Kirchengemeinde in diesem Jugendtreff untersucht werden, um anschließend Perspektiven und Impulse für eine zukunftsfähige Gestaltung dieser Kooperationen zu entwickeln. Forschungsleitend wird dabei insbesondere die Definition eines inhaltlichen Profils derartiger Kooperationen sein sowie die Frage, „inwieweit die Handlungslogiken von Schule und Jugendarbeit“ (Kaupp, 2015, S. 251) im Rahmen projektierter Zusammenarbeit kombinierbar und gewinnbringend auszugestalten sind. Zugleich wird zu hinterfragen sein, inwieweit diese Kooperationsform Auswirkungen auf das intergenerationale Lernen als Qualitätsmerkmal des Lernortes Gemeinde hat (Kaupp, 2015, S. 254). Da katholische Schulen in der Diaspora einer weitreichenderen pastoralen Anforderung ausgesetzt sind, als nur eine katholische Schule zu sein (Weßler, 2017, S. 98), stellt sich zudem die Forschungsfrage, welche pastoralen und pädagogischen Aspekte identifiziert werden können.

 

3 Hypothesen

 

Zum Zweck einer deskriptiven Analyse mit anschließender evaluativer Bewertung konnten zuvor literaturbasiert drei Hypothesen generiert werden. Dabei besagt die erste Hypothese, dass der Jugendtreff weniger Schulpastoral im eigentlichen Sinne fokussiert, sondern die Koinonia als Grundgestalt der Kirche und Gestaltungsprinzip von Jugendpastoral zur Handlungsmaxime macht und somit vor allem Begegnung, Beziehung und Gemeinschaft ermöglichen will, die auf der gemeinschaftlichen Grundstruktur der Kirche fußen. Ganz praktisch geht es hierbei vor allem darum, Präsenz zu zeigen und informelle Kontakte zu ermöglichen (Höring, 2017, S. 347). Es wird zu fragen sein, inwieweit der Jugendtreff den Zielen von Schulpastoral entspricht. Die zweite Hypothese formuliert, dass die Angebotsformate möglicherweise weniger auf eine spirituelle Ebene zielen, sondern vielmehr als Freizeitangebote verstanden werden und sich damit an einem „integrativen Netzwerk von Freizeitpädagogik, Bildungsarbeit und Prävention“ (Höring, 2017, S. 32) orientieren. Ergänzend hierzu betont Angela Kaupp, dass die Erlebnisqualität der Angebote oftmals entscheidend für eine mögliche Teilnahme sei (Kaupp, 2015, S. 252). In diesem Zusammenhang wird zu untersuchen sein, inwieweit der Jugendtreff Freizeitangebote oder religiöse Angebote präsentiert sowie zu erörtern sein, inwiefern allgemeine Freizeitangebote auch Teil der Pastoral sein können. Weiterhin gilt es einzuordnen, in welchen Aspekten eine Unterscheidung des katholischen Jugendtreffs zu vergleichbaren städtischen Angeboten vorliegt. Abschließend orientiert sich die dritte Hypothese an den verschiedenen Handlungsfeldern von Jugendpastoral, die neben der Schulpastoral auch Angebote der kirchlichen Jugendarbeit in Gemeinden umfassen und sich unter anderem nach ihrem vorrangigen Ort differenzieren lassen (Höring, 2017, S. 29). So kann vermutet werden, dass Angebote der kirchlichen Jugendarbeit und der Katechese klassischerweise in der Gemeinde verortet werden und der Jugendtreff vorrangig als Beitrag zum Schulleben definiert wird. An dieser Stelle wird insbesondere zu analysieren sein, inwieweit die Schüler*innen den Jugendtreff als einen Ort der Gemeinde erleben und ob sich die Jugendarbeit verändert, wenn sie an einem anderen, neuen Ort stattfindet.

 

4 Forschungsdesign

 

Auf der Basis des Forschungsdesiderates und der Forschungsfragen wurde das Studienkonzept entwickelt. Die Studie zielt auf die Gewinnung von Kenntnissen über die schulkooperative Gemeindepastoral. Es handelt sich um ein mehrperspektivisches Mixed-Methods-Design mit sequenzieller Nutzung qualitativer und quantitativer Methoden. Es wird sowohl die Perspektive der Akteur*innen auf Leitungsebene als auch die Perspektive der Schüler*innen als Fokusgruppe miteinbezogen. Durch den Einsatz qualitativer und quantitativer Forschungsinstrumente soll es ermöglicht werden, ein detailreiches und umfassendes Datenmaterial zu generieren. In einem ersten Schritt wurden 15 Expert*inneninterviews (Helfferich, 2019) mit den Akteur*innen aus den vier Bereichen Jugendtreff, Gemeinde, Schule und Bistum geführt. Durch die teilstandardisierten Interviews sollten die Perspektiven der Akteur*innen nachvollzogen werden, um die komplexen Zusammenhänge der Kooperation erkennen und entsprechend ausdifferenzieren zu können. Die Auswertung der Interviews erfolgt qualitativ mittels der strukturierenden Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring (2015). In einem zweiten Schritt wird eine vollstrukturierte Fragebogenerhebung mit den Teilnehmer*innen, also den Jugendlichen, die den Jugendtreff im Erhebungszeitraum besuchen, im Sinne einer Fokusgruppenbefragung durchgeführt werden (Döring & Bortz, 2016). Die Auswertung wird zunächst quantitativ erfolgen. Die hier beschriebene Vorgehensweise des gemischt-methodischen Settings orientiert sich an dem explorativen Design des Mixed-Methods-Ansatzes nach John Creswell (2014). Nachdem zuerst die Interviews geführt und ausgewertet wurden, konnten erste Ergebnisse der Interviews zur Entwicklung des quantitativen Vorgehens verwendet werden. So konnten insbesondere die Items des Fragebogens aus den Ergebnissen der Interviews abgeleitet und begründet werden.

 

5 Erste Erkenntnisse

 

Erste Erkenntnisse aus den Interviews beziehen sich vor allem auf die Feststellung, dass es bei den Akteur*innen ein deutliches Bewusstsein für die christliche Ausrichtung des Jugendtreffs gibt. Dies wird in besonderer Weise durch die Erfahrung von Begegnung, Beziehung und Gemeinschaft begründet. Den Jugendlichen soll eine vom Glauben getragene Gemeinschaftserfahrung ermöglicht werden, die sie ansonsten nicht in dieser Form erfahren würden. Dabei ist das zentrale Anliegen weniger ein pastoral-konfrontatives Auftreten als vielmehr das Vorleben und die implizite Weitergabe christlicher Werte, die im gemeinsamen Miteinander erfahrbar werden. Die Angebotsformate orientieren sich weniger an einer liturgischen Facette, wie Gottesdiensten oder Gebeten, sondern vor allem an offenen und vielfältigen gesamtgesellschaftlich relevanten Themen, die im Rahmen von Workshops thematisiert und zu Teilen mit pastoralen Aspekten angereichert werden. Im Sinne einer Einordnung wird der Jugendtreff von den Akteur*innen als schulpastorales Projekt wahrgenommen, jedoch in seiner Funktion und Wirkweise deutlich von der in der katholischen Schule verankerten Schulseelsorge unterschieden. Abschließend hat sich in den Interviews gezeigt, dass der Jugendtreff ausgehend von dem Selbstverständnis der Akteur*innen in Anlehnung an das Modell Martin Lechners zur Jugendpastoral sowohl als christlich-motivierte Jugendhilfe im Sinne von Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit als auch als katholische Jugendseelsorge vor allem auf diakonischer, teilweise auch auf katechetischer und koinonischer Ebene interpretiert werden kann (Lechner, 2009, S. 15).

 

6 Weiterer Projektverlauf

 

Nachdem die Expert*inneninterviews bereits geführt wurden, wird in einer zweiten Phase die Fokusgruppenbefragung stattfinden, durch die die multiperspektivische Sicht auf den Forschungsgegenstand realisiert wird. Anschließend werden die Ergebnisse der Fokusgruppenbefragung per SPSS ausgewertet und daraufhin vor dem Hintergrund der Forschungsfragen und bezugnehmend auf die theoretische Rahmung der Arbeit in Verbindung mit den Ergebnissen der Interviews final eingeordnet werden. Im Anschluss werden dann auf der Basis der Studienergebnisse die Potenziale schulkooperativer Gemeindepastoral erörtert und Gelingensbedingungen sowie Misserfolgsfaktoren herausgearbeitet, um abschließend Perspektiven und Impulse für die zukunftsfähige Gestaltung religiöser Angebotsformate im Sinne derartiger Kooperationsformen als adäquate Antwort auf religiöse Transformationsprozesse entwickeln zu können.

 

Literaturverzeichnis

 

Creswell, J. W. (2014). Research Design. Qualitative, Quantitative, and Mixed Methods Approaches. Thousand Oaks: Sage. Döring, N. & Bortz, J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. Berlin: Springer. Helfferich, C. (2019). Leitfaden- und Experteninterviews. In N. Baur & J. Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 669–686). Wiesbaden: Springer. Höring, Patrik C. (2017). Jugendlichen begegnen. Arbeitsbuch Jugendarbeit. Stuttgart: Kohlhammer. Kaupp, A. (2015). Kirchliche Handlungsfelder im Umfeld von Schule. In A. Kaupp, G. Bussmann, B. Lob & B. Thalmeier (Hrsg.), Handbuch Schulpastoral. Für Studium und Praxis (S. 244–259). Freiburg i. Br.: Herder. Könemann, J. (2017). Religionspädagogik als Reflexion auf religiöse Bildungsprozesse. Zur Wechselseitigkeit von Theorie und Praxis. In M. Reitemeyer & W. Verburg (Hrsg.), Bildung – Zukunft – Hoffnung. Warum Kirche Schule macht (S. 157–167). Freiburg i. Br.: Herder. Lechner, M. (2009). Was ist überhaupt „Jugendpastoral“? Eine erste Annäherung. Pastoraltheologische Informationen, 29 (1), S. 10–15. Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim und Basel: Beltz. Weßler, T. (2017). Pastorale Chancen katholischer Schulen in der extremen Diaspora. In M. Reitemeyer & W. Verburg (Hrsg.), Bildung – Zukunft – Hoffnung. Warum Kirche Schule macht (S. 97–102). Freiburg i. Br.: Herder. Teresa Trynogga, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der Religionspädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Fachdidaktik, Institut für Katholische Theologie der Universität Vechta.