Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 20(2021), H.2, 176-181

Poster: Transformationsmuster juvenilen Theologisierens. Potential des conceptual change-Ansatzes für die Religionsdidaktik – exemplarisch im Kontext der Opferthematik

Die Frage, ob und wenn ja in welcher Weise religiöse bzw. theologische Vorstellungen von Jugendlichen in spezifischer Weise im Vergleich zu alltagsweltlichen gestaltet sind, steht im Zentrum des Projekts. Dafür wird auf den in der Fachdidaktik im MINT-Bereich etablierten conceptual change-Ansatz zurückgegriffen. Anhand der exemplarischen Opferthematik, die von alltagsweltlicher und theologischer Relevanz ist, wird in einer explorativ-qualitativen empirischen Untersuchung bei 17-18-jährigen Jugendlichen analysiert, welche Transformationsmuster in der Bewältigung eines conceptual change in horizontaler Hinsicht zwischen alltagsweltlichen und theologischen Kontextualisierungen zur Anwendung kommen. Aus diesen Erkenntnissen werden Möglichkeiten für didaktische Interventionen und Handlungsstrategien zur Vorstellungsförderung innerhalb der theologischen Fachrationalität entwickelt und das Potential des conceptual change-Ansatzes für den religionsdidaktischen Bereich insgesamt ausgelotet.

Conceptual change-Ansatz, Vorstellungsänderung, Religionsdidaktik, Opfer, Jugendliche

Gibt es eigentlich Spezifika religiöser bzw. theologischer Vorstellungen von Jugendlichen gegenüber alltagsweltlichen? Wenn ja, wie sind diese gestaltet? Und welche Fragen und Anregungen, vielleicht auch Konsequenzen für die Religionsdidaktik ergeben sich aus diesem Befund?

1 Theoretische Einbettung

Um diesen Fragestellungen auf den Grund zu gehen, wird mit dem conceptual change-Ansatz auf ein innerhalb der fachdidaktischen Forschung zu Vorstellungen von Schüler*innen im MINT-Bereich etabliertes theoretisches Konzept zurückgegriffen (Krüger, 2007; Vosniadou, 2008; Vosniadou, 2013; Gropengießer & Marohn, 2018). Die vertikale Dimension eines conceptual change betrifft den Wechsel zwischen (meist als problematisch erachteten) primären und (fachlich korrekten sowie angestrebten) sekundären Vorstellungen von Schüler*innen. Fachliches Lernen in diesem Sinn bedeutet, dass aus primären Vorstellungen, die von Schüler*innen mitgebracht oder aus einer fachlichen Perspektive unzureichend gelernt wurden, sekundäre Vorstellungen entwickelt werden.

Aus der Beobachtung, dass ein vertikaler Vorstellungswechsel oft nicht vollständig erreicht wird und primäre sowie sekundäre Vorstellungen nebeneinander bestehen bleiben, entwickelt sich die Aufmerksamkeit für eine horizontale Dimension eines conceptual change: ein Wechsel zwischen verschiedenen gleichrangigen Verständnisweisen, die mittels semantischer Marker ausgewiesen bzw. provoziert werden, wie zwischen alltäglichen und professionellen Zugängen oder zwischen verschiedenen Fachdisziplinen und ihren je eigenen Rationalitäten (Prediger, 2008; Reis, Kempfer, Hußmann & Gärtner, 2021).

Der conceptual change-Ansatz in horizontaler Dimension wird im Projekt als theoretischer Zugang gewählt, um die Transformationen zwischen alltagsweltlich und theologisch gerahmten Vorstellungen Jugendlicher und damit die Spezifika theologischer Vorstellungen junger Menschen besser fassen zu können.

2 Exemplarisch gewählte Thematik

Die Opferthematik bietet sich als exemplarisches Themenfeld für die Beobachtung eines conceptual change in horizontaler Dimension an, weil sie sowohl alltagsweltlich als auch theologisch von Relevanz ist. ‚Opfer‘ ist gerade im Deutschen ein schillernder Begriff. Zum einen kann dieser im Sinn von ‚victima‘, von ‚Opfer sein‘ bzw. ‚zum Opfer gemacht werden‘, verstanden werden. Damit sind Menschen im Blick, die unter Widerfahrnissen unterschiedlichster Ausprägung zu leiden haben. In einer sozialen Perspektive sind in spezifischer Weise Personen gemeint, „mit denen man es machen kann. Es sind die, die auf der sozialen Leiter ganz unten stehen“ (Schlag, 2009, S. 179; siehe auch Peter, 2020). Zum anderen kann der Terminus auch im Sinn von ‚sacrifium‘ als ‚Opfer bringen‘ aufgefasst werden. Ein solches Tun kann sowohl zugunsten einer transzendenten als auch einer innerweltlichen Größe – für geliebte Menschen, ein Volk, aber auch eine Idee – erfolgen (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache; Bibliographisches Institut).

Die Opferthematik spielt in der gegenwärtigen Kultur unter verschiedenen Rücksichten eine entscheidende Rolle. Opferdiskurse im Sinn von ‚victima‘ bergen eine Ambivalenz, insofern der Opferstatus prinzipiell Unangenehmes mit sich bringt, aber auch mit einem Machtstatus, v.a. moralischer Art, verbunden ist (Fischer, 2006; Franzen & Schulze Wessel, 2012; Breitenfellner, 2013; Giglioli, 2016; Binder, Diem, Finkelstein, Klettenhammer, Mertz-Baumgartner, Milošević & Pröll, 2020). Opfermotive im Sinn von ‚sacrificium‘ finden breite Aufnahme in kulturellen Aufarbeitungen, gerade in Literatur und Film (Gutmann, 2004; Pahl, 2009; Kirsner, 2014). Im Feld der Theologie gehört ‚Opfer‘ zu den „am wenigstens [sic!] gedanklich geklärten Begriffen“ (Spaemann, 1995, S. 24) des Fachvokabulars überhaupt, bietet damit aber Offenheit für verschiedene theologische Opferkonzeptionen.

3 Präzisierung des Erkenntnisinteresses und Konzeption

Das Erkenntnisinteresse erfährt aufgrund der gewählten theoretischen Einbettungen und Zugangsweisen spezifische Präzisierung. Im Zentrum stehen Vorstellungsänderungen von Jugendlichen im Sinn eines conceptual change in horizontaler Hinsicht zwischen alltagsweltlichen und theologischen Rahmungen exemplarisch zur Opferthematik.

Solche Vorstellungsänderungen junger Menschen werden mittels einer explorativ-qualitativen Studie untersucht. Gewählt wird dafür ein didaktisches Setting im Rahmen von katholischem Religionsunterricht. Die Erhebung findet mittels einer schriftlichen Befragung von 42 Schüler*innen der 11./12. Jahrgangsstufe, also 17-18-jährigen Jugendlichen, an vier österreichischen Gymnasien statt. Die Schüler*innen beantworten zwei Fragestellungen, in denen der Opferbegriff mittels spezifischer semantischer Marker einmal alltagsweltlich, einmal theologisch gerahmt wird, auf separaten und nacheinander zu bearbeitenden Blättern.

Die Auswertung ist vom Integrativen Basisverfahren, das auf grundlegenden Unterscheidungen von Karl Mannheim aufruht, inspiriert. Jan Kruse betont die „Erfahrungs- und Deutungsmächtigkeit von Akteur/inn/en vor dem Hintergrund bestehender kollektiver (Wissens-)Strukturen“ (Kruse, 2015, S. 82). Als Konkretisierung dieses Zugangs kann die Syntaktisch-Semantische Intensivanalyse von Burkard Porzelt (1999) angesehen werden. Die besondere Aufmerksamkeit für die Sprachgestalt legt nahe, Anleihe auch bei der Linguistik zu nehmen. So werden in der Frame-Semantik Wortbedeutungen dekomponiert, indem diese in ihre Attribute und deren konkrete Bestimmungen bzw. Werte aufgeschlüsselt werden (Löbner, 2015).

Um die Spezifika juveniler kontextbedingter Vorstellungsänderungen besser fassen zu können, erfolgt die Analyse vor dem Hintergrund und im Vergleich mit systematisch-theologischen Konzepten. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Opfertod Jesu, weil sich das christliche Opferverständnis in erster Linie von diesem her erschließt. Um die Breite des Opferdiskurses abbilden und den im Horizont des conceptual change-Ansatzes in besonderer Weise relevanten inhaltlichen Verschiebungen zwischen verschiedenen theologischen Zugängen nachgehen zu können, wird eine modellbezogene Herangehensweise gewählt (Büttner & Reis, 2020). Die Opfermodelle der christlichen Tradition werden entlang der unterschiedlichen Betonungen von sacrificium und victima sowie von Transzendenz und Immanenz entwickelt und beschrieben.

Die Auswertung der qualitativen Untersuchung und die weiterführenden Überlegungen erfolgen auf verschiedenen Ebenen. Zum Ersten werden die Transformationsmuster der Jugendlichen in der Bearbeitung der unterschiedlichen Kontextualisierungen, die zugleich auch die Spezifika der theologischen (Opfer-)Vorstellungen der Jugendlichen deutlich werden lassen, als conceptual change in horizontaler Perspektive beschrieben. Zum Zweiten werden davon ausgehend Möglichkeiten der Vorstellungsförderung innerhalb der theologischen Fachrationalität erarbeitet – also eines conceptual change in vertikaler Hinsicht unter Berücksichtigung der Besonderheiten des religionsdidaktischen Feldes. Zum Dritten wird das Potential des conceptual change-Ansatzes für die Religionsdidaktik insgesamt ausgelotet.

4 Erste Ergebnisse und Ausblick

Nach ersten Analysen des erhobenen Materials können fallübergreifend fünf formale Transformationsarten unterschieden werden, mittels derer die Jugendlichen den Wechsel zwischen den unterschiedlichen inhaltlichen Rahmungen bearbeiten. Im Fall von (1) Konsistenz werden Motive bzw. Merkmale in identer Weise verwendet; bei (2) Fokussierung finden einzelne Motive oder Merkmale keine Berücksichtigung mehr; (3) Adaptierung umfasst leichte, (4) Figuration gravierende Änderungen eines bereits thematisierten Motivs oder Merkmals; (5) Neuthematisierung charakterisiert das Einbringen eines zuvor nicht behandelten Motivs oder Merkmals.

Diese formalen Transformationsarten werden auf damit einhergehende auffällige inhaltliche Ausgestaltungen hin gesichtet. Erste Beobachtungen zeigen, dass mit den Transformationsarten Konsistenz und Neuthematisierung tendenziell allgemein gehaltene und wenig ausdifferenzierte Opfervorstellungen einhergehen. Ein höherer Differenzierungsgrad der Opfervorstellungen ist bei Fokussierungen, mehr noch bei Adaptierungen und Figurationen gegeben, also bei Transformationsweisen, bei denen mit dem Kontextwechsel bestehende Vorstellungen in stärkerer Weise verändert werden.

Allen Transformationsarten ist eine bestimmte inhaltliche Tendenz gemeinsam: Nicht-menschliche Einflussfaktoren und kultische Opfervorstellungen werden mit dem Wechsel von der alltagsweltlichen hin zur theologischen Kontextualisierung weggelassen, involvierte Beziehungen sowie Besonderheiten des Opfers Jesu werden betont. Damit nehmen Jugendliche tendenziell Vorstellungsänderungen vor, die hinsichtlich deren theologischer Intuition durchaus als Widerspiegelung von fachtheologischen Schwerpunktsetzungen verstanden werden können.

Aufbauend auf diesen noch detailliert auszuarbeitenden fallübergreifenden Transformationsarten und damit einhergehenden inhaltlichen Auffälligkeiten werden die Gesamttexte nach den jeweiligen ‚dominanten‘ Transformationsarten geordnet und auf spezifische Gemeinsamkeiten hin befragt. Die weiterführenden didaktischen Auswertungen auf den verschiedenen Ebenen können so ausgehend von einer tragfähigen Grundlage angestellt werden.

Literaturverzeichnis

Binder, E., Diem, C., Finkelstein, M., Klettenhammer, S., Mertz-Baumgartner, B., Milošević, M. & Pröll, J. (Hrsg.) (2020). Opfernarrative in transnationalen Kontexten (Medien und kulturelle Erinnerung 3). Berlin/Boston: De Gruyter.

Breitenfellner, K. (2013). Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt. München: Diederichs.

Bibliographisches Institut, Duden. Opfer. URL: www.duden.de/rechtschreibung/Opfer [Zugriff: 25.10.21].

Büttner, G. & Reis, O. (2020). Modelle als Wege des Theologisierens. Religionsunterricht besser planen und durchführen. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht.

Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache. Opfer. URL: www.dwds.de/wb/Opfer [Zugriff: 25.10.21].

Fischer, K. (2006). Between Sacrification and Victimization. On Political Semantics and Its Strategic Functions. In U. Ewald & K. Turković (Hrsg.), Large-Scale Victimisation as a Potential Source of Terrorist Activities. Importance of Regaining Security in Post-Conflict Societies (S. 67–72). Amsterdam: IOS.

Franzen, K. E. & Schulze Wessel, M. (Hrsg.) (2012). Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 126). München: Oldenbourg.

Giglioli, D. (2016). Die Opferfalle. Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt. Berlin: Matthes&Seitz.

Gropengießer, H. & Marohn, A. (2018). Schülervorstellungen und Conceptual Change. In D. Krüger, I. Parchmann & H. Schecker (Hrsg.), Theorien in der naturwissenschaftsdidaktischen Forschung (S. 49–67). Berlin: Springer.

Gutmann, H.-M. (2004). Das Opfer als Geschenk, das die Gewalt verschlingt? Prost Mahlzeit! In I. Kirsner & M. Wermke (Hrsg.), Gewalt – Filmanalysen für den Religionsunterricht (S. 118–130). Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht.

Kirsner, I. (2014). Das Opfer im Film. Einer muss sterben fürs Volk. In I. Kirsner & M. Wermke (Hrsg.), Religion im Kino. Religionspädagogisches Arbeiten mit Filmen (2. Aufl., S. 45–53). Jena: IKS Garamond.

Krüger, D. (2007). Die Conceptual Change-Theorie. In D. Krüger & H. Vogt (Hrsg.), Theorien in der biologiedidaktischen Forschung. Ein Handbuch für Lehramtsstudenten und Doktoranden (S. 81–92). Berlin u.a.: Springer.

Kruse, J. (2015). Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz (2. überarb. u. erg. Aufl.). Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Löbner, S. (2015). Semantik. Eine Einführung (2. aktual. u. stark erw. Aufl.). Berlin/Boston: De Gruyter.

Pahl, J. (2009). Sacrifice. In J. Lyden (Hrsg.), The Routledge Companion to Religion and Film (S. 465–481). London/New York: Routledge.

Peter, K. (2020). Bedeutung und Auswirkungen schulischer Viktimisierungserfahrungen. Qualitativ-empirische Einblicke und religionspädagogische Perspektiven. ÖRF, 28(2), S. 173–189.

Porzelt, B. (1999). Jugendliche Intensiverfahrungen. Qualitativ-empirischer Zugang und religionspädagogische Relevanz. Graz: Manumedia-Verlag Schnider.

Prediger, S. (2008). Do you want me to do it with probability or with my normal thinking? – Horizontal and vertical views on the formation of stochastic conceptions. International Electronic Journal of Mathematics Education, 3(3), S. 126–154.

Reis, O., Kempfer, K., Hußmann, S. & Gärtner, C. (2021). Zum scheinbar mühelosen Wechsel zwischen Welten. Hürden im Erwerb von Differenzkompetenz aus interfachdidaktischer Perspektive. ÖRF, 29(1), S. 89–109.

Schlag, T. (2009). Kann man heute noch über Opfer sprechen? – Überlegungen zur religiösen Kommunikation mit Jugendlichen über ein unzeitgemäßes Thema. In B. Acklin Zimmermann & F. Annen (Hrsg.), Versöhnt durch den Opfertod Christi? Die christliche Sühnopfertheologie auf der Anklagebank (S. 179–195). Zürich: Theologischer Verlag.

Spaemann, R. (1995). Einleitende Bemerkungen zum Opferbegriff. In R. Schenk (Hrsg.), Zur Theorie des Opfers. Ein interdisziplinäres Gespräch (Collegium philosophicum 1) (S. 11–24). Stuttgart: Frommann-Holzboog.

Vosniadou, S. (Hrsg.) (2008). Handbook of research on conceptual change. Hillsdale: Erlbaum.

Vosniadou, S. (Hrsg.) (2013). International Handbook of Research on Conceptual Change (2. Aufl.). New York: Routledge.

 

Dr. Karin Peter, Wissenschaftliche Projektleiterin „Religionspädagogische Analysen zur Opferthematik“, Kath.-Theol. Fakultät, Universität Wien