Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 20 (2021), H.2, 154–157

Poster: Weg vom Krieg, hin zum Frieden – Neujustierung der Friedensfrage in religionspädagogischer Perspektive

Die theologische Ethik diskutiert die Frage des gerechten Kriegs heute als Frage nach dem gerechten Frieden. Dies ist ein Paradigmenwechsel, der fundamental die Perspektive ändert: weg vom Krieg, hin zum Frieden! Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen auch für die Religionspädagogik. Es bedarf einer Neujustierung der Friedensfrage, die dem Anspruch ethischer Bildung gerecht wird und den Paradigmenwechsel aufnimmt. Dies verdeutlicht das Desiderat von Leitlinien für eine religionspädagogisch orientierte Friedenspädagogik und ihrer Didaktik.

Religiöse Bildung und Didaktik, Ethisches Lernen, Frieden, Friedensethik, Friedenspädagogik

1 Verortung und Relevanz

Zu Beginn der 1980er Jahre fanden der Widerstand gegen den Vietnamkrieg, die Ablehnung von Atomwaffen und der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss große Resonanz in den Kirchen und den Materialien für den Religionsunterricht (Rohloff, 2009, S. 133–134). Seit dem Ende der achtziger Jahre gibt es in der Religionspädagogik jedoch kaum mehr Beiträge zur Friedensethik im Religionsunterricht. Es stellt sich die Frage, warum der damalige gesellschaftliche Kontext die Friedensfrage in den Fokus der Religionspädagogik gerückt hat, gegenwärtige Bedrohungslagen, gesellschaftliche Entwicklungen und neue Herausforderungen (z.B. die Legitimation von Krieg als ‚humanitärem Einsatz‘) dies jedoch nicht vermögen.

Für die Religionspädagogik stellt das biblisch-theologische Friedensgebot und damit die Frage von Krieg und Frieden eine Grundaufgabe religiöser Bildung und Erziehung dar. Nach Schweitzer lassen sich viele Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens ohne Religion als Bildungsinhalt nicht verstehen (2014, S. 205). Für die Religionspädagogik ist dabei die Frage nach Frieden bedeutsam, denn „zahlreiche politische Spannungen und Auseinandersetzungen in vielen Ländern der Welt weisen eine religiöse Dimension auf“ (ebd.). Darüber hinaus formuliert Schweitzer zwei weitere für die Friedensfrage in besonderem Maße entscheidende Argumente, die nicht nur aus pädagogischer Sicht den Zusammenhang zwischen Bildung und Religion begründen, sondern auch die Relevanz der Friedensthematik im Religionsunterricht unterstreichen (2013, S. 95): Religion als Grundlage moralischer Erziehung sowie Religion als für das gesellschaftliche Leben erforderliches Thema, besonders in einer pluralen Gesellschaft. Dort habe das Verhältnis zwischen den Religionen an Bedeutung gewonnen – sowohl im Hinblick auf „das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft insgesamt, aber auch für Bildung und Schule“ (ebd.). In diesem Sinne würdigt auch Schliesser (2021, S. 119) das Potential des Religionsunterrichts, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung hin „zu mündigen und (selbst-)kritischen Bürgerinnen und Bürgern, die auf der Grundlage ihres christlichen Wirklichkeitsverständnisses engagiert und couragiert an Politik und Gesellschaft partizipieren“ zu unterstützen.

Abb.1: Zentrale Orientierungsfelder für die christliche Friedenspädagogik in religionspädagogischer Perspektive

Für die evangelische Religionspädagogik und christliche Friedensethik/-pädagogik bieten biblische Schriften sowie die Verlautbarungen und Positionierungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zentrale Orientierungspunkte. Diese Felder sind nicht getrennt voneinander zu verstehen, sondern bauen inhaltlich aufeinander auf. Die theologische Ethik diskutiert die Frage des gerechten Kriegs heute als Frage nach dem gerechten Frieden. Diese Formulierung zeigt die fundamentale Änderung der Perspektive – weg vom Krieg, hin zum Frieden (weiterführend zu diesem Paradigmenwechsel: Huber, 2009). Noch hat dieser Perspektivenwechsel jedoch eher Appellcharakter, eine systematische Ausarbeitung dieses Paradigmenwechsels steht in der theologischen Ethik noch aus.

2 Desiderat und Diskussion

Auch die Religionspädagogik hat diese Fortentwicklung in der christlichen Friedensethik bislang noch nicht ausreichend aufgegriffen (weiterführend zur christlichen Friedensethik: Schockenhoff, 2018). Frieden und Friedensethik stellen sich jedoch angesichts der veränderten Diskussionslage in der theologischen Ethik auch als eine (religions-)pädagogische Frage neu.

Das Konzept des gerechten Friedens vereint verschiedene Dimensionen und muss im Grunde als politischer Begriff wahrgenommen werden. Frieden sollte nicht als etwas Privates verstanden werden, sondern ist gekoppelt an gerechte Verhältnisse. Es gilt das Grundverständnis, dass es ohne gerechte Verhältnisse in Gesellschaft, Politik, Ökonomie und Kultur keinen Frieden geben wird. Damit trägt die Friedensfrage die politische Dimension von Religion in die Religionspädagogik. Allerdings spiegeln sich die politische Dimension der kirchlichen Friedensarbeit und die gegenwärtigen Ansätze zur Revision der friedensethischen Tradition der Kirchen in den religionspädagogischen Arbeiten und Publikationen noch wenig (Kuld, 2014, S. 395). Auch Baumann betont, dass eine Neujustierung der Friedensfrage und des friedenspädagogischen Erbes der Religionspädagogik für die Gegenwart ein dringendes Desiderat darstellt (2013, S. 7), wenn die Religionspädagogik dem Anspruch ethischer Bildung gerecht werden will.

Im derzeitigen religionspädagogischen Diskurs sind drei problematische Ausprägungsformen festzustellen, die an der Friedensfrage in der Religionspädagogik sichtbar werden und die Notwendigkeit ebendieser Neujustierung auch im Bereich der religiösen Bildung verdeutlichen: Entpolitisierung, Verengung und Transformation (in andere Fragestellungen). Besonders heikel ist bei allen drei Tendenzen, dass die Friedensfrage nicht in ihrer gesamten Dimension zur Geltung gebracht wird. Häufig wird sie allein auf „zwischenmenschlicher und sozialer Ebene“ und damit schlicht „verengt behandelt“ (Grümme, 2018, S. 124). Auch die Entpolitisierung der Friedensfrage, eine „Verkleinerung“ (Mendl, 2011, S. 62) auf den schulischen Raum, ist kritisch einzuordnen. Insgesamt lassen die Entwicklungen der religionspädagogischen Entwürfe eine Verschiebung in Richtung ästhetischer und performativer Lernformen erkennen. Durch diese Entwicklung wird die Friedensfrage häufig nur implizit/transformiert aufgenommen, es mangelt an einer expliziten Auseinandersetzung im Hinblick auf die politische Dimension der Friedensfrage (Grümme, 2018, S. 111).

3 Ausblick

Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen:

-        Braucht Friedenspädagogik im Lernfeld des Religionsunterrichts eine eigene Didaktik und wie kann diese gestaltet werden?

-        Was ist von einem im Lernfeld Frieden gebildeten Menschen zu erwarten? (Nipkow, 2007; Mokrosch & Spiegel, 2018)

-        Wie sind friedensethische Grundlagen der Bibel und Positionen der EKD als religionspädagogische Fragestellung zu formulieren und für den Religionsunterricht praktisch werden zu lassen?

-        Wie kann das christliche Friedensethos in eine Sprache übersetzt werden, die Kinder und Jugendliche verstehen, die weithin säkular und ohne religiöse Bildung aufwachsen? (Käbisch, 2014)

Zusammenfassend lässt sich Folgendes konstatieren: Der Beitrag des Religionsunterrichts zu einem vertieften Verständnis von Frieden im Sinne einer Lehre vom gerechten Frieden gehört zu den offenen Fragen der Religionspädagogik. Neben der mehrdimensionalen Darstellung und Diskussion des friedensethischen Paradigmenwechsels bedarf es einer Neuausrichtung im gegenwärtigen religionspädagogischen Diskurs. Dies verweist auf die Anfrage, inwiefern religiöse Bildungsprozesse im Religionsunterricht zu begründeter Urteilsfähigkeit, reflexiver Haltung und vertieftem Verständnis von Frieden beitragen könn(t)en, die in der Entwicklung von Leitlinien für eine religionspädagogisch orientierte Friedenspädagogik und ihrer Didaktik münden.

 

Literaturverzeichnis

Baumann, U. (2013). Einsicht in den Weg des Friedens. Forschungsstand der Religionspädagogik zur Friedensbildung. Dokumentation der Tagung „Friedensbildung in der Schule“. Rauischholzhausen.

Grümme, B. (2018). Ethisches Lernen im Kontext des Religionsunterrichts. Ansätze und Herausforderungen. In B. Schröder & M. Emmelmann (Hrsg.), Religions- und Ethikunterricht zwischen Konkurrenz und Kooperation (S. 111–128). Göttingen u.a.: Vandenhoeck & Ruprecht.

Huber, W. (2009). Von der gemeinsamen Sicherheit zum gerechten Frieden. Die Friedensethik der EKD in den letzten 25 Jahren. In H.-R. Reuter (Hrsg.), Frieden – Einsichten für das 21. Jahrhundert (S. 147–170). Berlin u.a.: Lit.

Käbisch, D. (2014). Konfessionslosigkeit und Religionsunterricht. Eine fachdidaktische Grundlegung. Tübingen: Mohr Siebeck.

Kuld, L. (2014). „Mach Frieden“. Friedenspädagogik gehörte in den letzten zwanzig Jahren eher zu den Randthemen der Religionsdidaktik. Allerhöchste Zeit für ein neues Nachdenken. Katechetische Blätter. Zeitschrift für religiöses Lernen in Schule und Gemeinde, 139(6), S. 394–395.

Mendl, H. (2011). Religionsdidaktik kompakt. Für Studium, Prüfung und Beruf. München: Kösel.

Mokrosch, R. & Spiegel, E. (2018). Friedenspädagogik. URL: www.bibelwissenschaft.de/stichwort/200366/ [Zugriff: 25.10.2021].

Nipkow, K. E. (2007). Der schwere Weg zum Frieden. Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik von Erasmus bis zur Gegenwart. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Rohloff, B. (2009). Medien im Kontext der religiös orientierten Bildungsarbeit. Eine Untersuchung zur Bildungsmedienentwicklung seit 1945 unter besonderer Berücksichtigung der audiovisuellen Medien (Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik 5). Berlin u.a.: Lit.

Schliesser, C. (2021). Politische Ethik. In K. Lindner & M. Zimmermann (Hrsg.), Handbuch ethische Bildung. Religionspädagogische Fokussierungen (S. 113–121). Tübingen: UTB.

Schockenhoff, E. (2018). Kein Ende der Gewalt? Friedensethik für eine globalisierte Welt. Freiburg im Breisgau u.a.: Herder.

Schweitzer, F. (2014). Bildung (Theologische Bibliothek 2). Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Theologie.

Schweitzer, F. (2013). Religiöse Bildung als Aufgabe der Schule. In M. Rothgangel, G. Adam & R. Lachmann (Hrsg.), Religionspädagogisches Kompendium (S. 92–105). Göttingen u.a.: Vandenhoeck & Ruprecht.

 

Dr. Christiane Caspary, Habilitandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts am Institut für Evangelische Theologie, Universität Koblenz-Landau, Campus Landau.